Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 11 2013

So viele Missverständnisse

Peter Wurschi und Sabine Rennefanz Im Gespräch. Foto: Holger John
Peter Wurschi und Sabine Rennefanz Im Gespräch. Foto: Holger John

Am Anfang war die Wut. Die unmittelbare, die über die Verbrechen des Nazi-Trios aus Jena. Wie konnte nur so etwas geschehen, warum blieben die drei so lange unentdeckt? Gut 20 Jahre nach dem Untergang der DDR und dem offiziellen Vollzug der deutschen Einheit stellen sich Sabine Rennefanz wie vielen anderen diese Fragen. Die Berliner Journalistin geht indes einen Schritt weiter. Sie will wissen: Wie konnte das mir passieren?

Ihre Antwort darauf ist ein Buch. „Eisenkinder – Die stille Wut der Wendegeneration“. Es zeigt auf eindringliche Weise, was passiert, wenn man alles persönlich nimmt, die gewohnte Welt um einen verschwindet, alte Regeln verschwinden, ohne dass neue an ihre Stelle träten, wenn Einsamkeit Gemeinschaft ersetzt und, das alles in Kurzform, nichts mehr sicher ist.

Sabine Rennefanz liest in der Gedenkstätte Andreasstraße, bekannt als der alte Stasi-Knast. Im Vorfeld ist sie ein wenig beunruhigt. Ob das der richtige Ort für ihr Buch ist? Auch für die Herbstlese ist der Abend eine Premiere. Sie gelingt.

Der Raum ist voll. Für die Autorin, die gerade durch Ost und West reist, um ihr Buch vorzustellen, keine völlige Selbstverständlichkeit. So dankt sie nach ihrer Vorstellung durch Peter Wurschi, der die Gedenkstätte vertritt, ihren Gästen für das zahlreiche Erscheinen. Einigen einleitenden Worten zu ihrer Motivation, das Buch zu schreiben – erinnert sei an die Morde des NSU – folgen doch schon grundsätzlichere Anmerkungen. Zwei bleiben in besonderer Erinnerung: Niemand, sagt sie fast beiläufig, möchte wirklich die DDR zurück. Und: Die vielen Missverständnisse zwischen West und Ost haben ihre Wurzeln in den 90er Jahren; diese Zeit gehört aufgearbeitet.

Das mit der DDR ist so ein Missverständnis. Wer sich daran reibt, was in den letzten Jahren mit und um ihn herum geschah, wird ganz schnell in die rote Ecke gestellt. Da ist es dann nicht mehr weit bis zu der Aufforderung, dann bau doch die Mauer wieder auf.

Doch darum geht es im ersten Teil der Lesung nicht. In den ersten Kapiteln des Buches beschreibt Sabine Rennefanz, wie sie den Untergang der DDR erlebte; mit opportunistischen Lehrern, überforderten Eltern, Begrüßungsgeld und vielen, vielen Fragen. Sie macht das mit dem Blick der Journalistin, fährt nach Eisenhüttenstadt, wo sie zur Schule ging, geht auf Spurensuche.

Das alles kann, mit allem Respekt, jeder Reporter, der sein Handwerk versteht. Doch in Eisenhüttenstadt ist kein beliebiger Schreiber unterwegs, sondern eine Frau, die ihrer Vergangenheit nachspürt. Im Journalismus ist Betroffenheit eher eine Gefahr; wie soll so ein Mensch objektiv berichten? Aber die Betroffenheit wird zur Chance, wenn sie wahrhaftig ist.

In der Tat ein hoher Anspruch. „Eisenkinder“ wird ihm gerecht. Das Buch ist ein gutes, ein ehrliches, weil Sabine Rennefanz eine besondere Zeitzeugin zur Seite steht – sie selbst. Genauer gesagt, ihre Tagebucheinträge, die sie schonungslos auch gegen sich verwendet. „Eisenkinder“ verdankt diesem Tagebuch mit seine stärksten Momente: „Die Lehrer schauen uns an, aber sie sehen uns nicht.“ Oder: „Woran sollen wir uns orientieren, wenn alles erlaubt ist?“

Sabine Rennefanz, die ältere, reflektiert die Situation in einem Gleichnis. Entweder zog man sich damals auf die Couch zurück, schaute Aufzeichnungen von „Ein Kessel Buntes“ und futterte dabei Nudossi-Brote, oder man erklärte, schon immer für die Einheit gewesen zu sein. Und wenn man beides nicht wollte oder konnte? „Was für ein Entscheidungsdruck.“

So lässt sich auch der Buchtitel deuten. „Eisen ist ein besonderer Stoff für mich“, erklärt Sabine Rennefanz. Hart und spröde, ohne Pflege gefährdet zu rosten, und doch wandelbar. Wie ihre Generation. Es sind Sätze wie diese, die das Publikum in der Andreasstraße berühren. Später, in der Fragerunde, werden sich die Zuhörer auf diese Passagen beziehen, sie mit ihren eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und vor allem Gefühlen verbinden.

Doch jetzt versucht sich Peter Wurschi im Gespräch mit Sabine Rennefanz. Es kann beiden in diesen Momenten nicht ganz gelingen, die Spannung im Raum zu halten. Die meisten der Gäste wollen lieber mehr davon erfahren, wie es damals war, was die Autorin, was sie selbst erlebt haben.

Zwei Mal noch erfüllt Sabine Rennefanz diesen Wunsch. Sie liest auch ein Stück aus der Zeit, als sie sich Gott zuwandte, sie sich in einer Freikirche, in einer ihrer Gemeinden, so wohl fühlte. „Ich war“ erzählt sie, „empfindlich für einfache Wahrheiten, ich hatte Sehnsucht nach Klarheit." Plötzlich war sie wieder beschäftigt und hatte viele Freunde, „da war dieser Gott, und der hatte einen Plan".

Beide Teile des Buches verbinden sich auf wunderbare Weise. Sie könnten auch die Leserschaft einen. Denn für den Leser-West ist die Wende hinreichend exotisch, im ersten Teil erfährt er Geschichten gleichsam aus der post-real-sozialistischen Murkelei. Beim Leser-Ost weckt der Text Erinnerungen, oft an fast vergessene Gefühle. Beim zweiten Teil wechselt die Exotik vom Osten in den Westen. Das hat doch was.

Und was ist aus der Wut geworden? Die ist nicht mehr ganz so groß, meint Frau Rennefanz. Soll heißen, sie selbst kann besser damit umgehen. Denn die Verletzungen der Wendezeit lassen sich nicht vergessen: so viele Verluste, so wenig Sicherheit. Auch bei der Autorin blitzten sie immer wieder auf. Etwa, wenn sie die mediale Aufregung um den Verlust hunderttausender Arbeitsplätze in Ostdeutschland vergleicht mit der Empörung, die um sich greift, wenn in Bochum ein paar hundert Autobauer ihren Job verlieren . . .  Oder fällt so etwas unter die Kategorie Missverständnisse?

Sabine Rennefanz stellt „Eisenkinder“ auch in Schulen vor. Doch wichtiger, als den Nachgeborenen zu erzählen, wie es war, scheint es, den Dialog in Gang zu setzen zwischen denen, die diese Zeit auf so unterschiedliche Weise, weil eben auch in verschiedenen Welten, erlebt haben. Da gibt es, vorsichtig ausgedrückt, noch eine Menge zu tun.

Die Lesung in Erfurt darf als ein ordentlicher Schritt auf diesem Weg gelten.

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