Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 08 2013

„Wir fühlten uns sehr willkommen“

Auch beim Signieren nahmen die Fragen kein Ende, Rupert Neudeck konnte sich aber auch über viele gute Wünsche freuen. Foto: Holger John
Auch beim Signieren nahmen die Fragen kein Ende, Rupert Neudeck konnte sich aber auch über viele gute Wünsche freuen. Foto: Holger John

Seit vielen, vielen Jahren versucht Rupert Neudeck, Menschen in Krisenregionen zu helfen: Auf den Meeren vor Vietnam, in Ruanda und Afghanistan, in Palästina. Zuletzt waren er und seine Grünhelme in Syrien aktiv. Sie sorgten dafür, dass Krankenhäuser wieder öffneten und Schulen. Sie gaben den Menschen das Gefühl, in ihrer Not nicht allein zu sein. Dann kam der 14. Mai 2013. Drei Mitarbeiter seiner Hilfsorganisation wurden entführt. Eine Zäsur für Rupert Neudeck, deren Folgen er selbst noch gar nicht absehen kann.

Es ist eine berührende und traurige Geschichte, die der 74-Jährige im Atrium der Erfurter Stadtwerke erzählt. Berührend, weil die entführten Männer sich selbst befreien konnten, es den Helfern erspart blieb, über ein Lösegeld „Verbrecher für ihre Verbrechen zu bezahlen“. Sie ist traurig, weil sie Neudeck ein großes Stück Vertrauen genommen hat. Immer standen er und seine Helfer unter einem besonderen Schutz, einem Rest Menschlichkeit, der selbst dort zu finden war, wo man die ungebetenen Ausländer nicht mochte, ihre tätige Hilfe aber akzeptierte. In Syrien war das zuletzt anders.

Wenn Rupert Neudeck erzählt, wie ihre Arbeit im Sommer 2012 nahe der türkischen Grenze begann, wird er lebhaft. Die Freude ist ihm noch immer anzusehen, über die jungen Leute, die die Revolte gegen Assad und sein Regime trugen. In den so genannten befreiten Gebieten war die Hoffnung auf ein besseres Leben mit den Händen zu greifen. Wetten wurden abgeschlossen, wie lange sich der starke Mann in Damaskus noch halten könnte; man rechnete in Wochen. Damals „haben wir uns sehr willkommen gefühlt“, erinnert sich Rupert Neudeck.

Doch es kam anders. Die alte Macht konnte sich stabilisieren. Neue Kräfte strömten ins Land. Dschihadisten nennt sie Rupert Neudeck, bezahlt allem Anschein nach mit Geld aus Saudi-Arabien. Sie begannen, die Revolte der Jugend „kaputtzumachen“.

Die Söldner kommen aus vielen Herren Länder, aus Russland, vom Balkan, aus Arabien. Und einige kommen auch aus Deutschland. Für Rupert Neudeck und seine Freunde ist die Verbindung zwischen einer Organisation aus Nordrhein-Westfalen und der Entführung offensichtlich; diese Leute wollen alle „Ungläubigen“ aus Syrien vertreiben. Besonders ärgerlich ist es für die Helfer, dass die in Rede stehende Organisation als gemeinnützig anerkannt ist – und so ihr zweifelhaftes Tun zumindest indirekt über deutsche Steuergelder finanziert.

Rupert Neudeck schildert seinen Zuhörern die Geschichte in freier Rede, kurz unterbrochen von Passagen aus seinem „Syrischen Tagebuch“. Es trägt den Titel: „Es gibt ein Leben nach Assad“. Wie das denn aussehen könne, wird aus dem Publikum gefragt. Er weiß es nicht, erwidert der Autor, „wir alle sind keine Propheten“. Militärisch kann keine Seite in Syrien den Sieg davontragen, einige Hoffnung setzt er in die bevorstehende internationale Konferenz über die Zukunft des Landes.

Beginnt nicht gerade die Zerstörung der syrischen Chemiewaffen, fragt er in das Publikum zurück, ist das nicht Grund zu hoffen? Es gibt nichts großartigeres, als die Zerstörung von Massenvernichtungswaffen, setzt Rupert Neudeck hinzu.

In den vergangen Tagen hat er in Interviews die Arbeit seiner Hilfsorganisation, der Grünhelme, selbst in Frage gestellt. Er kann nach der furchtbaren Erfahrung der Entführung, den Gefühlen völliger Ohnmacht und Hilflosigkeit, nicht weitermachen, als wäre nichts geschehen. Auch in Erfurt klingt das an. Aber es ist nicht das Ende seines Engagements. Zunächst beschränkt er sich jetzt darauf, andere Organisationen zu unterstützen, die direkt in Syrien helfen. Zwei von ihnen nennt er beispielhaft. Sie sorgen dafür, dass Kinder weiter zur Schule gehen können.

Gleich zu Beginn des Abends erklärt Rupert Neudeck das Credo seiner Arbeit: „Es ist immer unsere Aufgabe gewesen, zu helfen, sobald es möglich ist.“ Man muss kein Prophet sein, um festzustellen: Er wird weiter von diesen Möglichkeiten regen Gebrauch machen.

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