Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
März 09 2018

„Neu aufgeblättert“: Herausgeber Sven Hanuschek stellt Erich Kästners Geheimes Kriegstagebuch vor

„Der Entschluss ist gefasst ...“

Torsten Unger im Gespräch mit Herausgeber Sven Hanuschek.
Torsten Unger im Gespräch mit Herausgeber Sven Hanuschek.

Von Sigurd Schwager

Das freut den Berichterstatter: Erich Kästner, geboren 1899 in Dresden, gestorben 1974 in München, füllt mit seinem Dichter-Ruf und seinen Büchern noch immer scheinbar mühelos die Säle. Die Erfurter Frühlingslese legt im März 2018 davon Zeugnis ab. Und sie zeigt: Ein Ende der Zuneigung des Publikums ist nicht in Sicht. Im Hause Dacheröden sind nämlich an diesem Abend die Alten keineswegs unter sich. Vielmehr schaut man hier auch in ziemlich viele junge Gesichter.

Eine solche Veranstaltung hätte dem Herbstlese-Gast und Herbstlese-Freund Marcel Reich-Ranicki gewiss gut gefallen. Von ihm gibt es einen schönen Essay, veröffentlicht im Februar 1974 in der FAZ zum 75. Geburtstag von Erich Kästner, in dem sich der Literaturkritiker tief verneigt vor einem, wie er schreibt, Sänger der kleinen Leute und Dichter der kleinen Freiheit, vor einem Klassiker der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Kästner sei, so Reich-Ranicki, „ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Nie wollte er aufhören zu glauben, dass die Menschen besser werden könnten...Er, der Autor düsterer und resignierter, bissiger und bitterer Gedichte, war in Wirklichkeit Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat.“

Und gegen Ende des Essays lesen wir: „In der Zeit von 1933 bis 1945 hatte er, der Mann zwischen den Stühlen, sich klar entschieden. Wenn er in verschiedenen Nachschlagbüchern der deutschen Exilliteratur angeführt wird, so hat das schon seine Ordnung. Zwar war nicht er emigriert, wohl aber waren es seine Bücher, die damals in der Schweiz erschienen. Kästner ist Deutschlands Exilschriftsteller honoris causa. Er hat in jenen Jahren nichts geschrieben, dessen er sich hätte später zu schämen brauchen.“

Diese Worte von 1974 führen geradewegs zur Frühlingslese-Gegenwart. Denn es geht in Erfurt in der zweiten Veranstaltung der Reihe „Neu aufgeblättert“ nicht um einen fröhlichen, bunten Kästner-Abend, um „Emil und die Detektive“ oder „Das doppelte Lottchen“, um „Pünktchen und Anton“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“, und auch nicht um den Roman „Fabian“ oder die vielen humoristischen und zeitkritischen Verse.

Sondern im Mittelpunkt steht „Das Blaue Buch“, Erich Kästners geheimes Kriegstagebuch aus den Jahren 1941 bis 1945. Der alte Schweizer Hausverlag des Dichters hat es jetzt herausgebracht. Als Zeitzeuge berichtet darin ein prominenter Nazi-Gegner, der nicht wie andere berühmte Dichter ins Exil geht, in Nazi-Deutschland bleibt. Dessen Werke verboten werden und der am 10. Mai 1933 die Verbrennung auch seiner Bücher mit eigenen Augen erlebt. Der unter Pseudonym weiterarbeitet, Texte und Drehbücher verfasst, für den Ufa-„Münchhausen“ zum Beispiel.

Das Kriegstagebuch, das Kästner in Gabelsberger`scher Kurzschrift schreibt und geheim hält, ist allerdings keine späte literarische Sensation. Wer es kennen wollte, der kennt es längst. Denn bereits 2006 publiziert das Marbacher Literaturarchiv den kompletten Wortlaut in einem Doppelband, und die Experten nehmen ihn damals interessiert zur Kenntnis.

Das mit liebevoller Sorgfalt gestaltete und gedruckte Buch, das der Atrium Verlag 2018 präsentiert, ist eine erweiterte Neuausgabe, die jenseits der Wissenschaft einem breiteren Publikum den Zugang erheblich erleichtert. Direkt neben den Tagebuch-Eintragungen findet man die notwendigen Erläuterungen. Insgesamt, so heißt es, sollen es stolze 899 sein. Wie es sich gehört, gibt es ein Personenglossar und -register, aber auch Reproduktionen von Zeitungsartikeln und Fotos, die der Autor aufgehoben hat. Herausgeber Sven Hanuschek und Mitherausgeber Ulrich von Bülow sorgen außerdem mit umfangreichen Anmerkungen dafür, dass der Leser zu keiner Zeit die Orientierung in Kästners Materialsammlung verliert.

 Im Kultur: Haus Dacheröden begrüßt die hiesige Kästner-Fangemeinde den Kästner-Chefexperten Prof. Hanuschek mit viel Beifall. Der Münchner Germanist und Publizist muss aber nicht den Alleinunterhalter geben. Sein Gesprächspartner ist MDR-Kulturredakteur Torsten Unger, auch er ein studierter Germanist, ein Bücherschreiber und leidenschaftlicher Bücherfreund. Die beiden passen gut zusammen, agieren auf Augenhöhe. So erleben die Zuhörer einen Abend konzentrierter Ernsthaftigkeit, der seine Spannung bis zum Schluss hält.

Es sei das aufwändigste Buch, das der Verlag je gemacht habe, sagt Hanuschek, ein Buch mit außerordentlich hohem Erklärungsbedarf. Und je länger das Gespräch zwischen ihm und Torsten Unger dauert, desto offensichtlicher wird, dass es auf viele Fragen keine abschließende Antwort geben wird. Warum ist Kästner nicht ins Exil gegangen? Wegen der Eltern? Hat er Ausmaß und Dauer der Nazi-Herrschaft unterschätzt? Oder wollte er bleiben, um einen großen Roman über die kleinen Leute im „Dritten Reich“ zu schreiben? Belegen das die Roman-Notizen im Buch? Warum ist aus dem Vorhaben nach dem Krieg nichts geworden? Warum schreibt er Kästner so kühl und sachlich und neutral, kaum wertend? Warum legt er zwischendurch extrem lange Schreib-Pausen ein? Und schließlich: Warum beendet er das Tagebuch so abrupt? Ist das „Blaue Buch“, wie ein namhafter Rezensent meint, eher ein Dokument politischer Desorientierung?

Hanuschek wiederum spricht von lakonischen Mitschriften eines Alltags und einer Mentalität. Die Kriegstagebücher und die Romanskizzen zeichneten seiner Meinung nach ein genaues Bild des Alltags in der Diktatur. Auf die Frage, wie Kästner sein Leben nach dem Krieg gesehen habe, antwortet Hanuschek: zu unterschiedlichen Zeiten sehr unterschiedlich. Dass er nicht ins Exil gegangen sei, habe er aber später bedauert.

Trotz aller Fragezeichen und Einwände ist das blaue ein starkes, ein ergreifendes Buch. Man spürt das noch intensiver, wenn einem gut daraus vorgelesen wird.

Hanuschek hat in Erfurt seine Lese-Passagen klug ausgewählt. Er beginnt mit dem allerersten Eintrag. Am 16. Januar 1941, wenige Wochen vor seinem 42. Geburtstag, setzt sich Erich Kästner in Berlin an seinen Schreibtisch, öffnet ein blau eingebundenes Buch und schreibt: „Der Entschluss ist gefasst. Ich werde ab heute wichtige Einzelheiten des Kriegsalltags aufzeichnen. Ich will es tun, damit ich sie nicht vergesse, und bevor sie, je nachdem wie dieser Krieg ausgehen wird, mit Absicht oder auch absichtslos allgemein vergessen, verändert, gedeutet oder umgedeutet sein werden.“

Später liest der Herausgeber Passagen aus jener Zeit, da Kästners Heimatstadt Dresden in Schutt und Asche gebombt wird und er um seine Eltern bangt.

Schließlich der letzte Text vom 29. Juli 1945. In aller schrecklichen Ausführlichkeit berichtet Kästner aus Schliersee vom Treffen mit einem ehemaligen KZ-Häftling namens Kratz, der Auschwitz, Ebensee und Melk überlebt hat. Dieser berichtet Kästner detailliert von den Massenvergasungen, den Häftlingen, die die Leichen herausschleppen mussten, damit der Raum für die nächsten Toten leer wurde, sowie von den Zahnärzten: „Unter anderem, aus den Gebissresten der Vergasten das Gold und Platin herausschmelzen, das dann kilogrammweise nach Berlin geschickt wurde.“

Damit bricht Kästner sein Tagebuch ab. Für immer. Es sei ihm wohl klargeworden, vermutet Sven Hanuschek, dass sein Roman-Konzept der beschriebenen Zeit nicht angemessen wäre. „Der Holocaust setzt eine Schwelle, nach der alles anders ist als zuvor.“

Ein bewegender Abend geht zu Ende. Der Applaus des Publikums ist lang und herzlich. Und der Berichterstatter denkt über dieses Buches mit einem Kästner-Wort nach:

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

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