Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 29 2013

"Man gewöhnt sich an alles, auch an die Angst."

Lena Gorelik in der Erfurter Stadt- und Regionalbibliothek. Foto: Holger John
Lena Gorelik in der Erfurter Stadt- und Regionalbibliothek. Foto: Holger John

Lena Goreliks aktueller Roman "Die Listensammlerin" hat viele komische, humorvolle Stellen, und doch geht es in ihm auch um Angst. Um die Angst, die Sofia um ihre kleine Tochter Anna hat, die mit einem halben Herzen zur Welt kam und vor ihrer dritten schweren Operation steht. Und um die Angst, die auch nach Stalins Tod 1953 die Menschen in der Sowjetunion weiterhin beherrschte und oftmals verstummen ließ. So wie Sofias Großmutter und ihre Mutter, die Grischa, Sofias Onkel, in der Familie verschwiegen. Dieser Onkel Grischa, ein begnadeter Geschichtenerzähler, war schon als Kind sympathisch aufmüpfig und nutzte die Trauerfeier in seiner Schule anläßlich von Stalins Tod zu einer kleinen Probe seines komödiantischen Talents:

"Bis zur Beisetzung des großen Mannes vier Tage später fiel die Schule aus, Grischa empfand diesen Tod also als ein freudiges Ereignis. Am Tag nach der Beisetzung sollten die sowjetischen Schüler auf die Schulbank zurückkehren, vorher aber sollten sie noch einmal traurig sein. Dazu wurden sie in schnurgeraden Reihen mit durchgedrückten Rücken aufgestellt. Die bravsten durften unter dem obligatorischen Stalin-Porträt im Klassenzimmer trauern, der weniger privilegierte Rest stand gegenüber und blickte dem großen Führer der Sowjetunion trauernd ins Gesicht. Es versteht sich von selbst, dass Onkel Grischa nicht zu den Auserwählten gehörte, brav war er noch nie gewesen. Dafür schnitt er umso besser Grimassen. Der 10. März schien ihm der ideale Tag zu sein, um einige seiner geduldig vor dem Spiegel einstudierten Grimassen und Pantomimesketche einem Publikumstest zu unterziehen."

Was dieses Mal nur einige peinliche Gespräche mit der Schulleitung nach sich zieht, wird Grischa später zum Verhängnis: Seine zunehmenden Zweifel an den Verhältnissen in der Sowjetunion führen ihn in Dissidenten-Kreise, er wird verhaftet und zu Lagerhaft verurteilt.

Es sind diese beiden Erzählstränge, die Geschichten von Grischa und Sofia, über die Lena Gorelik die russische Vergangenheit und die deutsche Gegenwart einer Emigrantenfamilie miteinander verknüpft und zu einem warmherzigen Roman komponiert. Eigentlich sind es, das sagt die Autorin zu Beginn der Lesung, zwei Romane, die sie erzählt.

Das Bindeglied zwischen Grischa und Sofia, die sich nie kennenlernten, ist ihre Passion für das Listenschreiben. Skurrile, witzige, subversive Listen, die beiden in ihren jeweils so grundverschiedenen Leben Halt und Struktur geben, Angst bannen können.

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