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Nov. 11 2014

Don Winslow im Ratsgymansium

Starke Stimmen

Mit Don Winslow war einer der ganz Großen der internationalen Krimi-Szene bei der Herbstlese zu Gast.
Mit Don Winslow war einer der ganz Großen der internationalen Krimi-Szene bei der Herbstlese zu Gast.

Wie wird man ein Schriftsteller. Ganz einfach ist das, wenn man der Erklärung derer folgt, die es bereits sind. Der Schriftsteller auf Probe muss nur jeden Tag fünf Seiten schreiben, der Rest ist einfache Mathematik. Will heißen, je nach Dicke des avisierten Werkes wird nach einigen Monaten ein Buch fertig sein, erklärte im vorigen Herbst Jonathan Stroud. Auch Don Winslow, der heuer Erfurts Literatur-Festival beehrt, sieht das so. Wobei der Amerikaner den Aussagen des Briten einen wichtigen Zusatz mit auf die Reise gibt: Ein erfolgreicher Schriftsteller ist noch einmal eine ganz andere Kategorie. 14 Verlage konnte er mit seinem Erstling nicht überzeugen, erst der 15. Verleger ging das Risiko mit einem Winslow-Roman ein. Er sollte es nicht bereuen.

Es sind diese kleinen authentischen Ausführungen, die den Abend mit Don Winslow im Ratsgymnasium so außergewöhnlich machen. Es ist der ehrliche Dialog mit seinem Publikum, der in Erinnerung bleiben wird.

Dabei wäre die Vorstellung von „Missing New York“ auch ohne das von Dietmar Herz moderierte und auch übersetzte Gespräch ein guter Kandidat für das Langzeitgedächtnis. Es ist die sonore Stimme Winslows, die den englischen Text trägt, die in Ausdruck und Kraft aber von den deutschen Passagen noch übertroffen werden. Dieses Verdienst gebührt Martin Keßler, dessen Sprache dem Publikum so eigentümlich bekannt ist. Vielleicht wissen nicht alle, wem der Schauspieler bereits seine Stimme alles lieh, doch kommt bei der Erwähnung der Rollen sofort ein „genau“ – sie erinnern sich an Nicolas Cage, Vin Diesel oder die Klonkrieger inklusive Jango Fett in Star Wars und Star Wars: The Clone Wars. Na ja, und die Snickers-Werbung – „ . . . und der Hunger ist gegessen!“ – spricht er auch.

So lernt das Publikum Don Winslows neuen Helden kennen, auf Englisch und auf Deutsch. Zu Beginn des Buches stellt er sich vor: „Mein Name ist Frank Decker. Ich spüre vermisste Personen auf.“ Im Original klingt das entschieden cooler.

Decker ist anfänglich Polizist, bis er einer Mutter das Versprechen gibt, ihre verschwundene Tochter zu finden. Nach vielen Misserfolgen geht das in seinem Job nicht mehr. Er quittiert den Dienst und wird Privatdetektiv. Decker ist ein harter Hund, mit ganz weichem Kern. Die zweisprachige Veranstaltung erlaubt den sonst als denglisch verpönten Vergleich. Decker ist Philip Marlowe reloaded.

Auch Dietmar Herz wählt anerkennend den Vergleich Raymond Chandlers mit Don Winslow. Der ist nicht nur geschmeichelt, sondern gibt zu, dass Chandler halt der Pate, der Godfather aller ist, die in Amerika Krimis schreiben. Doch erweitert er das Genre. Im Grunde, meint er, erzählt die amerikanische Literatur immer wieder ein Thema: Die Suche. Nach neuen Territorien, Freunden, dem Sinn des Lebens. Also ist auch Frank Decker ein Suchender, dessen Lebensweg auf einige Bände konzipiert ist. Erst am Ende wird er erfahren, was er sucht, warum er auf der Suche ist, erlaubt sein Erfinder einen Blick hinaus in die ferne Zukunft.

In Erfurt indes dreht sich das Gespräch zwischen Schriftsteller und Publikum immer mehr um den Zustand der amerikanischen Gesellschaft. Don Winslow hat dazu viel Kritisches beizutragen. Er bestätigt Statistiken, die von fünf Kindern sprechen, die täglich nach Gewalteinwirkungen ihr Leben verlieren. Die Erklärung dafür gelingt Winslow nicht in einigen Sätzen, er holt etwas weiter aus. Er weist darauf hin, dass die meisten dieser Opfer in den Familien zu Tode geprügelt werden, oft von ihren Stiefvätern. Zudem erinnert er an die fast 3000 Kinder, die pro Jahr durch Schusswaffen sterben; oft beim Spielen, nur ganz selten steckt Absicht dahinter. Es müsse sich einiges ändern in seinem Land, in dem es zwar ein Register gestohlener Fahrzeuge gebe, aber keine Datenbank über vermisste Kinder.

Ob er angesichts derartiger Dinge eher optimistisch oder doch pessimistisch in die Zukunft schaue, will Dietmar Herz noch wissen. Hinreichend optimistisch, erhält er zur Antwort, die Vereinigten Staaten werden in naher Zukunft „viel brauner“ sein. Die Farbanalogie, die in deutschen Ohren merkwürdig klingen muss, findet bei Don Winslow eine einfache Erklärung. An Stelle des weißen Establishments verschafften sich immer mehr Menschen mit hispanischen Wurzeln die, oder deren Vorfahren aus Asien in die USA einwanderten, Gehör. Auch die allein erziehenden Mütter oder Schwule und Lesben nehmen mehr und mehr den Raum im öffentlichen Leben ein, der ihnen zusteht. Daher, so Don Winslow abschließend, bleibt er Optimist.

Don Winslow im Ratsgymnasium

Fotos: Holger John

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