Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 01 2017

Der Berliner Lese-Stammgast stellt im Haus Dacheröden sein neues Buch „Mein Abendland“ vor

Christoph Dieckmann liest immer

Christoph Dieckmann (Bild: ekmd, Nicole Sturz)
Christoph Dieckmann (Bild: ekmd, Nicole Sturz)

Von Sigurd Schwager

Einer der bleibenden Sätze des Trainers Louis van Gaal geht so: „Müller spielt immer.“ Wie der Fußballer Thomas so der Fußballfan Christoph. Denn auch die Erfurter Herbstlese hat ihren Drei-Wörter-Stehsatz, der da lautet: „Dieckmann liest immer.“ Als nämlich Vereinschef Dirk Löhr im Haus Dacheröden Christoph Dieckmann begrüßt, bleibt im Ungefähren, wie oft schon der Berliner Publizist Gast der Lesereihe gewesen ist.

Sechsmal? Jedenfalls ziemlich oft. Vermutlich so oft wie kein anderer. Pastorensohn Christoph Dieckmann, geboren 1956  in Rathenow, DDR, aufgewachsen am Harz, studierter Theologe und seit 1991 der Hamburger „Zeit“ schreibend verbunden, ist ein fleißiger Buchproduzent. Das jüngste Ergebnis solch schöner Regelmäßigkeit heißt „Mein Abendland“, hat den Untertitel „Geschichten deutscher Herkunft“ und zeigt passend dazu auf dem Umschlag die Wartburg.

Mit einer Predigt auf selbiger, gehalten von Dieckmann am 25. Juni 2016, endet das Buch: „Dein Gott ist mein Volk, und dein Gott ist mein Volk" (Ruth, Kapitel 1). Eine starke Predigt über das Fremde, die Fremden und eine herzensbegabte Fremde.

In Erfurt wird der Autor seinen Burg-Text  an diesem Frühlingslese-Abend nicht vortragen. Er beginnt, womit auch das Buch beginnt: „Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt" (Lukas 24,29). Das Bibel-Zitat  ist dem titelgebenden  Text von „Mein Abendland“ vorangestellt, der von Seite 7 bis Seite 141 mehr als die Hälfte des Buches füllt. 

Bei der Wahl des Titels, sagt Dieckmann, habe er ihn ironisch empfunden, doch die Ironie sei ihm inzwischen vergangen.

Er liest und nimmt die Zuhörer zunächst mit in seine Schulzeit. Schreckliches geschieht. Ein Kind stirbt, getötet im brüderlichen Streit. Der Flecken Heimat ein Mordort. Wenige Zeilen später trifft man den Erzähler, inzwischen Student in der Mauerstadt Berlin, im Zug, ihm gegenüber zwei Soldaten der Nationalen Volksarmee. „Sie soffen. Trunkenheit war der Naturzustand reisender Soldaten in der DDR.“

Die beiden jungen Männer, die Klaren kübeln, schwitzen und lallen, sind Grenzer. „Es gab was zu feiern. Einen ,Hasen‘, einen Flüchtling, hatten sie ,von der Platte geputzt‘. Solch trefflicher Schutz des Sozialismus wurde mit Sonderurlaub belohnt.“

Dann ein Zeitsprung in das Jahr 2013 und das Berliner Altkanzler-Büro des greisen „Zeit“-Herausgebers Helmut Schmidt. Seit wann er bei der „Zeit“ sei, fragt Schmidt Dieckmann. „Seit 1991 sagte ich. Damals wollte die Zeitung einen Redakteur aus Ostdeutschland. Und wie wurden Sie aufgenommen? Einprägsam. Sie haben mich angeschnauzt gleich in der ersten Konferenz.

Oh!, rief Schmidt erfreut. Warum das? Es ging um die Mauerschützen. Der erste Prozess stand an. Sie meinten, man solle, statt die kleinen Muschkoten zu belangen, die Kommandeure anklagen, also die Spitze der Befehlskette. Ja, sagte Schmidt. Und? Ich verwahrte mich gegen das Gerede von den armen kleinen Mauerschützen . . . jeder Mensch, sofern er Mensch ist, weiß, dass er nicht auf andere Menschen schießen darf.

. . . Schmidt erzeugte Rauch und sprach: Ich nehme stark an, dass Sie ihre Meinung nicht geändert haben. So ist es. Ich meine auch nicht. Haben Sie gedient? . . ."

So eindrücklich wie Dieckmann die Begegnung schildert, meint man fast, in dem Büro dabei gewesen zu sein.

Doch nun wechselt der Vorleser in Erfurt den Schauplatz. „Wir müssen zum Thema Abendland kommen. Es hilft nichts. Dresden.“ Davon handelt Kapitel 13.  Zwei Tage vor Weihnachten 2014 ist Dieckmann nach Dresden gefahren, Pegida gucken. Das eher trostlose Fazit der Reise: „Pegida schien eine geplatzte Problemstau-Blase, eine Zulaufgemeinschaft des Missbehagens. Meuternde Massenmenschen begreifen sich nicht als  Subjekt der abendländischen Politikform Demokratie. Opfer sind sie, Untertanen - herrschaftsfixiert auch im Protest. Kein Freigeist bangt um eine völkische Identität."

Im Hotel  erfährt der Berichterstatter vom Tod Joe Cockers. Der hatte einst, im Juni 1988, in Dresden Hunderttausend versammelt, „als das Volk noch schön und freiheitlicher Hoffnung war. Und ein Vierteljahrhundert jünger.“

Nun aber sagt der Pegida-Gucker und Abendland-Beobachter, wolle er dem geschätzten Erfurter Publikum  etwas richtig Schönes vorlesen, auch wenn der Verleger gerade diese Geschichte als zu leichtgewichtig befunden habe. Was sie natürlich nicht ist, wie nach dem Anhören jeder im Saal gern bestätigen wird. Immerhin geht es hier um die Auferstehung der Fußballnationalmannschaft der DDR, die am 6. September 2012 in Schwerin gegen den eben erst aus der Taufe gehobenen  FC Mecklenburg antritt. 

Auch dieses blauweiße Ballett des Ostens mit Hammerzirkelährenkranz gehört zu den kleinen und großen Vergangenheiten, die Teil unserer Gegenwart sind. Dixie Dörner, Peter Ducke, Harald Irmscher, Joachim Streich. Unvergessen. Sie haben schon vor dem Spiel gewonnen. „Über eine Stunde lang saßen die Idole auf der Wiese, umstrudelt von gereifter Menschheit. Welche Liebe! Wieviel Fernweh nach der eigenen Herkunft!"

Nur der einzige westlich bekannte Kicker der DDR fehlt. Nein, Sparwasser spielt nicht immer. Das fachkundige Erfurter Publikum nickt, als es Christoph Dieckmanns Begründung vernimmt: „Unser Trainer Bernd Stange hat nur die Besten nominiert.“ Und am Ende schmettern alle mit trunkenem Ernst: „Spaniens Himmel breitet seine Sterne . . . Wir kämpfen und siegen für dich. Freiheit!"

Es gibt heiteren Zwischenapplaus, und Christoph Dieckmann ergänzt lächelnd das Gelesene. Freiheit. Joachim Gauck sei damals in Schwerin nicht dabei gewesen. Aber das hätte ihm gefallen müssen.

Gefallen haben, wie der kräftige finale Beifall bekundet, Dieckmanns lebenskluge Geschichten. Sie machen Lust auf den ganzen Abendland-Text und auf das an diesem Abend Nichtgelesene aus dem Buch: von Istanbul nach Teheran mit der Bahn, im Orient Usbekistian, Reisen nach Verdun und zu den Gräbern der Roten Armee, auf den Spuren von Thomas Müntzer, die Brüder Grimm, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht . . .

Und wenn man das alles und noch mehr gelesen hat, freut man sich schon auf die Fortsetzung. "Dieckmann liest immer."

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