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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Juni 03 2020

Vorgestellt von Willy Römer, Kritischer Zeitgenosse im Vorruhestand

Margot Spohn „Was blüht denn da?“

Margot Spohn „Was blüht denn da?“
Margot Spohn „Was blüht denn da?“

Wenn es während des Studiums auf Exkursion ging, hatte der Botanikprofessor für die zukünftigen Biochemiker stets einen Trost parat. Man könne mit Hilfe eines Bestimmungsbuches Pflanzen nur dann einer Art zuordnen, wenn man sie zuvor schon kannte. Ein wirklich netter Mann; alle, selbst die Studenten seines Lehrstuhls, versuchten die mündliche Prüfung „Höhere Pflanzen“ bei ihm abzulegen. Das alles ist inzwischen über drei Jahrzehnte her und die Kenntnisse des Verfassers dieser Zeilen sind – ein klein bisschen der Nachsicht des Professors geschuldet ­– noch immer lückenhaft, wenn es um die Flora seiner Heimat geht.

Das hat nicht nur diesen einen Grund. Die reihenweise Entschlüsselung des Erbgutes von Pflanzen, Tieren und Pilzen haben die Systematiker in der jüngeren Vergangenheit dazu veranlasst, einige Korrekturen an den Stammbäumen von Flora und Fauna vorzunehmen. So hat die Gattung Ehrenpreis – mit 450 eine der an Arten eher sehr reichen – eine kleine taxonomische Odyssee hinter sich. Nach eingehenden molekularbiologischen Untersuchungen gehören sie heute zur Familie der Wegerichgewächse. Früher wurden sie von den Botanikern unter den Braunwurzgewächsen oder den Rachenblütlern geführt, manche erklärten sie auch einfach zur ureigenen Familie der Ehrenpreisgewächse.

Man lernt, nicht alles, was ähnlich aussieht, ist auch miteinander versippt. Wobei die echte Verwandtschaft gleich das nächste Problem mit sich bringt: Sind, was der Betrachter sieht, noch die Variationen einer Art oder handelt es sich bereits um verschiedene Spezies? Die wirklich sehr schöne und überaus hilfreiche App „Flora incognita“ der TU Ilmenau, die mit Hilfe von Handyfotos von Blüten, Blättern oder des ganzen Gewächses bei der Bestimmung hilft, macht es sich da nicht ganz so schwer. Ist eine finale Unterscheidung wirklich nur etwas für Experten, heißt es – etwa beim Stink-Storchschnabel – nur schlicht: Artengruppe.

Aber so genau wollen es die meisten ja auch gar nicht wissen. Wer zu allen gelb blühenden Blumen automatisch Butterblume sagt, hat eh' andere Sorgen. Wer sich aber dafür interessiert, was für ein Hahnenfuß am Wegesrand leuchtet, ist mit dem Ratgeber „Was blüht denn da?“ aus dem Hause Kosmos bestens bedient. Zum einen sorgt die Sortierung nach Blütenfarben und -symmetrie für schnelle ungefähre Orientierung. Zum anderen wird die Bestimmung nicht auf die Spitze getrieben.

So finden sich mit 870 längst nicht alle einheimischen Pflanzenarten in diesem Bestimmungsbuch. Das Angebot beschränkt sich etwa bei der Gattung Ehrenpreis auf 13 Spezies. Für den Verfasser dieser Zeilen reicht das völlig. „Schau mal, ein Ehrenpreis“ ist ja auch deutlich besser als „da steht schon wieder so ein blaues Blümchen“.

Besonders lesenswert machen das Buch seine Kategorien. Neben Angaben zu typischen Merkmalen, dem Vorkommen und der Beschreibung ihres Aussehens sowie zu potentiellen Kandidaten für Verwechslungen lässt sich zu den Pflanzen auch „Wissenswertes“ finden. Da heißt es zum Beispiel über das ursprünglich in den amerikanischen Tropen beheimatete Kleinblütige Knopfkraut,  auch bekannt als Franzosenkraut: „Alle europäischen Arten stammen wahrscheinlich von Exemplaren des Botanischen Gartens in Paris ab, in dem man die Art 1794 erstmalig aussäte. Anfang des 19. Jahrhunderts breitete sie sich zeitgleich mit dem Vormarsch der französischen Armee nach Osten aus. Heute zählt sie weltweit zu den wichtigsten landwirtschaftlichen Unkräutern.“

Bleibt noch ein wichtiger Hinweis. „Was blüht denn da?“ gibt es in verschiedenen Ausgaben. Mal ist ein Extra mit Bäumen und Sträuchern dabei oder es gibt ein E-Book als Download dazu. Aber aufgepasst: Einige Ausgaben arbeiten mit Fotos, die anderen mit Zeichnungen. Letztere sind etwas besser. Selbst das beste Foto kann nicht alle Besonderheiten zeigen, eine Zeichnung dagegen bringt alles zusammen, was an Merkmalen wichtig ist. Mit anderen Worten: Es lässt sich wohl kaum eine Pflanze finden, die ihrer Abbildung in diesem Bestimmungsbuch völlig gleicht, aber dieser geringe Mangel an Authentizität macht die Zuordnung eines Gewächses deutlich einfacher.

 

 

 

Margot Spohn „Was blüht denn da?“
Mit Zeichnungen von  Marianne Golte-Bechtle und Roland Spohn
Kosmos, 496 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3440139653
19,99 Euro

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