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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 24 2020

Gespräch mit Herbstlese-Liebling Stefan Schwarz

„Alte Bücher, alte Bücher, alte Bücher!“

Stefan Schwarz bei der Herbstlese 2016 im Theater Erfurt. (Foto: Holger John)
Stefan Schwarz bei der Herbstlese 2016 im Theater Erfurt. (Foto: Holger John)

Stefan Schwarz gehört ohne Frage zu den Lieblingsautoren des Herbstlese-Publikums. Seit Jahren sorgen seine Auftritte für ausverkaufte Häuser, das sogenannte Große des Theaters inklusive. Unbemerkt von der Öffentlichkeit musste sich Schwarz einer Krebserkrankung erwehren. Jetzt geht es dem Ranga Yogeshwar des Eingesperrtseins nach seinem eigenen Bekunden wieder prima. Hier verrät er, wie lange seine Seuchenbibliothek noch vorhält, was Claudia Cardinale mit seinem Kleingarten zu tun hat und welche regionale Küche in der Corona-Krise dank ihres exzessiven Knoblauch-Einsatzes seine liebste ist.

Stefan, wie geht es dir?

Mir geht es meist prima. Ich bin ja als Heimschaffender, als Schriftsteller mit der Lizenz zum ewigen Hausarrest auf solche Quarantäne-Situationen bestens eingestellt. Hinzu kommt eine Reihe vormals scheel angesehener, aber jetzt nützlicher Einstellungen wie meine bekannte Abneigung, zu reisen und fremde Länder kennen zu lernen, oder meine norddeutsche Zurückhaltung beim Begrüßen anderer Menschen.

Die in diesen Zeiten inflationär gebrauchte höfliche Frage nach dem Befinden hat bei dir aber einen ernsteren Hintergrund.

Ich musste mich im Winter einer Krebstherapie unterziehen. Da hatte ich auch ein bisschen Glück im Unglück, denn wegen meines komplett geplätteten Immunsystems bin schon mit einer superdichten FFP2-Maske rumgelaufen, als hier alle noch dachten, Aerosol sei ein spanischer Schirmchen-Cocktail.

Wie stehst du als gutaussehender Mann zur Maskenpflicht?

Ich finde sie grundsätzlich super, weil sie alle Menschen in potentielle Patienten verwandelt, und das gibt ihnen so was Verletzliches. Außerdem sieht man hinter der Maske die vielen Hängebacken nicht mehr. 

Wie bringst du den Tag herum? Kommst du zum Arbeiten?

Ich habe einen locker strukturierten Tag. Ich treibe vergleichsweise viel Sport, da ich immer, wenn mir beim Schreiben nichts einfällt, Liegestütze oder Kniebeuge mache. Da mir sehr oft nichts einfällt, bin ich relativ fit. Dann grübele ich über die ein bis zwei Bücher, die ich in der Mache habe. Meistens finde ich alles scheiße, was ich schreiben will.

Und dann?

Dann gucke ich mir tatsächlich irgendwelche Filme aus der Videotheke an und atme auf, weil die auch oft schlecht, langweilig und unglaubwürdig sind. Meine Frau und ich haben in weiser Ablehnung jeden Rock’n Roll-Lifestyles vor zwanzig Jahren einen spießigen Kleingarten unweit der Wohnung gepachtet, und deshalb kann ich am Nachmittag problemlos von innerer zu äußerer Quarantäne wechseln. 

Du bist also ein interner wie externer Quarantäne-Experte?

Unbedingt! Und ja, komisch, obwohl ich der Superexperte im Nervenbehalten bei Eingesperrtsein bin, hat mich noch kein Sender dazu befragt. Ich bin der Ranga Yogeshwar des Eingesperrtseins. Ich würde allerdings ungern live mit Journalisten sprechen. Journalisten sind doch alle Seuchenschleudern ersten Ranges: Wer weiß, in wessen Atemwolke die vor meinem Interview gestanden haben! 

Kommst du dieser Tage mehr zum Lesen als sonst?

Ich lese fast grundsätzlich zweckgebunden. Morgens schweres Zeug, um den Kopf scharf zu kriegen, abends Stimmungsaufhellendes, so Jane Austen. Ich lese quer durch das Meinungsspektrum. Von Verschwörungstheorie bis Gender-Marie. Deswegen kann ich mich leider nie vor meinen Bücherregalen fotografieren lassen, wie es Schriftsteller gerne tun.

Wo liegt denn das Problem?

Man würde mich, je nachdem wo ich gerade stehe, völlig falsch einordnen. Ich habe das unverschämte Glück, dass mein Großvater, der Heizer in einem Kraftwerk war, einem Arbeiterbildungsverein angehörte und für seine Verhältnisse schon recht viele Bücher hinterließ, zum Beispiel „Das Sexualleben unserer Zeit“ von Ivan Bloch aus dem Jahre 1905. Ein großer Lesespaß! Mein Vater hat noch mal draufgelegt, der war fast schon biblioman, was man bei seiner Profession nicht annehmen sollte. Ich habe also ein paar tausend Bände geerbt aus der Zeit vor dem Internet, und das ist auch ein Grund, warum mich der Lockdown eher nicht so anfasst.

Wie lange reicht der Vorrat?

Ich habe eine perfekte Seuchenbibliothek für von mir aus vierzig mal vierzig Tage. Man sollte sowieso mehr alte Bücher lesen. Der Stil ist besser, konzentrierter, höflicher. Alte Bücher schreien einen nicht so an.

Die neuen schon?

Aus aktuellen Debatten wie Klima etcetera kann man nichts gewinnen an besserer Selbstbewirtschaftung. Da geht es nur ums fade Rechthaben. Das Konzept des besseren Wissens ist schon so blöd, dass ich da gar nicht dabei sein möchte. Nein, ich sammle Benimmbücher. Wer solche Schriften wie die Schicklichkeitserwägungen der „Baseler Aufmunterungsgesellschaft“ oder das Wochenblatt „Der Kinderfreund“ zur Hand nimmt, der macht tausend Mal schönere Reisen in fremde Kulturen als jeder Ausflug zu extra aufgerüschten balinesischen Folkloretanzgruppen bescheren kann. Deswegen alte Bücher, alte Bücher, alte Bücher!  

Noch mal zurück zum Garten. Wie oft bist du auf deiner Parzelle?

Jetzt bin ich eher täglich im Garten. Aber nie lange. So Schnittlauch holen oder ein paar Fruchtmumien aus den Apfelbäumen knipsen. Meine Frau verausgabt sich gerne im Garten. Sie ist nicht eher glücklich, bis ihr Dekolleté verschwitzt ist wie das von Claudia Cardinale in „Petroleummiezen“. Ich schätze das sehr, wie jeder Mann glücklich sein sollte, der eine tatkräftige Frau hat. Wenn ich dasselbe täte, wäre der Garten bald völlig verwüstet.

Deine Tochter sitzt mit dir zu Hause fest, weil die Schulen geschlossen sind. Kannst du ihr etwas Sinnvolles beibringen?

Meine Tochter hat tausend Hobbies und braucht eher eine Bremse als Belehrung. Vor der Quarantäne spielte sie ganz passabel Klavier, jetzt geht es in Richtung Lang Lang. Langeweile ist der beste Lehrer. Ich selbst kann ihr gar nichts mehr vermitteln. Ich bin ja von den rechnerischen Fertigkeiten eher so vierte Klasse. Ich google jedes Mal „inklusive Mehrwertsteuer ausrechnen“, wenn ich eine Rechnung schreibe. Meine Tochter hingegen beschäftigt sich in der Freizeit mit Quantenphysik. Es wird schwer werden, sie zu verheiraten. Gott sei Dank ist sie ziemlich schön. 

Die Quarantäne hat ja auch ihre weniger schönen Seiten; häusliche Gewalt zum Beispiel oder ein vermehrter Griff zur Flasche …

… ganz ehrlich: Ich trinke auch mehr. Ingwertee.

Deine Frau preist dich als einen der besten ihr bekannten Köche. Wie steht es aktuell darum?

Ich koche wirklich sehr gern und habe gerade eine libanesische und marokkanische Phase. Da ist ja immer viel anti-viraler Knoblauch drin, und allgemein handelt es sich dabei schon immer auch um seuchenfeste Küche wegen Hitze und Dreck und so. Ich würde mal sagen, so gut haben meine Frau und meine Tochter noch nicht gegessen, als sie sich anderswo verköstigen mussten. Sich in so einer Situation wie der jetzigen eine Pizza reinzuziehen, ist doch extra depressiv. Wenn schon Gefängnis, dann ohne Gefängnisessen.

Du vermisst also nichts?

Ich vermisse wenig. Aber das ist keine Kunst, wenn man den Tod im Leibe hatte. 

Wie hart trifft dich das Virus wirtschaftlich? Oder gilt: Hauptsache gesund und die Frau hat Arbeit?

Wirtschaftlich trifft mich das Virus - noch - nicht. Ich bin immer sehr sparsam gewesen, weil ich in meinem Leben wegen meiner Herkunft immer damit rechnen musste, dass mal saure Zeiten kommen. Kamen ja auch genug. Deswegen Rücklagen. Es gibt viele, die keine Rücklagen bilden konnten, und ich bin da sehr solidarisch. Aber „Wer die Kunst zum Beruf macht, muss auch die Kunst des Wirtschaftens erlernen“, hat mal ein berühmter Mann gesagt.

Wer war das denn?

Naja, ich weiß halt, das hören viele nicht gerne, und dann wird immer gleich rumgeschrien und die Bluse aufgerissen oder auf die blassen Kindlein gezeigt. Deswegen habe ich mir extra dieses Zitat ausgedacht, damit keiner denkt, das wäre wirklich meine Meinung.

Läuft also bei dir.

Ja, Arbeit steht genug an. Ich muss ja auch erst noch richtig gesund werden. Dann habe ich einen neuen Kolumnenband im Blick, auch ein neuer Roman ist in Planung. Also kurz gesagt: Ich komme dieses Jahr wirtschaftlich noch gut hin. Aber dann wird es langsam knapp, dann muss ich wieder nach Erfurt! 

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