Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 17 2013

Authentischer als die Wirklichkeit

Authentischer als die Wirklichkeit
Authentischer als die Wirklichkeit

Am 2. November 2004 wird in Amsterdam auf den Filmemacher und Publizist Theo van Gogh geschossen. Der Schütze, Mohammed Bouyeri, Sohn marokkanischer Einwohner, trennt ihm danach mit einem Messer den Kopf ab. Die Bluttat eines Islamisten an einem der heftigsten Kritiker eines fundamentalistisch-geprägten Islams erschüttert die Niederlande und löst ein kollektives Trauma aus, das bis heute anhält und nicht unmaßgeblich die Politik unserer Nachbarn bestimmt.

Fünf Jahre später erscheint van Gogh dem Schriftsteller Leon de Winter im Traum. Aufgewacht wird ihm bald klar: Theo muss in sein neues Buch. Jetzt ist „Ein gutes Herz“ erschienen. Leon de Winter stellt es im Rahmen der Herbstlese bei Hugendubel am Anger vor.

Er macht das gemeinsam mit Karsten Jauch. Der Redakteur der „Thüringer Allgemeine“ hat in den Niederlanden studiert, spricht de Winters Sprache und kennt sich in der Literatur des Landes aus. Wichtiger für diesen Abend ist jedoch, dass er auch die Zustände kennt, dort an der Amstel, das Leben im großen und doch so kleinen Amsterdam. Die beiden im Podium finden schnell einen Draht zueinander und unterhalten sich fast wie alte Bekannte. Das Publikum profitiert davon, es erlebt einen offenen, aufgeräumten und – wenn es das Thema erlaubt, also fast immer  – witzigen Leon de Winter.

Die Beziehung zwischen van Gogh und de Winter steht unter keinem guten Stern. Seit 1984 hat ersterer den zweiten zu seinem Todfeind erklärt. Der wortgewaltige van Gogh – „die Provokation war sein Brennstoff“ − lässt keine Gelegenheit aus, den Kollegen zu schmähen. Er ist dabei so infam, dass de Winter versucht, alle Situationen zu meiden, die ein Treffen befürchten lassen. „Wenn ich ihn getroffen hätte, hätte ich ihm einen Faustschlag verpassen müssen“, sagt de Winter heute.

Der 11. September änderte viel, auch das Verhältnis der beiden. Statt den jüdischen Autor zu beleidigen, arbeitet sich van Gogh jetzt an den Muslimen ab. Das konnte nicht gut ausgehen. An die Stelle „des Propheten Leon trat der Prophet Mohammed; das kostete ihn das Leben“, resümiert de Winter.

Dann, 2009, der Traum. Ihm geht eine ungeheuerliche Entdeckung voraus. Im Internet wird de Winter auf einen Mitschnitt einer Talkshow aus dem Jahr 2000 aufmerksam, in der van Gogh auf seine Kritiker trift. Dort konfrontiert eine Frau ihn mit einem seiner Texte, in dem er de Winter sagen lässt: „Wie wär’s heute Abend mit Treblinka, Schätzchen. Worauf die Geliebte zu einem Stück Stacheldraht greift, das sich Leon um den Schwanz bindet.“ Der Satz steht so auch im Buch.

Selbst ein knappes Jahrzehnt später haut das de Winter fast immer noch um. Aber es kommt für ihn noch ärger. Van Gogh begründet seinen Text damit, dass der Schriftsteller – wie er aus sicherer Quelle weiß – zu Hause eine Sammlung von Stacheldrahtstücken aus Vernichtungslagern besitzt. Die Lüge ist dreist, aber van Gogh rettet sie aus der Not. Noch in Erfurt ist de Winter über diese Ungeheuerlichkeit längst nicht hinweg. „Tagelang konnte ich nicht schlafen“, erzählt er Karsten Jauch.

Als ihm dann doch die Augen zufielen, erschien ihm der Feind im Traum. Was er gesagt habe? „De Winter, du bist ein Scheißkerl, aber es war vielleicht ein wenig viel, du kannst jetzt mit mir machen, was du willst“ – und der Schriftsteller fügt hinzu: „Also nahm ich ihn in mein Buch.“ Als Geschichte einer Versöhnung? „Geplant war es als eine Abrechnung – die ist wohl misslungen.“

Das Buch. „Ein gutes Herz“ schreibt nicht nur eine Geschichte, es beschreibt Geschichte. Es treten Politiker und Intellektuelle auf, die noch leben. Andere sind inzwischen gestorben oder versuchen sich als Schutzengel. De Winter nennt sie bei ihren echten Namen, Ärger bekam er deswegen nicht. Sind denn all die Bürgermeister, Anwälte und Minister im echten Leben so wie im Buch? Nicht ohne Stolz verkündet der Autor: „Sie sind authentischer als in der Wirklichkeit.“

Doch diese Wirklichkeit hat Risse. So wollte de Winter, der selbst des Öfteren und mit feiner Selbstironie gezeichnet, in die Handlung eingreift, seine Frau ein wenig außen vor lassen; aus Sorge, ihr nicht gerecht zu werden. So sind die beiden im Buch geschieden und Jessica – eine Hexe? De Winter lacht.

Es wird viel geflachst in diesem Gespräch. Ein Roman mit Angela Merkel? Warum nicht; sie hat etwas mit einem ihrer Sprecher, einem Türken, überlegt de Winter und meint: „Die wäre nicht bös.“ Fast 90 Minuten unterhalten Karsten Jauch und Leon de Winter, der auch zwei Passagen seines Textes vorliest, das Publikum, da fällt es dem Autor auf: Über das Kernthema seines Buches haben sie noch gar nicht gesprochen.

„Ein gutes Herz“ ist der Versuch einer realistischen Aufarbeitung eines fiktiven Anschlags. Es ist das versöhnliche Kapitel einer langen Männerfeindschaft. Das Buch beschreibt den Status quo der Niederlande. Es zeigt, wie es im Diesseits aussieht und im Jenseits aussehen könnte. Kurz, es handelt sich um ausgedachte Realität. Denkt man. Aber, diesen Effekt hat sich de Winter fast bis zum Schluss aufgehoben, „Ein gutes Herz“ ist ein Liebesroman.

Warum? Das ist wieder eine andere Geschichte. Die man zum Glück kaufen kann.

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