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Juni 07 2023

Malerei zwischen gestischer Abstraktion und reduzierter Figürlichkeit

Laudatio zur Vernissage von Bernd Zeißler

(c) Bernd Zeißler
(c) Bernd Zeißler

Am Samstag, 03. Juni 2023 wurde die Ausstellung „EREIGNISHORIZONT" von Bernd Zeißler im Kultur: Haus Dacheröden eröffnet.

Zu diesem Anlass sprach sich Peter Arlt rührend über den Künstler und sein Werk aus.

Bernd Zeißler zog 1992 ins pittoreske Meisenheim und hat 28 Jahre bei der Diakonie Bad Kreuznach mit geistig-behinderten Menschen gearbeitet. Das zu erwähnen, hielt er für „nicht ganz unwichtig“, weil er in seinen Arbeiten immer mal wieder das Thema „Schutzsucher“, „Schutzräume“ und „sich verbergen“ thematisiert hat, zwar unbewusst, aber der Realität geschuldet.

Bevor der vor siebzig Jahren in Altenburg geborene Bernd Zeißler nach Rheinland-Pfalz zog, wohnte er in Gotha, in unserem Wohnblock, drei Eingänge weiter. Mit ihm und sechszehn anderen Künstlern machte ich 1993 im Schloßmuseum die Ausstellung „Junge Kunst aus dem Gothaer Kreis“. Als er von 1975-79 an der Pädagogischen Hochschule Erfurt in der Fachrichtung Kunsterziehung/Deutsch studierte, lehrte ich dort mit Ruth Menzel und Rudi Kober Kunstgeschichte.

Würde Rudi heute Bernds Ausstellung eröffnen, wäre ich mir sicher, dass ein Zitat, welches er in seine Laudationes obligatorisch einflocht und ich – ihm zu gedenken – ebenfalls einflechten möchte, uns mit Ehrfurcht erfüllte. Es ist das Wort Albrecht Dürers: „Dann ein guter Maler ist inwendig voller Figur“. Bei Albrecht Dürer heißt es weiter: „so hätt er aus den inneren Ideen, dovan Plato schreibt, allweg etwas Neus durch die Werk auszugiessen“. Das Neue wird im Werk Figur, wenn sie, wie die Gussform beim Guss einer Statue, vom Erlebnis des Künstlers zu einer gestalthaften Zeichenfindung ausgefüllt wird. Die Grenzen des Materials der Farbe und stilelemente werden ausgelotet und ein individuell bestimmtes Maß einer inneren Ordnung der Elemente gefunden, die in ihrer Figuration völlig abstrakt bis abbildhaft sein können.

Bernd Zeißler nennt seine Ausstellung „EREIGNIS H O R I Z O N T“. Hinter einem aus der Tiefe gewonnenen imaginären Horizont, taucht im Bild ein sinnlich erfassbarer Horizont auf, mit angedeuteten Räumen und Körpern, in ebenen Flächen gefasst, aus zusammengeordneten Kurven und Linien, die aus dem bewegten Punkt entstehen; denn der Punkt ist der Ausgangspunkt, die einzige Ganzheit, die ohne Teile ist. Von den betrachtenden Augen werden die Farbgebilde aufgenommen und zum geistigen Horizont des Betrachters hingeführt und von dessen individuellen Ereignis ausgefüllt.

So kommt man von Dürer zu Kandinsky und zur Lyrische Abstraktion, welche als Sammelbezeichnung für die Gegenbewegung zur Geometrischen Abstraktion verwendet wird, als Bezeichnung für den individuellen, expressiven und gestischen Ausdruck der Malerei. Befreiung von höchster Intensität. Der Begriff Informel bezog sich von Anfang an sowohl auf ungegenständliche Maler wie auch auf die figurativen Maler der École de Paris, auf den spontanen Malakt, das gegenstandlose Zeichen einer inneren Spannung und Dynamik im Sinne der surrealistischen Écriture automatique. Die Grenze zwischen Informel zum Tachismus ist fließend.

Als Vorbilder von Zeißler waren Tapies zu erkennen und das Jahrzehnt der Jungen Wilden, das uns mit dem Gesicht eines „Alten Wilden“ und in der Malerei wüster violetter, grauer und orangener Strichfolgen und dem Oval mit scharfem Blick entgegenschlägt. Eine Erinnerung an die 80er Jahre, in der die Vor-Generation mit „Heftiger Malerei“, eine temporeich sich austobende Kunst, mit Punk, Anarchie gegen den starren Kunstbetrieb aufbegehrte.

In der intuitiven Malerei Bernd Zeißlers zeigt sich eine Freiheit des Stilpluralismus im Wechsel optischer Möglichkeiten, die sprachlich gegensätzliche, zum Teil antithetische Begriffe verlangt, wie sie für die Kunstgeschichte der Renaissance und des Barock Anwendung finden, wie konturierende Linien und bewegte Massen oder Ruhiges und Bewegtes. Andererseits schließt die Malerei Zeißlers ebenso antithetische Formen aus, so wird die Flächenhaftigkeit nicht mit Räumlichkeit kontrastiert. In mehreren Bildern blitzt Schrift hervor, manchmal verkümmert, oft noch lesbar. Die Flechtwerk-Bildform wird kontrastiert von malerischen Flächen und collagierten Objekten, oft Schriftstücke, übermalte Fotos, Fetzen von Plakatwänden, die der ursprünglichen Benutzung entrissen sind.

Zu Beginn wird, wie Bernd Zeißler in einem Statement informiert, auf die Malfläche Farbe gespachtelt und beginnt die Gestaltung mit differenzierter Farbigkeit. In die Komprimiertheit fließen Gesehenes, Gehörtes, Gelesenes, Gedachtes ein. In Bernd Zeißlers Arbeiten entwickelt sich die thematische Ausrichtung im Prozess des Malens, und verweist, so seine Absicht, auf menschliche Befindlichkeiten, doch nur andeutungsweise, damit ein größerer Spielraum für die Interpretation bleibt. Im Bild „Gegenwind“ verwischt der Farbauftrag die Figur, nimmt ihr gleichsam die Luft, verdeckt und bedrängt sie. Noch stärker zeigt die klaustrophobische Bedrängnis in der eigenen Geisteswelt das Bild „Nacht im Kopf“.

Vielleicht findet zweifelnde Bedrängnis seinen emotionalen Ausdruck in dem Bild „Alp“ mit dem Bildzeichen eines übereinanderliegenden, schwer ringenden Paares, das kein Liebespaar, sondern eine Vergewaltigung oder seelische Bedrückung zeigt, verstärkt durch den Komplementärkontrast, wenn eine orangene Wolke über einer blauen Zone und einer Bastion zu liegen scheint. Vom Bild „Remote“ leitet die Übersetzung des Titels zu Synonymen, die eine
gefühlsdifferenzierende Tiefe mit sich führen: abgelegen, entlegen, isoliert, fern, zurückgezogen, verlassen, einsam. Zwar bin ich prinzipiell gegen englische Titel, aber dieser Fall beweist gegenteilig, wie der im Unterbewusstsein abspielende Prozess sich im Titel „Remote“ widerspiegelt.

In dieser Arbeit verbindet sich das Spontane und Augenblickshafte der künstlerischen Tätigkeit mit der Entscheidung entweder für eine figürliche Richtung, für eine landschaftliche, respektive architektonische Form oder aber für eine eher gestische, abstrakte Komposition. In „Remote“ sind diese Richtungen alle beisammen und ist die Grenze zwischen ihnen überschritten.

In der Einsamkeit sucht man Partnerschaft, die Bernd Zeißler in Cy Twombly und Jim Dine finden kann, den Anregungen entsprangen Kreide- und Farbstiftlinien im Liniengeflecht und in graphischen Strukturen. Ein Bild von 2019 spiegelt dieses künstlerische „Flechtwerk“ und den Malakt als gestisches Zeichen der inneren Bewegung, des Maltempos, unbekannter Zustände auf die Konkretion des Unbekannten, das Eningma, das Rätsel. In „alles überschattet“ von 2022 liegen ohne Gegenstandsassoziation dünne weiße Linien wie Spinnweben über dunkle malerischen Flächen, breite rote Linien überziehen die von Farb- und Formrudimenten durchdrungene weiße Fläche.

Für das Bild „emporwachsen“ steigen durch eine grünblaue Strichstruktur fließend aufgetragene Pinselstriche empor zum weißgrauen Wolkengebilde. Der romantische Blick spricht „im Zeichen des Mondes“, vom Monde gebannt zu sein. Mit den gelb-blauen Emaillefarben und dem strengen richtungsgeraden Profil des Gesichts bringt das Bild „Paradiesisch“ von 2018 einen ägyptischen Gott vor Augen. Seine Seitenansicht deutet auf den Fruchtbarkeitsgott Min, der vom Weibe bewundert wird, weil sie sich den Phallus erhofft, der erst auf der unteren Bildebene, das sinnbildliche Unterbewusstsein, in Latenz erscheint.

Besonders berührt mich die Melancholie des Schöpfertums, die sich über das Bild „an den Ufern der Nacht“, die blau ist, hinzieht, in einer wunderbar differenzierten Farbigkeit der Blautöne bis ins Grün mit dem kontrastierenden, Leben einhauchenden rotem Wimpel. Die Figuration überfliegt eine Spur von Paul Klee. Die Nacht erscheint wie ein Fluss in der Unterwelt, auf dem ein Boot fährt, von einem gelenkt, der Charon sein könnte. Am Ufer steht vermutlich das imaginäre Ich des Künstlers, der zu ihm und zu uns blickt. Im Fluss ein sechsspeichiges Rad oder ein antreibendes Wasserrad oder ein christliches Symbol. Bedrückend brechen in ikonografisch nachvollziehbarer Weise existentielle Menschheitsprobleme hervor, ob der Eisbär, als Symbol aller von der Klimakrise Bedrohten, über die Strickleiter zur Arche hochkommen könnte.

Die Bilder Bernd Zeißlers sind nicht weltfremd, sondern ganz menschennah und von Poesie erfüllt.

Die Ausstellung wird vom 6. Juni bis 26. August 2023 in den Galerieräumen des Kultur: Haus Dacheröden präsentiert und kann Dienstag bis Freitag von 12 bis 17 Uhr und Samstag von 10 bis 17 Uhr besucht werden.

 

 

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