Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 21 2015

Rüdiger Safranski im Atrium der Stadtwerke

Die Furie des Verschwindens

Die Abende mit Rüdiger Safranski leben vom Miteinander vorgetragener Passagen aus seinen Büchern und den sie einordnenden klugen Bemerkungen und Erläuterungen des Philosophen und Autors.
Die Abende mit Rüdiger Safranski leben vom Miteinander vorgetragener Passagen aus seinen Büchern und den sie einordnenden klugen Bemerkungen und Erläuterungen des Philosophen und Autors.

Von Sigurd Schwager

Das steht ihr wirklich gut: Die Herbstlese nimmt sich einen Abend lang Zeit für die Zeit.

Natürlich scheint zum Wesen der Zeit von den größten Dichtern und Denkern über die Jahrtausende bereits alles und mehr gesagt. Sprüche, Lieder, Verse sowie einschlägige Bücher für unterschiedlichste Lebens- und Geisteslagen gibt es heute wie Sand am Meer, so dass man mit dem scharfen Spötter Karl Kraus seufzen könnte: Woher nehme ich nur all die Zeit, so viele Bücher nicht zu lesen?

Andererseits liefert uns unser Dasein immer wieder gute Gründe, der Zeit unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski, dem wir viele lesenswerte Bücher über Geistesriesen und Geistesströmungen verdanken, zuletzt zu Goethe und Heidegger, hat viel über die Zeit nachgedacht und jetzt die entsprechenden Erkenntnisse aus dem Füllhorn seines Wissens in Buchform geordnet: „Zeit – Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen“.

Und wie schon bei seinen vorherigen Büchern ist es ihm eine Freude, auch dieses dem Herbstlesepublikum im Atrium der Erfurter Stadtwerke näher vorzustellen. Das geschieht schnörkellos ohne Showeinlagen, die auch keiner von ihm erwartet. Es herrscht konzentrierte Stille im gut gefüllten Saal. Der Mann auf dem Podium fesselt die Zuhörer mit seinen Gedanken. Die sind nicht leicht zu haben, aber die klare Sprache hebt sich wohltuend ab vom angestrengten Kathederdeutsch mancher Professoren.

Rüdiger Safranski eröffnet seine Vorlesung, ja, dieser Abend ist eine Art Vorlesung, mit Betrachtungen zur Langeweile, die das erste Kapitel seines Buches füllen. Er redet vom Vorzug des Menschen, sich langweilen zu können, vom lähmenden Rendezvous mit dem reinen Zeitvergehen, das wir Langeweile nennen. Zeit, zitiert er Schopenhauer, erfahren wir in der Langeweile, nicht beim Kurzweiligen.

Nach diesem Plädoyer wechselt Safranski von der Langeweile zur Zeit des Anfangens, zur Lust des Anfangens. Eine neue Liebe, eine neue Arbeit, ein neues Jahr, eine neue Zeit . . . Wer anfängt, handelt. Die Zeit des Anfangens, so Safranski ist, bei halbwegs glücklichem Verlauf, der lichterlohe Moment, da man sich mit der Zeit im Bunde fühlt. Der Autor fragt mit dem Heiligen Augustinus: „Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich`s, will ich`s aber einem Fragenden erklären, weiß ich`s nicht.“

Später schlägt Safranski das vierte Kapitel seines „Zeit“-Buches auf, schaut dabei lächelnd in den Saal und sagt: „Jetzt wird es etwas einfacher.“ Es geht nun um die vergesellschaftete Zeit, in der die Uhren herrschen. Die Zeit ist dasjenige, was die Uhren messen, könnte man sagen. Könnte! So einfach dürfte es wohl nicht sein, ahnen die Zuhörer, und der Redner macht daraus Gewissheit: Er nähere sich der Zeit lieber auf einem anderen Weg, sagt der Autor, auf der Spur ihr Wirkungen.

Danach nimmt Safranski das Publikum gedanklich mit in die Eigenzeit, die im achten Kapitel vorgestellt wird und zu der die innere Zeit des Bewusstseins gehört. Im bewussten Erleben des Zeitvergehens geschehe die Verwandlung des Wirklichen in das Unwirkliche. „Das Bewusstsein der Zeit entdeckt die Furie des Verschwindens“. Jeder, sagt Safranski, ist ein letzter Zeuge für Dinge, Menschen, Erlebnisse, die mit ihm unweigerlich verschwinden werden.

Erfüllter Zeit und Ewigkeit gelten die abschließenden Betrachtungen des Autors. Das Spiel mit der Zeit habe mit erfüllter Zeit zu tun. Und die erfüllte Zeit wiederum könne als Vorgeschmack auf das gelten, was man Ewigkeit genannt habe. Eine kleine Ewigkeit vermag die Gegenwart zu sein.

In der Kunst oder im Glück der Liebe scheint die Zeit für Augenblicke still zu stehen. Safranski, der seine Zeitreise oft am künstlerischen Beispiel beschreibt, sagt, ein längst verstorbener Künstler könne mit und in seinem Werk von den Toten auferstehen: Wo wir in seinem Geiste versammelt sind, also ihn lesen, befindet er sich mitten unter uns.

Dass der gelehrte Herbstlese-Gast zum Mysterium der Zeit abschließend den großen Zeitensucher Marcel Proust zitiert, ist nicht verwunderlich. Wie Proust den Tod von Bergotte schildert, das liest sein Bewunderer Safranski vor: „Man trug ihn zu Grabe, doch während der ganzen Trauernacht wachten in den beleuchteten Schaufenstern seine jeweils zu dreien angeordneten Bücher wie Engel mit entfalteten Flügeln: für den, der nicht mehr war, das Symbol seiner Auferstehung.“

Rüdiger Safranski klappt sein Buch, das auch ein funkelnder Zitatenschatz ist, zu. Das Publikum applaudiert. Der eine oder andere schaut auf die Uhr. Noch Gegenwart? Schon Vergangenheit?

Die Zeit der Lesung jedenfalls ist wie im Fluge vergangen.

Rüdiger Safranski im Atrium der Stadtwerke

Fotos: Uwe-Jens Igel

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