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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Dez. 01 2021

Vorgestellt von Monika Rettig, Programmleiterin der Erfurter Herbstlese

Edgar Selge „Hast du uns endlich gefunden"

Edgar Selge „Hast du uns endlich gefunden"
Edgar Selge „Hast du uns endlich gefunden"

„Hast du uns endlich gefunden“ von Edgar Selge ist für mich das Buch des Bücherherbstes 2021. Es stimmt einfach alles an diesem literarischen Debüt des großen Schauspielers und Charakterdarstellers: Ton, Stil, Rhythmus und Sprache.

Aus der Innenperspektive eines Kindes, eines Jungen schauen wir auf eine bildungsbürgerliche, sehr kultivierte Familie Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre, die die Flucht aus Königsberg in Ostpreußen hinter sich hat und im ostwestfälischen Herford gelandet ist. Alle in dieser Familie sind musikalisch und die Musik – wie auch der Tod – Leitmotive des Buches.

Der Vater, ein „besonders gut klavierspielender Gefängnisdirektor“, gibt regelmäßig Hauskonzerte, zu denen auch immer rund achtzig jugendliche Gefangene eingeladen werden. Diese Hauskonzerte sind für den Jungen berauschende sinnliche Erlebnisse, die er liebt. „Ich finde, so ein Geigenton ist eine Verführung. Eine Aufforderung zur Lust, wie sie in meinem Leben sonst nicht vorkommt.“ Das Elternhaus ist von protestantischer Strenge, von Anstrengung geprägt und nährt in dem Jungen die große Sehnsucht abzuhauen, endlich wegzukommen. Einmal versucht er es auch, kommt aber nicht weit, denn der Vater fängt ihn zufällig ab.

Aber die Fluchten im Kopf, die kann ihm keiner verwehren. Mit Hilfe der Musik, heimlich angeschauten Kinofilmen, Büchern und seinen imaginierten Welten im heimischen Garten, in denen er Schlachten nachstellt, katapultiert er sich heraus aus einer Welt, deren Risse er, hellwach und sehr sensibel, deutlich spürt. Denn hinter all der gepflegten Kultiviertheit lauern Gewalt, verdrängte Schuld und Trauer. Die Welt der Erwachsenen ist noch vollständig kontaminiert vom Krieg und der persönlichen Schuld, die allzu viele mit sich schleppen und verdrängen. Edgars ältere Brüder konfrontieren gerade den Vater am Abendbrottisch immer wieder mit der Nazi-Vergangenheit und dem tief sitzenden Antisemitismus.

Wie wenig die sich so geordnet gebende Welt mit sich im Reinen ist, zeigt sich nicht zuletzt in der Gewalt, die Edgar am eigenen Leib erleben muss. Die brutalen Schläge und Misshandlungen fressen sich tief ein in den Körper des Jungen. So tief, dass es aus dem 73-jährigen Erzähler Edgar Selge an einer Stelle im Buch herausbricht: „Mensch, Edgar, sag, was los ist! Meine Liebe zu meinem Vater. Das ist es, was los ist. Ich will nicht zugeben, von jemandem geschlagen zu werden, den ich liebe. Und noch weniger will ich zugeben, dass seine Schläge meine Liebe nicht ausgelöscht haben. Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt.“

Dieser Erzähler tritt an mehreren Stellen heraus aus dem Erzählfluss und gibt sich zu erkennen: „Jetzt sitze ich hier und schreibe das auf. Hoffentlich verschwinde ich nicht zwischen den Sätzen. Je genauer ich bin, desto fremder werde ich mir.“

Edgar Selge, der schon lange den Drang zum Schreiben in sich gespürt und ihm nun glücklicherweise nachgegeben hat, sagt über seine Figur: „Dieses Kind ist ein ferner Bruder von mir.“ Dass er sich ihm auf eine so überzeugende und berührende Art und Weise angenähert hat, ist ein Glück für uns Leserinnen und Leser. „Ein Wahnsinnsbuch“, befindet der Rezensent des Deutschlandfunk völlig zu Recht.

Vorgestellt von Monika Rettig, Programmleiterin der Erfurter Herbstlese

 

 

Edgar Selge „Hast du uns endlich gefunden"
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-00122-3
24,00 Euro


Das Buch kann unter diesem Link bei
unserem langjährigen Partner Hugendubel erworben werden.

 

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