Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 24 2013

Staunen im Augustinerkloster

Einen besseren Ort als das Erfurter Augustinerkloster lässt sich für das jüngste Werk von F. C. Delius außerhalb Roms nicht finden. Foto: Holger John
Einen besseren Ort als das Erfurter Augustinerkloster lässt sich für das jüngste Werk von F. C. Delius außerhalb Roms nicht finden. Foto: Holger John

Als Friedrich Christian Delius im Februar seinen 70. Geburtstag feiert, ehren ihn die Feuilletons mit großen Artikeln. Die FAZ schreibt über ihn: „Mit dem ,Bildnis der Mutter als junge Frau‘, einem einzigen, sich über hundertzwanzig Seiten erstreckenden Satz, gelingt ihm 2006 schließlich ein kleines Meisterwerk. Das Buch vollzieht den einstündigen Weg der Mutter nach, die 1943 schwanger durch die Straßen Roms geht. Der Gedankenfluss aus Eindrücken und Empfindungen, Erinnerungen und Bibelzitaten, der zuletzt in ein Bach-Konzert mündet, in dem sich Musik und Denken vereinen, liest sich nicht nur als Reflexion über protestantische Ethik, sondern eben auch als das liebevolle Andenken an eine Mutter.“

Jetzt ist F.C. Delius im Erfurter Augustinerkloster zu Gast. Er liest bei der Herbstlese aus „Die linke Hand des Papstes“, seinem jüngsten Werk. Es lässt sich in Erfurt kein besserer Ort für dieses Buch finden, sagt Monika Rettig zur Begrüßung. Man kann mit Recht hinzufügen, der beste Ort außerhalb Roms. Hier, im Kloster, traf sich der Papst vor zwei Jahren mit der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Hier begann vor 500 und ein paar Jahren Martin Luthers geistliches Leben, fest verbunden mit dem Namensgeber des Hauses, Augustinus. Hier finden sich so mindestens drei der wichtigsten Zutaten für das Buch.

Die wichtigste Ingredienz indes bleibt Rom. Der Schriftsteller selbst nimmt Bezug auf 2006. Dieses Rom zeigt die Stadt aus der naiven Sicht einer jungen Frau 1943, seinem Geburtsjahr, erklärt F. C. Delius. Ihn reizte es, Rom aus heutiger, moderner Sicht zu beschreiben; das, fügt er hinzu, habe er schon lange vorgehabt. Er verweist auf seine Zeit als Stipendiat der Villa Massimo und über ein Jahrzehnt an der Seite seiner Frau, die in Rom arbeitete.

Wie aber anfangen? Beginne mit einem Detail, habe er zu sich gesagt, dann einige Anläufe gewagt, um schließlich bei der linken Hand des Papstes zu landen. Der Rest ergab sich.

Der Rest ist ein Ritt durch die Gedankenwelt eines Archäologen, der, im Nebenerwerb als Stadtführer tätig, einen Moment der Ruhe sucht, und in einer protestantischen Kirche den Papst, quasi in Zivil, erblickt. Der Tag der Entdeckung ist wichtig, ein Sonntag, Estomihi, in drei Tagen kommt der Aschermittwoch, der Beginn der Fastenzeit, das Leiden rückt näher. So wie für den Christen vor Ostern die Spannung wächst, soll der Leser den Fortgang der Geschichte erleben. Etwas Unerhörtes wird geschehen.

Es sind unglaubliche Assoziationsketten seines Helden, an denen F. C. Delius den Leser jetzt teilhaben lässt, Gedankenblitze, die weit in die Historie der Kirche und Roms leuchten, die Schlaglichter auf das schwierige italienisch-deutsche Verhältnis werfen – Chaoten hier, Barbaren da. Der Leser erfährt, warum die Italiener so empfindlich sind, aber auch, warum die Deutschen viele der Vorurteile ganz lässig erfüllen.

Wie nebenbei arbeitet sich F. C. Delius dabei an Italiens Ex-Premier ab. Berlusconi, dessen Name im Buch nicht fällt (das wäre wohl zu viel der Ehre), ist für den Autor die größte Gefahr, die Europa droht. Dessen permanente Versuche, die Gewaltenteilung zu unterminieren, das Fundament, auf dem Europas Demokratie ruht, zu schädigen und zu zerstören – diese Penetranz eines ungedrosselten Egos macht F. C. Delius Angst. Bis heute.

Nicht Angst, nein, das wäre übertrieben, besser ungläubiges Staunen, rufen die Parallelität des Endes des Geschichte und der Wirklichkeit hervor. Sie ist so frappierend, dass der Autor die Lesung mit dem Nachwort beschließt. „Am Freitag, dem 13. Februar 2013, wurde die vorliegende Endfassung dieses Buches um 16.59 Uhr von Rom per Mail an den Verlag in Berlin geschickt. Der 10. Februar war der Sonntag Estomihi. Am folgenden Montag, dem 11. Februar, kam um 11.46 Uhr die Meldung, der Papst werde am 28. Februar 2013 von seinem Amt zurücktreten. F. C. D.“

Auch hier, im Augustinerkloster, ist die merkwürdige Koinzidenz spürbar. Der Autor lächelt, die Zuhörer auch. Doch was sie in diesem Moment eint, ist eben: Staunen. 

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