Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
März 26 2014

„Alles, was man im Suff schreibt, ist nichts.“

In "Schluckspecht" erzählt Peter Wawerzinek die sagenhafte Geschichte seines Absturzes in die Trunkenheit - und seiner Errettung daraus. Foto: Holger John
In "Schluckspecht" erzählt Peter Wawerzinek die sagenhafte Geschichte seines Absturzes in die Trunkenheit - und seiner Errettung daraus. Foto: Holger John

"Die Regale waren immer voller Schnaps.“ Es ist kein schönes Bild, das Peter Wawerzinek von seinem verschwundenen Land zeichnet. „Erdbeeren gab es selten, Melonen oder Bananen fast gar nicht, aber billiges Bier, Korn und Blauer Würger.“ Er sagt dies der Wiener Zeitung. Woher sollen die an der Donau auch wissen, wie es war, im Norden des Staates der Arbeiter- und Bauern. An der Küste, wo besagter Blauer Würger über Jahrzehnte mindestens als inoffizielle Währung gilt.

Doch was wiegt das allgemeine Elend im Vergleich zum Schicksal eines Einzelnen. Da ist es doch egal, ob die Mutter in den Westen geht und ihre zwei Kleinkinder allein in der Wohnung zurücklässt. Da kann sie auch gen Süden verschwinden oder unter die Erde – nur der Himmel, der sei hier außen vor. Das Gefühl, verlassen worden zu sein, ist schlimm. Aber von der Mutter? Ohne Chance, einfach fragen zu können: Warum?

Peter Wawerzinek hat darüber ein hochgelobtes Buch geschrieben, „Rabenliebe“. Jetzt folgt „Schluckspecht“, die Reise eines jungen Mannes, dem so etwas passiert, immer tiefer hinein in den Suff. Eines jungen Mannes, der gar nicht saufen will, der nur dazugehören möchte. Der es deshalb übertreibt, nicht mit den anderen Jungs aufhört, sondern weiter kippt, wieder und wieder, Tag für Tag. Einer, der eigentlich schaffen will.

Die Geschichte ist die des Autors. Aus eigener Kraft ging nichts mehr für den einstigen Matador vom Prenzlauer Berg. Der Tagesablauf ging zu Bruch, die Bude ein Dreckloch und das Schreiben – vorbei. „Du musst an so einem Text ja auch dranbleiben“, sagt er fast entschuldigend im Nerly von der kleinen Lesebühne hinunter. Dann liest er einige Passagen, von kleineren Erklärungen unterbrochen.

Es gibt Geschichten, die leben allein von ihrer Geschichte. Die wäre auch noch gut, wenn einer sie schlecht erzählt. Aber davon ist Peter Wawerzinek weit entfernt. Er erzählt seine Geschichte auf seine Weise. In einem Stil, der ein Mikrofon braucht. Der Text hat einen Rhythmus, den sein Schreiber am besten kennt. Den er, eher ungewollt, mit Dauer der Lesung hier und da verliert; es schleichen sich gleichsam Synkopen ein, die den Zuhörer zur Aufmerksamkeit zwingen. Nein, leicht ist das nicht anzuhören, nach einer Stunde ist es genug. Aber es auch nicht leicht zu lesen, und doch solch ein Genuss, wenn der Leser – andersherum gilt das eben auch – am Text dranbleibt.

„Schluckspecht“ ist kein Buch für einen Abend. Dafür steckt bei aller Kunstfertigkeit zu viel Schicksal darin. Fünf Jahre hat es gedauert, bis der Autor aus der Klinik entlassen werden konnte, nicht geheilt, aber  gestärkt, um mit dem Alkoholismus umgehen zu können. Es ist Peter Wawerzinek wichtig um das Schreiben, Texte verfassen, das ist das Leben, das er für sich möchte.

Ein hoher Anspruch, für einen, der gerade in einem Interview sagte: „Alles, was man im Suff schreibt, ist nichts.“

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