Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 22 2015

Vladimir Sorokin bei Hugendubel

Дайте аспирин! Aspirin her!

Die Herren Tretner, Sorokin und Lyssenko in der Buchhandlung Hugendubel.
Die Herren Tretner, Sorokin und Lyssenko in der Buchhandlung Hugendubel.

Es ist ein russischer Abend. Freunde der Sprache sitzen nicht nur auf dem Podium. Auch in den Zuschauerreihen kennt sich so mancher Besucher mit dem Kyrillischen aus; oft wird schon gekichert oder gelacht, bevor Übersetzer Juri Lyssenko mit seiner Arbeit begonnen hat. Hier gleicht der Abend dem am Montag im Augustinerkloster, nur dass zu Wochenbeginn die Kenner französischer Zunge prompt auf die fremdsprachigen Ansagen reagierten. Doch egal ab Russisch oder Französisch – es sind immer auch Menschen im Saal, die die fremde Sprache nicht oder nicht so gut beherrschen. Für die übersetzt wird.

Um die fast babylonische Sprachverwirrung noch zu steigern, beginnt Andreas Tretner, einer von Vladimir Sorokins Übersetzern, auch noch mit einem Verweis auf Hollywood. Der dennoch passt. Schließlich ist dieser 21. Oktober kein Tag wie jeder andere. Es gibt ihn bereits ein zweites Mal. Vor über 25 Jahren hatte ihn Marty McFly schon einmal erlebt, als er zusammen mit Dr. Emmet Brown „Zurück in die Zukunft“ reist, um seine Familie zu retten. Coole Kids reden dieser Tage auch ständig von BTTF, was für nichts anderes als „Back to the Future“ steht, dem Originaltitel von Robert Zemeckis‘ Kult-Dreiteiler.

So wie die amerikanischen Filmleute ist Vladimir Sorokin die Gegenwart allein zu wenig. Lineare Prosa, so sein Übersetzer, ist nicht des Autors Ding, er bevorzuge in seinen Werken, die sich oft zu Zyklen finden, einen komplexeren Zeitbegriff. Wie das geht? Sorokin erklärt das am Beispiel des Schachs. Ein Amateur denkt in Zügen, beim Schach schließt er sich da bescheiden selbst mit ein. Ein Großmeister indes überblicke die ganze Partie. Die aktuelle Stellung verrät ihm, was kommen wird. Oder gekommen sein würde?

Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat das verstanden. So gut, das Sorokins Verlag auf dem Umschlag von „Telluria“ aus seiner Rezension zitiert: „Sorokins Kunst besteht darin, die sich abzeichnenden Tendenzen so präzise zu analysieren, dass seine literarischen Entwürfe retrospektiv wie eine Vorwegnahme von Zukunft erscheinen.“ Kurz ausgedrückt: BTTF!

Doch bevor der Autor weiter auf die „metaphysischen“ Fragen seines Übersetzers eingeht, lässt der das Werk selbst sprechen. Gelesene Passagen wechseln sich nun mit Erhellungen durch die Herren im Podium ab.

Das ist nicht unklug. Zwar verspricht Andreas Tretner, der Roman, der sich aus 50 autarken Stücken zusammensetzt, erschließe sich ungeachtet seiner Komplexität doch relativ leicht, ein bisschen Handreichung kann dennoch bestimmt nicht schaden. So erfährt das Publikum, was es mit dem Titelstiftenden Seltene-Erde-Element mit der Ordnungszahl 52 auf sich hat, das kaum bis nie in reiner Form zu haben ist, aus dem man sich trotzdem, in der Zukunft, Nägel formt und zum Zwecke des Glücksgewinns in den Schädel rammt. An eine wohldefinierte Stelle, versteht sich, sonst kostet falsches Gehämmere mehr als nur den Verstand.

Zwischen all diesen, dem Werk und seinem Verständnis dienenden Bemerkungen, geht es locker und zuweilen auch lustig auf der Lesebühne zu. Das geneigte Publikum erahnt, warum das deutsch-russische Verhältnis schon einmal besser war, wo die Sowjetunion und ihre Protagonisten unverändert werkeln und wieso im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts vaterländisches Aspirin nicht mehr genügte – es musste schon von Bayer sein.

Es ist ein sehr unterhaltsames Spektakel, das da bei Hugendubel geboten wird. Das endet, wie es angefangen hat. Bei Marty McFly und seinem fliegenden DeLorean. Und der Erkenntnis, dass „Telluria“ ein Buch ist, das man immer wieder aus den Bücherschrank holen kann. Gerade in der Zukunft.

Vladimir Sorokin bei Hugendubel

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