Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Sept. 11 2018

Frauke Adrians stellt ihr Buch zum Dreißigjährigen Krieg im Kultur: Haus Dacheröden vor

Beeindruckende Rückkehr nach Erfurt

Frauke Adrians im Kultur: Haus Dacheröden.
Frauke Adrians im Kultur: Haus Dacheröden.

Von Sigurd Schwager

Die Zahl der Bücher, die mit dem Dreißigjährigen Krieg befasst sind, ist Legion. Ganze Bibliotheken könnte man damit bis unters Dach füllen: unten die versammelte Erkenntnis der Wissenschaftler-Heerschar, in der Mitte die populären Erkundungen aller Art, oben das Werk von Grimmelshausen, Friedrich Schiller, Bertolt Brecht oder jüngst Daniel Kehlmanns hochgelobter Roman „Tyll“.

Und für Nachschub in den Regalen ist gesorgt. 400 Jahren nach dem Prager Fenstersturz, mit dem alles begann, haben eine Reihe Professoren ihre neuen Bücher in das aktuelle Zeitschaufenster gestellt. „Eine europäische Tragödie“ leuchtet Peter H. Wilson aus. „Die Reiter der Apokalypse“ sichtet Georg Schmidt. „Europäische Katastrophe. Deutsches Trauma“ konstatiert Herfried Münkler.

Auch der Erfurter Herbstlese ist das große Thema eine Veranstaltung wert. Vorgestellt wird im Dacherödschen Haus das Buch „Der Dreißigjährigen Krieg. Zerstörung und Neuanfang in Europa“ von Frauke Adrians. Für die in Berlin lebende Autorin ist es durchaus ein sehr besonderer Abend. Er bringt die Journalistin zurück in jene Stadt, in der sie bis 2013 viele Jahre für die „Thüringer Allgemeine“ gearbeitet und vor allem als streitbare Kulturredakteurin bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Es ist nicht zu übersehen im Saal: Man erinnert, man kennt, man schätzt sich. Das gilt auch für ihren Erfurter Ex-Chef, mit dem sie nach halbstündiger Lesung über ihr Buch, über den Dreißigjährigen Krieg, den Westfälischen Frieden und mögliche Lehren für unsere Zeit diskutiert: Sergej Lochthofen, langjähriger TA-Chefredakteur.

Wie kommt eine Kulturjournalistin und exzellente Musikkritikerin dazu, ein Buch über etwas zu schreiben, das - wie sie selbst sagt - nicht vergnügungssteuerpflichtig ist? Das Thema, erzählt Frauke Adrians, habe sie schon als Studentin in Dortmund intensiv beschäftigt. Ihre Diplomarbeit schreibt sie 1998 über „Journalismus im Dreißigjährigen Krieg“. Nun nimmt sie 20 Jahre später diesen Faden wieder auf und widmet ein Kapitel des Buches „Medien und Kunst im Krieg 1618 bis 1648“. Darin geht es um Flugblätter und Flugschriften, um die Geburt der Zeitung, um Boulevardblätter und Meinungspresse, um Dichter und Schriftsteller als Kriegszeugen, Maler in Friedensmission, Musik für Krieg und Frieden.

Frauke Adrians gelingt es nicht nur bei diesem Exkurs, die Leser in ihren Bann zu ziehen. Ihre Stärke ist die ihres Buches. Die Autorin gibt an keiner Stelle mit ihrem beträchtlichen Wissen an. Sie gießt es vielmehr in die Form einer klaren, anschaulichen Sprache und macht so selbst komplizierteste Sachverhalte verständlich, ohne dabei ins Vereinfachen abzugleiten. Es ging damals, sagt und schreibt Frauke Adrians, nicht nur um den Glauben, um die Konfession, um einen Religionskrieg Katholiken gegen Protestanten. Andere Kriegsgründe scheinen ihr zeitloser und substanzieller. „Es ging um Macht und ihre Verteilung, um Landbesitz und Seehoheit. Um Geld und Einnahmequellen, selbstverständlich. Das 17. Jahrhundert war reich an Kriegen und Aufständen, als würde sich Europa gewaltsam häuten.“ Die entscheidende Front sei zwischen zwei katholischen Herrscherhäusern verlaufen: Habsburg und Bourbon.

Viel Raum nimmt im Buch wie im Erfurter Gespräch das Leid der Menschen im Krieg ein. „Der Dreißigjährige Krieg - dieser Namen beschwört aber vor allem Bilder in Blut- und Feuerrot herauf, Bilder von brennenden Dörfern und Städten, von nicht enden wollenden Gemetzeln mit Piken und Hellebarden, Kanonen und Vorladern, von roher Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, von Hunger und Seuchen...“

Der Krieg fordert Millionen von Opfern, mehr als ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands kommt ums Leben. „An ein Ende“, so die Autorin, „kam der Krieg erst, als alle Kriegsparteien erschöpft waren und niemand mehr glaubte, durch die Fortführung der Kämpfe noch einen Vorteil gewinnen zu können.“
Wie das (reich und gut illustrierte) Buch endet auch der Erfurter Abend im Heute, beim Westfälischen Frieden und seiner Bedeutung für das 21. Jahrhundert. Ob seine Geschichte eine gewisse Hoffnung für den Nahen Osten bereit halte? „Das ist in der Tat viel gehofft“, meint Frauke Adrians. „Aber es braucht solchen Optimismus, zudem Ausdauer und Kompromissbereitschaft, um einen Dreißigjährigen Krieg zu beenden. Und einen Achtzigjährigen. Das zumindest ist die Lehre von 1648.“
Das beeindruckte Herbstlese-Publikum dankt Frauke Adrians mit herzlichem Beifall. Dem ebenso beeindruckten Sergej Lochthofen, der eher selten zum Lob neigt, ist nicht zu widersprechen, wenn er das Buch für sehr empfehlenswert hält; auch und gerade für jüngere Leser.

Frauke Adrians

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