Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 27 2016

Erwin Berner, der älteste Sohn von Eva und Erwin Strittmatter, bei der Frühlingslese

Bilder einer Familie: Das Prinzip Schulzenhof

Er wolle weder be- noch verurteilen, sagt Erwin Strittmatters ältester Sohn Erwin; er wolle nur aufzeigen, wie es auf Schulzenhof für ihn war.
Er wolle weder be- noch verurteilen, sagt Erwin Strittmatters ältester Sohn Erwin; er wolle nur aufzeigen, wie es auf Schulzenhof für ihn war.

Von Sigurd Schwager

Erwin Strittmatter war einer der bekanntesten und beliebtesten Schriftsteller der DDR, vielleicht sogar der beliebteste. Tinko, Pony Pedro, Ole Bienkopp, der Wundertäter, Schulzenhofer Kramkalender, ein Dienstag im September, die Nachtigall-Geschichten, der Laden . . . seine Bücher haben Generationen von Lesern (und vor allem Leserinnen) durch ihr Leben begleitet.

Und stehen vermutlich bis heute im Regal. Denn das Werk des Dichters ging nicht unter mit dem Land, in dem es entstand. Es hat die Zeiten überdauert.

Als Erwin Strittmatter am 31. Januar 1994 im Alter von 81 Jahren auf dem märkischen Schulzenhof starb, war die Erfurter Herbstlese noch nicht geboren. Jetzt, 22 Jahre später, kommt Erwin Strittmatter zur Herbstlese-Schwester Fühlingslese in die ausverkaufte Buchhandlung Hugendubel auf dem Erfurter Anger.

Genauer gesagt kommt Erwin Strittmatter Junior, Jahrgang 1953, ältester Sohn des Dichter-Ehepaares Eva und Erwin Strittmatter. Allerdings trägt der Schauspieler und Autor den sehr berühmten Nachnamen schon sehr lange nicht mehr. Er heißt Erwin Berner. „Aus praktischen Gründen.“ So wird er am Ende des Abends auf eine entsprechende Publikumsfrage antworten.

Erwin Berner hat sich seine „Erinnerungen an Schulzenhof“ von der Seele geschrieben und bei Aufbau, dem Strittmatter-Hausverlag, veröffentlicht.

Gegossen sind die Erinnerungen in eine Briefform aus dem Jahre 2001. Ein interessantes Buch liegt da vor, ein trauriges, ein hartes, ein bitteres. Was zum Glück, die Lesung beweist es, nicht ausschließt, dass über manche Kindheitsszene auch sanft gelacht werden kann und darf.

Die Erinnerungen an das „System Schulzenhof“ sind ein Bestseller geworden. Doch die damit verbundene erhöhte Aufmerksamkeit wirft auch Schatten. Noch ehe er zu lesen beginnt, sagt Erwin Berner mit großem Nachdruck, dass er kein Enthüllungsbuch geschrieben habe. „Es ist meine Sicht der Dinge.“ Später, im Gespräch mit dem Publikum, wird er den Gedanken noch einmal aufgreifen: Der Text werde leider auch benutzt, um seine Eltern runterzumachen.

In der Nachbemerkung des Buches, die man auch als Vorbemerkung lesen könnte, schreibt Erwin Berner und zitiert es in Erfurt: „Meine Eltern haben das Ihre zum Schulzenhofer Leben gesagt, und also sage ich das Meine. So einfach ist es und so schwer.“

Erwin Berner liest in Erfurt aus fünf seiner Erinnerungsbriefe. Wir erleben darin den Strittmatter-Sohn fern der Eltern als Schüler und immer unter Druck. Er lügt und stiehlt, zündelt und hat Selbstmordgedanken. Solche Erinnerungen belagern ihn. Nur wenige Buchzeilen später tritt er, als Erwachsener, auf dem Waldfriedhof an Vaters Grab: „Ich lese den Grabspruch, schaue auf die Stele neben dem Grab und denke und fühle nichts.“

Leere. Es stockt einem der Atem ob solcher Trostlosigkeit.

Was Erwin Berner aufgeschrieben hat und in Erfurt in sachlichem Ton vorträgt, ist tatsächlich das Gegenteil von eifernder Enthüllungsprosa. Vieles weiß der kundige Strittmatter-Leser längst. In Annette Leos 2012 erschienener Strittmatter-Biografie finden sich Sätze wie diese: „Im Schulzenhofer Alltag, dem Leben zwischen Wald und Seen, mit Pferden, Hunden und Katzen, dass auf Außenstehende so idyllisch wirkte, gab es für die Kinder im Grunde keinen Raum. Im wörtlichen Sinn, weil der alte Katen sehr klein war, und auch im übertragenen Sinne, weil der Rhythmus dort vor allem auf Erwin Strittmatter und seine Arbeit ausgerichtet war.“

Berners Erinnerungen gehen nun ins Detail, leuchten das bedrückende Familienbild auf beklemmende Weise aus. Er berichtet über den Vater, den Despoten, über seine Stimmungen, Ungerechtigkeiten, Vorhaltungen und Zornesausbrüche. Er erzählt von Mutterliebe, die sich verliert im Dienst am Großdichter-Mann. Die Türen müssen geräuschlos geschlossen werden. Es muss im Haus auf Zehenspitzen gelaufen werden. Der Mittagsschlaf darf nicht gestört werden. Nein, man möchte wirklich kein Sohn von Erwin Strittmatter gewesen sein.

Der Leser leidet mit den Kindern und atmet schließlich durch. Denn gegen die Diktatur auf dem Gehöft steht wenigstens die märkische Landschaft mit ihren Sandwegen, Wiesen, Wäldern und Seen.

Warum es ihn trotzdem zum Schulzenhof zog, erklärt Erwin Berner so: „. . . ich lebte Traum. Ich tat oder ich tat nichts, was ich tun sollte, und träumte. Schulzenhof war und ist für mich der ideale Ort zum Träumen. Nicht aber ist es für mich der ideale Ort zum Leben. Damals wie heute nicht.“

Je länger der Leser und Zuhörer dem Strittmatter-Sohn folgt, desto besser versteht man, warum er schreiben musste: „Es geht nicht ums Verurteilen. Es geht nicht ums Beurteilen. Es geht darum, wie es war. Um dauerhafte Angst geht es und um einen seelischen Schaden, den mir all die Enttäuschungen zugefügt haben.“

Ganz am Ende der Erfurter Lesung wird der Autor noch gefragt: „Was haben Sie von Ihrem Vater?“ Erwin Berner denkt nach. „Vielleicht die äußerliche Ähnlichkeit.“ „Ja“, schallt es aus dem Publikum zurück. Sonst, sagt der Sohn ohne jede Schärfe über den berühmten Vater, sonst falle ihm nichts ein.

Aber er sei fähig zu trennen zwischen dem Menschen und dem großartigen Autor. Das Publikum dankt Strittmatter Junior, der wie Strittmatter Senior aussieht, mit langem, herzlichem Beifall

Natürlich bleibt dann noch Signierzeit für das berührende Buch. Die letzten zwei Zeilen, mit denen sich der Schulzenhofer Erinnerer vom Leser verabschiedet, lauten: „Übrigens sieht man in den Feldern wieder Korn- und Mohnblumen. Ist das nicht schön!“

Erwin Berner bei Hugendubel

Fotos: Holger John

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