Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 15 2013

Am Anfang waren die Felder

Assaf Gavron ist in seiner Heimat Israel nicht nur als Bestsellerautor bekannt, er genießt auch große Anerkennung als Übersetzter sowie als Sänger und Texter der Kultband "The Mouth and Foot". Foto: Holger John
Assaf Gavron ist in seiner Heimat Israel nicht nur als Bestsellerautor bekannt, er genießt auch große Anerkennung als Übersetzter sowie als Sänger und Texter der Kultband "The Mouth and Foot". Foto: Holger John

Assaf Gavron hat einen wunderbaren Roman geschrieben. Das literarische Quartett, das zu Beginn der Herbstlese exemplarisch vier Bücher bespricht und sich bisher in den seltensten Fällen auf die Qualität eines Werkes einigen konnte, spricht in diesem Fall ein einstimmiges Urteil: „Auf fremdem Land“ ist einfach großartig. Sie loben ein Buch über die großen Themen der Literatur: Über Familie, Liebe und Heimat, die Suche des Einzelnen nach seinem Platz in der Welt, über Gewalt und Ohnmacht. In drei Haupthelden werden diese großen Themen personalisiert: Da sind die beiden Brüder Roni und Gabi Kupfer, ein tief gefallener Börsianer und sein tiefgläubiger Bruder, und da ist Otniel, der Siedler.

Der Roman erzählt vom Aufeinandertreffen dieser drei Charaktere. Das Schicksal, das Leben hat sie in einer illegalen Siedlung in Israel zusammengebracht. Einer sucht seinen Frieden, um in Ruhe sein Gemüse anbauen zu können, der andere sucht Gottes Nähe, der dritte hat vom Suchen genug; er ist auf der Flucht. In Rückblenden erfährt der Leser, wie es dazu kam. Alle drei werden Zeugen des irrwitzigen Kampfes um den Erhalt oder den Abriss der Siedlung, greifen aktiv in das Geschehen ein oder sehen staunend, was ihnen geschieht.

Der Autor liebt dieses, sein Personal. Für sie hat er sich auf den Weg gemacht. Nach einer Lesereise durch Deutschland ist Erfurt die letzte Station. Im Collegium Maius, der alten Universität, wird er von Dietmar Herz, dem Moderator des Abends, Rachel  Holzknecht, die übersetzt, und Vorleser Martin Schink unterstützt.

Doch zunächst liest Assaf Gavron selbst, die erste Seite. Sein Hebräisch klingt warm, es ist seine Muttersprache; es hört und fühlt sich ganz anders an, wenn er englisch spricht. Sicher und weich fließen die Worte, mit eigener Melodie. Es ist, als erzähle er ein altes Märchen. Seine Worte sind, außer für die im Saal, die seine Sprache sprechen, völlig unverständlich; es gibt nur kleine Inseln des Erkennens. Hieß das gerade Tel Aviv? Und ja, das war Otniel, der Name des Siedlers.

Danach liest Martin Schink. Er macht das sehr schön. Seine tiefe Stimme passt fast perfekt zum Text. Der beginnt so: „Am Anfang waren die Felder.“ Nur wenige Sätze später heißt es: „Und Otniel sah, dass es gut war.“ Da ist sie, die Genesis, das erste Buch Mose. Wir sind im Heiligen Land.

Vier Texte aus seinem Buch hat der Autor für den Abend ausgesucht. Neben dem Prolog lernt das Publikum die beiden Brüder Kupfer kennen, später erfährt es, wie man in der Hauptstadt, im Büro des Sicherheitsministers, über die Lage in der Siedlung denkt. Der vierte Teil handelt vom Besuch des Ministers vor Ort, begleitet vom amerikanischen Botschafter. Die kleine, illegale Siedlung, die Heimat von einer Handvoll Familien, rückt plötzlich in den Fokus der Weltpolitik.

Die Politik wird diesem Abend ein wenig zum Verhängnis. Es wird viel erklärt, zur Geschichte des Staates Israels, seiner Siedlungspolitik, dem aktuellen Geschehen. Im wahren Leben, in der Gegenwart, geht es gerade um 20.000 Wohneinheiten, die Israel in den besetzten Gebieten bauen will; die Empörung der Palästinenser, das Drohen der Amerikaner, das leichte Zurückrudern des Ministerpräsidenten inklusive. Das bleibt, obwohl hundertfach gehört, den Menschen hier am Ende doch unverständlich. Es scheint immer so weiter zu gehen, erst kommt der Streit, die Drohungen, dann baut Israel doch.

Assaf Gavron bemüht ein Bild. Er zeichnet Israel als eigensinniges Kind, das ständig die Großen testet. Die USA wären dann der vernünftige Erwachsene, der versucht, Grenzen zu ziehen. Die werden mit der Zeit allerdings immer weiter. Dieses Bild mag stimmig sein, es taugt unbestritten für Zeitungszeilen. Um wirklich zu verstehen, wenigstens ein bisschen, was in Israel geschieht, braucht es entschieden mehr. „Auf fremdem Land“ hat über 500 Seiten. Keine davon ist zu viel.

So tritt die Literatur im Collegium Maius in den Hintergrund, bestimmt die Politik die Fragen des Publikums. Das ist schade, aber wohl nicht zu ändern. Dabei hat es dieses Buch mehr als verdient, als literarisches Ereignis wahrgenommen zu werden. Wer Joseph Heller liebt – um eine Parallele zu wagen, auch, weil sich im Roman ein Hinweis auf „Catch 22“ befindet −, wird ganz sicher nicht enttäuscht.

Es bleibt Assaf Gavron vorbehalten, am Ende für sein Buch, für die Literatur zu werben. Wer noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, hier lässt es sich finden.

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