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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Juni 04 2020

Vorgestellt von Marlene Borchers, Literaturwissenschaftlerin

Karen Köhler „Miroloi“

Karen Köhler „Miroloi“
Karen Köhler „Miroloi“

In „Miroloi“ steht eine beinahe vollständig abgeschottete, stark patriarchisch geprägte Gesellschaft im Mittelpunkt, die auf einer Mittelmeerinsel ihr streng reglementiertes Dasein fristet. Die namenlose Protagonistin ist ein Findelkind, bewegt sich durch diese Tatsache und jene, dass sie weiblich ist, am Rande dieser Gesellschaft. Dadurch ergeben sich gleich mehrere Konflikte, die auch in Bezug auf unsere Gesellschaft relevant sind: die Frage nach Identität und den Strukturen der Gesellschaft; ob und wie man letzteren entkommen kann.

Köhlers Stil ist recht einfach gehalten, passt aber gerade dadurch in das Bild, das von der Bewohnerin einer Welt gezeichnet wird, die weder Bildung noch ein liebevolles Zuhause hat. Durch die Naivität und die Lernwilligkeit der Protagonistin wird umso deutlicher, welche Bedeutung Sprache hat – nicht nur für eine uns (scheinbar) völlig ferne, totalitäre Gesellschaft.

Wenn das System der Welt beschrieben wird, klingen nämlich auch immer Dinge aus unserer Welt mit, was die Konflikte greifbar macht. Beispielsweise die heilige Khorabel, auf der das Inselleben basiert und deren Name beinahe überdeutlich auf real existierende Schriften hinweist. Hierbei geht es nicht nur um die Bedeutung von Religion, sondern auch um Zensur und was es eigentlich heißt, lesen zu können. Sprache und Wissen ist hierbei ein zentraler Punkt, aber der Roman verweist auf mehr: Ein Miroloi ist ein Klagelied, welches nach dem Tod einer Person angestimmt wird.

Wie ein solches Lied ist der Roman strukturiert. Nicht in Kapiteln, sondern in Strophen zeigt die Protagonistin auf eine Gesellschaft, in der sie ohne Namen und ohne Rückhalt ihr Miroloi selbst singen muss. Die Autorin erschafft hier eine Welt, die raum- und zeitlos ist und daher immer wieder neu reflektiert werden kann. Schaut man genau hin, erkennt man, dass die Insel zwar im fernen Mittelmeer liegt, aber oft genug auch direkt in unserer Gesellschaft zu finden ist.

Vorgestellt von Marlene Borchers, Literaturwissenschaftlerin

 

 

 

Karen Köhler „Miroloi“
Hanser Verlag, 464 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3446261716
24,00 Euro

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