Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Dez. 06 2014

Wolfgang Büscher im Atrium der Stadtwerke

Eine Schönheit, die sich nicht jedem zeigt

Wolfgang Bücher entführte sein Publikum auf die Dächer der Altstadt von Jerusalem.
Wolfgang Bücher entführte sein Publikum auf die Dächer der Altstadt von Jerusalem.

 

„Ein Brot ist Jerusalem“, sagt Wolfgang Büscher, „ein hartes Brot, gebacken nach uraltem Rezept, gewürzt mit Geschichten, Geheimnissen, Prophetien. Als habe jemand das alles lange geknetet und in den Jahrtausendofen geschoben, so einen, wie ich sie frühmorgens sah, wenn die Bäckerjungen aus den väterlichen Backhöhlen stiegen, das duftende Brot auf Brettern auf der Schulter tragend.“

Etwas später fragt Büscher: „Ist Jerusalem schön?“ Und antwortet: „Oh ja, aber seine Schönheit zeigt sich nicht jedem und nicht umsonst.“

„Jerusalem ist eine orientalische Frau. Wer sie sehen will, muss erst durchs Dunkel wandern, lange durch obskure Tunnel irren, durch Gänge und Gewölbe auf den Abend warten. Den richtigen Moment finden, die richtige unscheinbare Tür oder Treppe. Irgendwo führt immer eine Stiege hinauf auf ein Dach. Diese flachen Steindächer sind Jerusalems Königslogen – und nun war es soweit, die Vorstellung konnte beginnen.“

Wolfgang Büscher ist ein erfahrener Weltenwanderer. Von „Berlin-Moskau“ bis „Hartland“ hat er sich mit seinen ebenso spannenden wie erhellenden Texten einen ausgezeichneten Ruf als Reiseschriftsteller erschrieben. Diesen beglaubigt er nun eindrucksvoll mit seinem neuen Buch „Ein Frühling in Jerusalem“. Mehr noch: Hier ist ein Meister seines literarischen Fachs am Werke, der Erlebtes und Reflektiertes in makelloser Sprache darbietet. Bessere Reisereportagen wird man aktuell im deutschsprachigen Raum kaum finden. Auch im Vergleich etwa mit Bruce Chatwin oder Nicholas Shakespeare vermag er sich deutlich zu behaupten.

Schön dass ihn die Herbstlese wieder, zum dritten Male, nach Erfurt einladen konnte. Sein Jerusalem-Buch, das er im gut gefülltem  Atrium der Stadtwerke vorstellt, basiert auf einem Aufenthalt im Januar und im Februar 2014 in der heiligen Stadt, diesem hochkonzentrierten Ort voller Religionen, voller Geschichte und voller Geschichten.

Im Gegensatz zu den bisherigen buchgewordenen Reisen, erzählt Büscher, sei dies keine Langstreckenwanderung gewesen, sondern gewissermaßen ein achtwöchiger täglicher Hofgang in der Altstadt. In dessen Verlauf er vom Besucher zum Bewohner wird.

Büscher liest in Erfurt von Ankunft, Abreise und der intensiven Zeit dazwischen. Er streift mit seinen Erfurter Zuhörern durch enge, dunkle Gassen, nimmt sie mit auf die Via Dolorosa, zur Klagemauer, auf den Tempelberg, in die Grabeskirche, auf die Basare und in die Cafehäuser.

Vor allem aber und immer wieder sind es die Menschen, die Büscher interessieren. Er trifft den seit 60 Jahren in Jerusalem lebenden Armenier Charly, der knurrt, die Stadt sei dabei, ein religiöses Disneyland zu werden. Wir lernen mit Büscher den guten Arzt und guten Katholiken Dr. Alessandro kennen und einen jungen Araber, der sagt „Ich liebe München. Thomas Müller“. Wir nehmen Anteil an den Gesprächen mit der Jüdin Ada, deren Vorfahren einst aus Österreich-Ungarn einwanderten.

Man spürt, Büschers Herz gehört dieser Stadt, die ihm ihrerseits ihr Herz geöffnet hat. Es schlägt unruhig. Hoffnung, Melancholie, Trauer.

Büschers beschriebener „Frühling in Jerusalem“ ist nur wenige Monate her. Und doch scheint er weit weg. Kein politischer Frieden. Nirgends.

Besorgte Zuhörerfragen greifen nach der Lesung den dramatischen aktuellen Zustand auf. Dabei erwartet niemand einfache Wahrheiten, weil es die nicht gibt.

Büschers Buch endet mit einem Dank an die Stadt Jerusalem, die sich entschieden habe, sich ihm zu zeigen. Und mit der Frage: „Kehrte ich je von einer Reise so reich beschenkt heim wie von dieser?“

Der reich beschenkte Leser fragt: Fortsetzung folgt?

Wolfgang Bücher im Atrium der Stadtwerke

Fotos: Viadata

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