Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 10 2013

Brückentrüffel, was sonst

Bastian Sick wagte sich immer wieder unter seine Zuhörer. Foto: Holger John
Bastian Sick wagte sich immer wieder unter seine Zuhörer. Foto: Holger John

In wenigen Wochen erscheint Bastian Sicks zehntes Buch. Das 10. in zehn Jahren wohlgemerkt. Allein fünf von ihnen gehören zur Reihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. Diese Zahlen beweisen zweierlei – die ungebrochene Produktivität des Autors und – kein Verlag der Welt setzt unbeirrt auf unverkäufliche Ware – den anhaltenden Erfolg der Texte.

Dieser Erfolg ist auch in Erfurt zu besichtigen. Das Atrium der Stadtwerke ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Einige Fans ohne Karte müssen erst bangen, doch pünktlich zum Beginn werden auch sie eingelassen. Bastian Sick bittet zunächst um Geduld, er muss noch sein Kreuzworträtsel lösen. Gesucht wird eine Stadt mit fünf Buchstaben . . . jetzt hat er es, die Lösung ist: E’ffot. Oder war es E’fott? Bei Sick muss man aufpassen, es geht zügig voran. Doch das Publikum ist sehr aufmerksam und, der Gag mit dem Auftrittsort kam noch nicht ganz so gut an, bereit, den Abend mit Heiterkeit und Lachen zu genießen.

Bastian Sick hat sich seinen Vortrag in kleine Kapitel eingeteilt. Es geht entweder thematisch zu, wenn er beispielsweise über diverse Vögel in der deutschen Sprache oder die Verben der Fortbewegung parliert („Wie läuft es so? Naja, es geht.“). Oder er zeigt besonders krasse Formen deutschen Schrifttums; Ausschnitte aus missglückten Zeitungsartikeln etwa oder Verkaufsschilder der verschriebenen Art (ganz blumig: „Hornpfeilchen“ und „Steifmütterchen“).

Der zwingenden Komik dieser Schreibfehler kann sich das Publikum nicht entziehen, obwohl – sonst geht der Witz ins Leere – diese Art wissender Schadenfreude die Kenntnis der richtigen Schreibung voraussetzt. Bei Bastians Sicks Paradebeispiel, einer grammatikalisch-orthographischen Katastrophe in drei Sätzen, können die besten Besucher zwölf Fehler identifizieren. Der Kenner zeigt dann, dass es sogar dreizehn sind.

Der Vortrag hat viel Tempo. Doch Bastian Sick baut immer wieder Ruhemomente ein, die der Erholung dienen. Wer könnte schon eine Stunde Witze am Stück ertragen. So gibt es hier ein Gedicht und dort einen Hinweis auf den Büchertisch; es geht flott zu, das schon, aber das Publikum kann gut folgen.

Das gilt auch, als Bastian Sick zeigt, wie die anderen Nationen auf unsere Sprache schauen. Er wählt das Beispiel der Engländer, die einigermaßen fassungslos Worte wie „Geschwindigkeitsbeschränkung“ zur Kenntnis nehmen. Ihr „speed limit“ kommt da deutlich kompakter daher. Aber es geht auch anders herum. „Fußbodenschleifmaschinenverleih“ klingt auch in deutschen Ohren nicht nach poetischer Verkürzung, umso befriedigender wirkt da die Erklärung eines englischen Journalisten, der zur Beschreibung dieses – am Ende doch nur einen – Wortes ganze dreizehn seiner Zunge benötigte.

Doch kommt der Moment, da ist die Grenze erreicht. Der Konjunktiv II in seiner reinen Form ist den meisten Deutschen inzwischen ein Fremder, wir sind, wenn diese Summierung ausnahmsweise erlaubt ist, alle ziemlich aus der Übung. In dieser Passage schwächelt das Publikum ein wenig; klar, die intelligenten Kalauer, die Bastian Sick zur Genüge bringt, sind doch etwas leichter zu verdauen. Spaß machen sie trotzdem, all diese Schilder mit „Frische Buttermilch von der Bäuerin“, „Schmeckt wie Mama“ oder „Belecktes Brötchen“.

Aber das soll keine wirkliche Kritik sein, der Abend ist trotzdem aufregend und lustig, Unterhaltung pur. Manches muss man eben nachlesen, was den Autor nicht wirklich stört. Der Mann am Büchertisch kann sich an diesem Abend über mangelnde Nachfrage nicht beklagen.

Und Bastian Sick, der augenzwinkernd die Diffusion diverser türkischer „ü“ in die deutsche Sprache zeigt, kann zum Schluss eine besondere Gabe der Herbstlese entgegennehmen. Als Dankeschön gibt es für ihn wie für alle Künstler und Autoren wohlschmeckende „Brückentrüffel“ aus der Schokoladenmanufaktur Goldhelm – zum Naschen und, ganz speziell in diesem Fall, für seine „Ü-Sammlung“. 

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