Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 10 2015

Meike Winnemuth singt im Atrium der Stadtwerke ein Hohelied auf die Kolumne

Unter Frauen

Beim letzten Mal empfing Meike Winnemuth noch in der Aula des Ratsgymnasiums ihre Gäste, heuer musste es schon das Atrium der Stadtwerke sein.
Beim letzten Mal empfing Meike Winnemuth noch in der Aula des Ratsgymnasiums ihre Gäste, heuer musste es schon das Atrium der Stadtwerke sein.

Gerade sind die Bilder von der Lesung mit Meike Winnemuth hereingekommen. Da, in der Schlange vor dem Signiertisch, stehen, ganz deutlich zu erkennen, zwei Männer. Nicht einfach so. Sie sind erfreut, sie lächeln. Das ist schade. Nicht für die beiden Männer, die hatten ihren Spaß, für die Überschrift über diese Zeilen. Geplant war: „Unter Frauen“. Aber geht das jetzt noch? Aber klar, sogar sehr. Schwieriger wäre „Frauen unter sich“. Wobei: Nicht für die Heldin des Abend. Die hätte zu beiden Überschriften etwas zu sagen. Wie sie immer zu allem etwas zu sagen hat. Was ein Glück.

Der eine Leser oder auch die andere Leserin könnten diesen Einstieg merkwürdig finden, vielleicht unverständlich. Das mag für eine Rezension nicht zwingend erforderlich sein. Für eine Kolumne schon. Merkwürdig ist ein notwendiges Zeichen. Aber allein reicht es nicht. Es ist nicht hinreichend, sagt der Mathematiker.

So geht das. Die Kolumne beginnt merkwürdig und zielt dann auf ihr Thema. Das vorgeschobene. Das wahre Thema ist indes immer das gleiche. Schau, lieber Leser, was ich, dein Kolumnist, alles weiß. Wie ich die Dinge in ungeahnte Zusammenhänge bringe. Überrascht? Tja, das hast du nicht gedacht.

Kolumnen leben von dieser Überraschung. Das beginnt beim Thema und setzt sich bei den Folgerungen fort. Irre Volten eingeschlossen, die von der immensen Bildung des Verfassers zeugen. Hier, liebes Publikum, steht das bisher Ungedachte, manchmal sogar das Undenkbare. Hätten Sie nicht gedacht?

Das Schreiben derartiger Kleinode, die gegen den Mainstream mit abstrusen Fakten denkwürdigen Konklusionen entgegen dräuen, ist, natürlich, eine besondere Kunst. Mit Leichtigkeit muss die Kolumne daherkommen, fein und elegant, jede Schwere ist ihr fremd. Da ist sie dicht an ihrer großen Schwester, der Glosse, die, zwar kleiner von Gestalt, aber noch anspruchsvoller ist. So sehr, dass sie sich aus den Gazetten deutscher Zunge fast völlig verabschiedet hat.

Dagegen hält jedes Blatt, das auf sich hält, die eine oder andere Kolumne, beschäftigt den einen oder die andere Kolumnistin. Die Herbstlese kann ein Lied darauf singen. Ohne ihre Kolumnen keine Abende mit Axel Hacke oder Stephan Schwarz. Oder Meike Winnemuth.

Die klagt zu Beginn ihres Auftritts erst ein weinig. Dass sie ja keine richtigen Schriftsteller seien, sie, die Kolumnisten. Das ihnen nie ein ganzes Buch gelingen würde, und, herrjeh ihrer Spezies nach 3500 Zeichen in der Regel die Luft ausgeht. Wie bei einem Münzfön im Schwimmbad, da ist auch nach zehn Minuten Schluss, wie der Hacke Axel beklagt.

Da haben sie Recht. Und wieder muss vermerkt werden: Zum Glück.

In Zeiten, in der die Aufmerksamkeitsspanne unserer Landsleute schmilzt wie Schnee in der Frühlingssonne, kommen die meisten Leser mit einem Text dieser Länge gerade noch hin. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. In einer Zeit, die voller überflüssiger Themen ist, kämen wir mit Romanen gar nicht mehr hinterher. Es braucht die Reduktion. Wie bei einer guten Sauce.

Sicher weiß Meike Winnemuth das alles, sie spielt nur gern mit ihrem Publikum. Mag sein. Sie hat es sich verdient. Allein mit dem Untertitel ihrer aktuellen Kolumnen-Sammlung: „Über das unverschämte Glück, auf der Welt zu sein“. Das sagt doch alles; wozu der ganze Quatsch vom halbvollen Glas. Ein Hoch auf den Genuss und das Genießen, das einfach nur da sein und das Dasein und überhaupt.

So sieht das auch Meike Winnemuth. Die ist – nach ihren eigenen Worten ­– super gelungen, schön und blond und klug und 1,83 Meter groß. Und warum? Weil ihr Vater, der Edeka-Kaufmann, am Samstag immer die abgelaufenen Sachen aus dem Laden mitgebracht hat. Wohl ist’s bekommen!

Das sind ihre Themen. Ernährungswahn und Schönheitsdiktat, das Sekundenschaf und die unwiderstehliche Attraktivität muskulöser Männerunterarme. Wieso? Müssen Sie selbst lesen.

Gut zwei Stunden beschäftigt sie ihr Publikum im Atrium der Stadtwerke. Sie macht ein Selfie mit den Massen und antwortet launig auf die Fragen aus den Stuhlreihen vor ihr. Dann wird noch signiert. Und da sind sie zu sehen, die beiden Herren. Und auf den Fotos sind sie auch.

Sie finden das „Unter Frauen“ übertrieben? Auf keinen Fall. Das schreibt die Meisterin nach einem Besuch „Auf der Damenwies’n“ höchst selbst: „Was reden die da nur die Weiber?“, fragen sich die Männer, denen immer etwas mulmig wird, wenn so viele Frauen so sichtbar unter sich sind. Na, das halt. Die Nasen sind falsch, aber was erzählt wird, ist echt.

Im Leben, auf der Wies’n und bei der Herbstlese.

Meike Winnemuth im Atrium der Stadtwerke

Fotos: Holger John

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