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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Juni 02 2021

Langjähriger Herbstlese-Fotograf starb im Alter von 57 Jahren

Trauer um Holger John

Holger John 1964 - 2021
Holger John 1964 - 2021

Holger John ist tot. Der freundliche Riese mit der Kamera hat den Kampf gegen seine Krankheit verloren. Für die Erfurter Herbstlese ist der Verlust groß. Der Verein trauert nicht nur um seinen Fotografen, es ist der verlässliche Freund, der nun für immer fehlen wird. Auch wenn seine Aufnahmen aus über einem Jahrzehnt seine Geschichten weitererzählen, bleibt eine durch nichts zu schließende Lücke.

Holger lachte gern, und wenn nicht, huschte meist ein Lächeln über sein Gesicht. Bilder gibt es davon nicht. Zwar hatte er faktisch immer eine Kamera dabei, doch sich selbst nie im Sucher. Mit Technik kannte er sich aus, er nutzte sie für die Qualität seiner Aufnahmen bis an ihre Grenzen. Mit Begeisterung widmete er sich neuen Apparaten, verbesserten Objektiven oder Drohnen, die ihm fantastische, ungesehene Blickwinkel erlaubten. Doch eine Technik beschäftigte ihn nicht, sich selbst knipste er nie. Selfies, das passte nicht zu ihm.

So gibt es wenige Aufnahmen von Holger. Eine entstand bei der Eröffnung einer Ausstellung im Erfurter Café Lobenstein. Eine andere schoss sein Freund und Kollege Uwe-Jens Igel für die Zentralklinik in Bad Berka, die seine Fotos mit Weltstars zeigte. Auf dem Bild ist er mit einer seiner Kameras zu sehen. Ein seltenes Bild, das beschreibt, was ihm wichtig war. Aber auch ein Bild, das den entscheidenden Moment ausblendet – sein Motiv.

Es waren vor allem Menschen, deren Gemüt, ihre Freude, Anstrengung oder Enttäuschung er einfing. Keine Frage, von Holger stammen auch großartige Naturaufnahmen; vom Ort seiner Sehnsucht, Schottland, allemal. Aber es waren die Menschen, die ihn interessierten. Die Künstler und die Sportler, deren Charakter er in Hundertsteln einer Sekunde einzufangen vermochte. Oft, weil er die Männer und Frauen vor seiner Linse kannte, weil er eine Beziehung zu ihnen gefunden hatte, sie ihm etwas bedeuteten, weil sie Freunde wurden: Handballerinnen, Literaten, gestandene Kerle bei den Highland-Games.

Wenn er sie fotografierte, gehörte er dazu. Er war mit dem Herzen dabei. Professionelle Distanz ist in seinem Geschäft bestimmt wichtig, aber zum einen betrachtete er das Fotografieren zunächst als Berufung und erst danach, vielleicht, als Beruf. Zum anderen war er am besten als Teil eines Größeren, für das er sich interessierte, das er sogar liebte. Wie das Fotografieren im laut-stinkenden Teutschenthaler Talkessel oder in der andächtigen Stille bei einer Lesung im Theater, wenn der Mann oder die Frau auf der Bühne zwischen zwei Passagen zum Luftholen kurz innehält.

Holger war kein lauter Mensch, keiner, der sich in den Vordergrund drängte. Auch das machte ihn so sympathisch. Doch mit ihm gehen viele Erinnerungen. An die Zeit vor 1989 und in den November dieses einmaligen Jahres. Er war mit bei den ersten, die in Erfurt die Stasi besetzten, die begannen, sich durch die Aktenberge zu arbeiten. Er war wirklich dabei. Er erzählte nicht viel davon, leider. Seine Stimme wäre noch so wichtig gewesen.

„Aus dem Osten der Republik stammend, habe ich mir in meiner frühen Jugend eine Dunkelkammer eingerichtet. Ich wollte meine Urlaubsfotos nicht erst Weihnachten sehen. Als Maschine stand mir die legendäre Praktika MTL5 zur Seite. Heute fotografiere ich digital mit einer Nikon-Ausrüstung. Es ist ein Hobby geblieben mit zunehmend größerem Spaßfaktor.“

Das hat er vor einem Jahrzehnt über sich selbst auf der Seite einer Foto-Community im Internet gesagt. Der Spaß ist geblieben, das Hobby wurde zum Broterwerb. Eine bewusste Entscheidung, obwohl das Leben einen freien Fotografen in der Regel nicht auf Rosen bettet. Möglich machte das auch Claudia, die starke Frau an seiner Seite. Mit ihr fand er auch abseits von Blende und Belichtungszeit sein Glück. Auch dieses Glück – sagen wir im zweiten Anlauf – verdiente, erzählt zu werden.

Vor gut einem Jahrzehnt holte Michael John Holger zur Herbstlese. Beide trugen zwar den gleichen Nachnamen, waren aber nicht miteinander verwandt. Zumindest, wenn sich Verwandtschaft auf eine gemeinsame Blutlinie bezieht. Verwandte der Seele, Brüder im Geiste – das trifft auf die beiden Johns, den Micha und den Holger, unbedingt zu.

Beide haben diese Welt viel zu früh verlassen. Beide geben reichlich Anlass, ein kompromissloses Ende allen irdischen Seins in Frage zu stellen.

Es ist schön zu wissen, dass noch immer einige Atome der früheren Marylin Monroe auch durch diese Gegend geistern. So ist es auch tröstlich, ein ganz klein wenig, zu wissen, dass etwas von Holger in und um uns bleibt. Vor allem die Erinnerung an einen freundlichen, bescheidenen und talentierten Freund.

Holger, wir vermissen Dich.

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