Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 30 2013

"Dieses Buch ist jenen Osteuropäern gewidmet, die sich weigerten, in der Lüge zu leben."

Anne Applebaum im Collegium maius. Foto: Holger John
Anne Applebaum im Collegium maius. Foto: Holger John

"Als die Front näher rückte, bebte die Erde, die Wände zitterten, die Kinder schrien. Dann wurde es still. Das Ende des Krieges brachte an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt eine plötzliche und unheimliche Stille. 'Allzu stille Nacht', schrieb eine anonyme Chronistin über das Kriegsende in Berlin."
Jörg Baberowski, der Moderator der Buchvorstellung mit Anne Applebaum, las zu Beginn der Veranstaltung eine kurze Passage aus dem ersten Kapitel des Werkes, die eben jene Stille im Jahr 1945, als der Krieg aus ist, beschreibt. Und er sagte nach dieser Lesesequenz: "Dann wird alles anders."
Was alles anders wurde in Ost- und Mitteleuropa und mit welchen Methoden dies geschah, untersucht die Historikerin und Journalistin Anne Applebaum in ihrem Buch am Beispiel dreier Länder: Ostdeutschland, Ungarn und Polen. Die Zeit vom Kriegsende bis zum Jahr 1956 ist die Phase der Sowjetisierung, der Ausbreitung des Stalinismus. Beispielhaft erläuterte Anne Applebaum dem Publikum im Collegium maius, wie russische und einheimische Kommunisten vorgingen: Aufbau einer Geheimpolizei nach sowjetischem Vorbild, gezielte Erstellung von Listen unter der Fragestellung "Wer könnten die zukünftigen Gegner sein?", Übernahme der Radiostationen, Zerschlagung zivilgesellschaftlicher Strukturen und Gruppen, wie etwa den Polnischen Frauenbund, die antifaschistischen Gruppen in Deutschland oder Kirchengruppen.
Anne Applebaum betonte in ihren Ausführungen, die von Maria Dziekonska vorzüglich aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurden, dass die Sowjets wo immer möglich das Mittel der Vertreibung und Umsiedlung einsetzten, um die Menschen leichter kontrollieren zu können.
Die Pulitzer-Preisträgerin, die schon seit Jahren in Polen lebt und mittlerweile auch die polnische Staatsbürgerschaft besitzt, überzeugte im Zusammenspiel mit dem Moderator Jörg Baberowski (Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität Berlin) und ihrem Gesprächspartner Basil Kerski (Chefredakteur des deutsch-polnischen Magazins Dialog und seit 2011 Leiter des Europäischen Solidarnosc-Zentrums in Danzig). Natürlich konnte das kundige und eloquente Podium viele Themen nur anreißen - etwa das der diametral verschiedenen Mentalitäten sowjetischer Kommunisten und der deutschen Kommunisten, die zur Zeit des Nationalsozialismus nicht im Exil in Moskau waren.

Mit dem Buch von Anne Applebaum können wir Leser aber solche Fragestellungen vertiefen. Es ist das Buch einer klugen, starken und einnehmenden Frau.

Wir von der "Herbstlese" danken den Kooperationspartnern Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen und dem Polnischen Institut Leipzig für die Unterstützung und die gute Zusammenarbeit.

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