Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
März 19 2014

Briefe an Freunde

Hier lese ich, ich kann nicht anders - Stefan Schwarz ist eine feste Größe im Erfurter Gewerkschaftshaus. Foto: Holger John
Hier lese ich, ich kann nicht anders - Stefan Schwarz ist eine feste Größe im Erfurter Gewerkschaftshaus. Foto: Holger John

Der erste Satz eines Buches muss sitzen. Taugt er nicht, ist für Verleger, Autoren, Buchhändler und andere, die vom Gedruckten leben, Gefahr in Verzug. Der Leser, so die Angst, könnte aufhören, einer zu sein. Passiert das im Laden, wandert das Buch statt an die Kasse zurück ins Regal.

Ganz so schlimm ist es bei Lesungen nicht. Es passiert selten bis nie, dass Besucher nach dem ersten Satz denken „ach, lieber doch nicht“, aufstehen und gehen. Trotzdem, ein guter erster Satz kann nicht schaden.

So gesehen gelingt Stefan Schwarz im Gewerkschaftshaus ein fast perfektes Entree: „Ich habe manchmal das Gefühl, nur Bücher zu schreiben, um sie in Erfurt vorzulesen“. Keiner geht, alle klatschen. Die Stimmung im Saal strebt schon mit Beginn dem ersten Höhepunkt entgegen.

Nicht der letzte an diesem Abend bei der Frühlingslese. Stefan Schwarz, nach eigenen Worten ein „Familienhumorist“, soll auf Wunsch des Verlages „neue Leserschichten erschließen“. Statt der kleineren Form, die er mit seinen Kolumnen so einzigartig beherrscht, präsentiert er diese Saison einen Roman,  „Die Großrussin“. Doch auch wenn sie den Titel bestimmt, ist Jelena Jefimkina – genannt Lena, blond, Volleyballerin aus dem westsibirischen Tomsk, kurzsichtig, mindestens einen Meter und neunzig groß, kurz ein Prachtweib ­– nicht die Hauptheldin des Buches.

Der wahre Held ist Dr. Ullrich Hasselmann, Altphilologe, Familienvater und eher nicht ganz so groß geratener Mann. 1,65 Meter, um genau zu sein. Drei Zentimeter kleiner als der Autor, für den es deshalb „extrem schwierig war, sich da reinzufühlen.“ Das gilt gleichermaßen für die Perspektive. Hasselmann ist Ich-Erzähler, was zunächst gar nicht geplant war. „Ich wollte etwas anderes schreiben – aber es ging nicht“, räumt Stefan Schwarz ein.

So bleibt zur Freude des Publikums alles anders. Ein nicht ganz so großer Mittvierziger berichtet über die Tücken seines Alltags. Nur braucht er diesmal statt zwei stolze 287 Seiten für seine Geschichte. Die es in sich hat. Es gibt die russische Mafia und die Albaner, eine vergessene Ehefrau und das gemeinsame Kind in großen Schwierigkeiten, eine ahnungslose Familie und einige Tote.

All das, weil Ullrich vor fast zwei Jahrzehnten Lena schein-ehelichte. Ihr fehlte dazumal die Aufenthaltsgenehmigung und ihm mangelte es an zehntausend Mark, um seine Doktorarbeit zu vollenden. Dann trennten sich ihre Wege. Vorerst. Jetzt soll Ullrich Lena helfen. Es geht um Slawa, ihren Sohn.

Im Roman springt das hin und her, Familie hier, Mafia da, gestern wechselt mit heute. Das erfordert eine gewisse Konzentration. Stefan Schwarz belässt es bei der Lesung im Wesentlichen bei einer Erzählebene: Wie Lena und Ullrich zueinander finden und – gegen alle Widerstände der Behörde – schließlich heiraten. Und sich nach Jahresfrist verabredungsgemäß wieder scheiden lassen.

Stefan Schwarz hat das in seiner ganz eigenen Art aufgeschrieben, lustig und doch genau. Er teilt mit seinen Lesern und Zuhören viele Erfahrungen, aus dem gemeinsamen Erkennen wächst der Spaß. Da reicht es zum Beispiel, an die Russischkenntnisse zu erinnern und deren harten Wortschatzkern: Vorsitzender, Versammlung und – na klar – Sehenswürdigkeit. Auch der Name der deutsch-russischen Kuppel-Agentur lässt mit „Briefe an Freunde“ – dem DDR-Standardwerk für die gepflegte Pjerepisowanje – den historischen Wecker klingeln. Allein die Agentur ist fast den Buchpreis wert, Lebensweisheiten des „Schöner Trinken“, der Grundlage aller gelebten DSF, wie „Früher oder später trinkt jeder Wurzelpeter“, inklusive.

Von der deutsch-sowjetischen Freundschaft ist es bis zur russischen Seele nur ein kleiner Schritt (vielleicht ja auch einer vorwärts und zwei zurück?). Im Roman beschreibt einer der schönsten Sätze Lena: „Sie stammte aus einer Kultur, in der Lethargie und wilde Entschlossenheit in unberechenbaren Abständen aufeinanderfolgen.“ So ist sie, die Lena, weil: so sind sie, die Randeuropäer.

Wirklichkeit und Phantasie, die Großrussin lässt die Konturen verschwinden. Das Buch darf ohne Zweifel zum Besten zählen, was sich über die Saison hinaus an romantischen Splatter-Krimi-Komödien (der Autor über sein Buch) lesen lässt. Wirklich, in diesem Genre macht keiner Stefan Schwarz etwas vor. Mittelgroßer Mann, aber ganz groß. 

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