Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 27 2018

Kommissarin Petra Reichling besichtigt den „Tatort Schulhof“ und beeindruckt damit das Erfurter Publikum

„Das Leiden der Opfer muss aufhören“

Petra Reichling belegt, was viele fürchten: Die Qualität der Straftaten an den Schulen hat sich geändert. Die Hemmungslosigkeit ist größer geworden.
Petra Reichling belegt, was viele fürchten: Die Qualität der Straftaten an den Schulen hat sich geändert. Die Hemmungslosigkeit ist größer geworden.

Von Sigurd Schwager

Nein, dieser Herbstlese-Abend wird kein leichter sein, wo man sich zurücklehnt, entspannt zuhört und dann froh gestimmt nach Hause geht. Schon gar nicht sind einfache Antworten zu erwarten. Dazu ist das Thema viel zu wichtig und viel zu komplex: Woher kommt die wachsende Gewalt an Schulen? Warum sind Schulen für Kinder so oft kein geschützter Raum mehr? Was kann, was muss man tun? Fragen, die uns berühren, bedrängen, auch ängstigen.

Entsprechend dicht gefüllt sind die Saalreihen, als Petra Reichling das Buch „Tatort Schulhof“, ihr erstes überhaupt, im Haus Dacheröden vorstellt. Die 49jährige kennt den Tatort Schulhof ganz genau durch ihre Berufs- und Lebenserfahrung: Sie ist seit 26 Jahren mit Leib und Seele Polizistin, heute Kriminalhauptkommissarin und stellvertretende Dienstgruppenleiterin der Kriminalwache Düsseldorf, immer wieder ehrenamtlich aktiv, gefragte Referentin zum Thema Kriminalität an Schulen.

Was sie schreibt und in Erfurt ohne jeden Hauch von Alarmismus vorträgt, wirkt ernüchternd: „Nach fast zehn Jahren, in denen ich beim Düsseldorfer Kriminalkommissariat 12 für Sexualdelikte zuständig war und im Zuge meiner Ermittlungen auch mit den Verhältnissen an Schulen vertraut wurde, muss ich sagen: Es gibt eine Tendenz, die ist nicht zu übersehen. Die Qualität der Straftaten an Schulen hat sich geändert. Die Hemmungslosigkeit ist größer geworden. Die Gewaltbereitschaft ist gewachsen. Die Geringschätzung für das Leben und den Besitz anderer hat zugenommen. Früher habe ich mit der Antwort gezögert, wenn ich gefragt wurde, ob es schlimmer geworden ist. Heute sage ich, ohne zu zögern Ja.“

Und wer glaube, sagt Petra Reichling, die Kriminalität im schulischen Bereich beschränke sich auf Grund-, Haupt- und Förderschulen, der irrt. Ihre Erfahrung sei, dass Straftaten an allen Schultypen vorkommen, auch an Gymnasien, auch an Waldorfschulen. Manche seien längst an der Tagesordnung: der Handel und Besitz von Drogen, Vandalismus, körperliche Gewalt, sexuelle Nötigung, Cybermobbing.

Wichtiger als Zahlen und Daten sind der Kommissarin konkrete, natürlich anonymisiert Fälle, um die Situation unbeschönigt zu beleuchten. Sie berichtet von einem 11-jährigen Jungen, dem in der Großen Pause ein Klassenkamerad ein Messer an die Kehle hält. Als die Mutter des Jungen sich später an die Mutter des Angreifers wendet, bekommt sie von dieser nur zu hören, Messer in der Schule seien doch normal. Und leider habe auch die Schulleitung Konsequenz vermissen lassen.

Später wird sie auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum antworten, dass sie sich als Opferschützerin verstehe. Im Grunde sei ihre Motivation für die Arbeit als Polizistin und für die am Buch ganz schlicht: „Das Leiden der Opfer muss aufhören!“ Wenn ein Kind Hilfe benötige, müsse man ihm helfen. Klar sei auch, dass das Verhalten der Eltern zunehmend Einfluss auf das Klima an den Schulen gewinne, dass die Rolle der Justiz beleuchtet werden müsse, man gesellschaftliche Entwicklungen und politische Entscheidungen nicht außer Acht lassen könne.

Leidenschaftlich plädiert Petra Reichling für Kooperation: „Wir müssen zusammenarbeiten. Für sich allein kann keiner das Problem der Jugendkriminalität lösen - die Schule nicht, die Polizei auch nicht.“ Es brauche Ansprechpartner für die Schulleitungen bei der Polizei und umgedreht sowie regelmäßigen Kontakt zwischen beiden. Vorbildlich und auch für andere Bundesländer sinnvoll nennt sie in diesem Zusammenhang einen Runderlass der Regierung von Nordrhein-Westfalen, aus dem sie in Erfurt einige Passagen zitiert.
Nach 45 Minuten beendet Petra Reichling den solistischen Teil des Abends, dessen ruhige Sachlichkeit besticht. Sie möchte die zweite Halbzeit für das Gespräch mit ihrem Publikum nutzen. Dieses entwickelt sich, so sieht es jedenfalls der Berichterstatter, zu einem kleinen Lehrstück ernsthafter Kommunikation frei von Rechthaberei. Es beginnt bei juristischen Fragen im Schulalltag und schlimmen Mobbing-Erfahrungen und führt über das Einfordern von scheinbaren Kleinigkeiten (bitte, danke, guten Tag, auf Wiedersehen) bis zum großen Ganzen des digitalen Zeitalters mit all seinen Gefährdungen insbesondere für Kinder

Dabei entsteht ein Dialog zwischen der Autorin und den Fragenden sowie untereinander im Saal. Immer wieder gibt es Zwischenbeifall nicht nur für die kluge Polizistin auf dem Podium, sondern auch für die vielen klugen Wortmeldungen. Mit einer Ausnahme kommen sie alle von Frauen. Oft sind es Lehrerinnen, was beim Tatort Schulhof nicht verwundert.

„Ich werde“, verspricht Petra Reichling, „Erfahrungen, die wir in unserer Arbeit fast täglich machen, und Tatbestände, mit denen wir fast täglich zu tun haben, nicht um des lieben gesellschaftlichen Friedens willen verschweigen. Ich werde sie, um desselben Friedens willen, aussprechen.“
Langer, herzlicher Beifall des Publikums, und Petra Reichling dankt zurück. Ein wichtiger Abend, aber kein frustrierender, obwohl doch das Erwartete geschieht, es zum Schluss noch mehr offene Fragen als Antworten gibt, mehr Ratlosigkeit als Rat. Aber die Hoffnung bleibt, und sie ist vielleicht sogar ein wenig größer geworden.

Außerdem reicht die Herbstlese dem Gast wie immer Schokolade. Selten sind die Brückentrüffel so wichtig wie in diesem Moment.

Petra Reichling im Kultur: Haus Dacheröden

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