Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 18 2015

Ein Abend kollektiver Heiterkeit im Klub Franz Mehlhose

Die besten Geschichten schreibt das Leben. Oder Paul Bokowski

Chronist das alltäglichen Wahnsinns - Paul Bokowski auf der Bühne im Klub Franz Mehlhose.
Chronist das alltäglichen Wahnsinns - Paul Bokowski auf der Bühne im Klub Franz Mehlhose.

Die besten Geschichten, heißt es, schreibt das Leben selbst. Das mag stimmen. Doch wer schreibt sie auf? Na zum Beispiel der Bokowski Paul. Mit seinem zweiten Buch „Alleine ist man weniger zusammen“ war er jetzt im Rahmen der Herbstlese im ausverkauften Klub Franz Mehlhose zu Gast.

Der Berliner verkörpert einen Teil dessen, was im schönen Thüringen fehlt, ja manchmal sogar vermisst wird. Eine literarische Szene, die vom Auftritt lebt, vom Wettbewerb. Denn der ist es immer, auch wenn es vordergründig um nichts geht. Oder nur um die Ehre.

Am Vorabend war das noch anders. Da trat Paul Bokowski beim 10. Highslammer im Stadtgarten an – und scheiterte in den Battles der zumeist zugereisten Poeten schon im Halbfinale. Warum auch immer; wer ihn in der Mehlhose erlebt, mag das gar nicht begreifen.

Weil: der Paul ist gut, sehr gut sogar. Seine Geschichten mögen lustig sein – und die Leute im Club geizen überhaupt nicht mit ehrlicher Heiterkeit –, doch sie zeigen ihn zuerst als genauen Beobachter.  Bevor ein Mensch so brüllend komisch darüber schreiben kann, wie man im ICE ein Abteil nur für sich ergattert oder es sich mit dem eigenen Vater skypen lässt, ohne wahnsinnig zu werden, wie man formvollendet mit dem Kundenservice des Online-Shops über die kostenlose Lieferung der Waschmaschine streitet oder als Nasenbluter dem Bus nach Warschau doch noch lebend entsteigt, kurz, bevor ein Autor all dies zwischen zwei Buchdeckel presst, muss er die Abwege des Lebens, seine Untiefen, genau registrieren können.

Und wenn das nicht reicht, kann man sich ja immer auch noch etwas ausdenken. Einen Anruf bei der Polizei vielleicht, wegen des Kükens in der Küche. Oder was passieren mag, „wenn Menschen ihren Haustieren andere Menschen vorstellen". Paul Bokowski weiß da eine mögliche Antwort: „Ich halte es für ein frühes, aber sicheres Anzeichen einsetzenden Wahnsinns.“

Das mag sein. Der Paul kennt sich damit aus, als Chronist des täglichen Wahnsinns. Mit einer Nachbarin, deren Unterarme am Fensterbrett angewachsen sind oder einer Schwester, die, durchaus nachvollziehbar, traurig ist, weil: „Nie ist eine Guillotine zur Hand, wenn man wirklich eine braucht.“

Gäbe es dem etwas hinzuzusetzen? Nur das eine, weil es jetzt ja noch früher noch dunkler wird: Lesen Sie dieses Buch! Es vermag die Düsternis zu erhellen.

Paul Bokowski im Klub Franz Mehlhose

Fotos: Holger John

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