Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
März 19 2015

Michael Köhlmeier in der Buchhandlung Hugendubel

Der eifersüchtige Romancier

Nachgeholte Lesung: Michael Köhlmeier wollte schon zur Herbstlese kommen.
Nachgeholte Lesung: Michael Köhlmeier wollte schon zur Herbstlese kommen.

Die Lesung ist nach einer knappen Stunde so gut wie vorbei. Michael Köhlmeier hat gerade drei Passagen aus seinem neuen Roman „Zwei Herren am Strand“ vorgetragen. Mit sehr schöner Stimme, die wunderbar zum Text passt; ruhig, ein klein wenig melancholisch. So, wie man sich das Gespräch der beiden Männer vorstellen kann, die da – zunächst zufällig ­– darüber reden, wie es wäre, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.

Ein Buch über den Selbstmord. Ja und nein. Ja, weil den beiden Herren, den historischen Figuren Charlie Chaplin und Winston Churchill recht nahe, der Gedanke an den Freitod nicht sonderlich neu ist. In früher Kindheit schon, so mit sechs, ist beiden das Thema geläufig. Ja auch, wie sie ein Leben lang unter depressiven Schüben leiden, als deren möglicher Ausweg ein Suizid nun einmal gilt.

Nein, weil sie bei aller Sehnsucht nach Frieden, aller Todessehnsucht, diesen Schritt doch nicht gehen. Gar nicht gehen können. Allem persönlichen Unbill steht eine größere innere Kraft entgegen – ihre Kreativität. Der Dunkelheit entsteigt die Kunst.

Die Ergebnisse der Schaffenskraft beider Männer faszinieren bis heute. Auch Michael Köhlmeier schwärmt von der artistischen Kraft der zwei Engländer. Es ist eine Begeisterung, die er mit seinem Publikum teilen möchte. Und so sagt er in die Stille, die dem Aufruf zu Fragen folgt: „Ich wüsste, was ich fragen würde.“ Kurze Pause, dann: Was ist eigentlich wahr an diesem Buch?

Der Autor antwortet sich gleich selbst. Wahrheit und Imagination, von beidem ist etwas dabei. Die Grenzen verwischen, selbst für ihn, der die Geschichte doch aufgeschrieben hat, sind sie nicht immer mehr klar zu erkennen. Auch, weil beim Schreiben selbst die Charaktere ihren eigenen Schabernack treiben, den Autor gleichsam vor sich und die Handlung vorantreiben. „Die Figuren gewinnen Macht über einen. Man soll sie machen lassen.“

Da beginnt die Literatur, wenn der Schriftsteller das Mögliche zu denken beginnt, und er es dann aufschreibt. Ähnlich wie Michael Köhlmeier hat es Leon de Winter vor zwei Jahren bei der Herbstlese formuliert; die Helden geraten letztlich realer, authentischer als in der Wirklichkeit.

Jetzt kommen Autor und Publikum ins Gespräch, jetzt geht es um Gott und die Welt, um Michael Köhlmeiers Zuneigung. Wer sei ihm denn näher – Chaplin oder Churchill. Das habe sich geändert, erwidert der Autor. Erst war es Chaplin, dann mehr und mehr Churchill. Wohl auch, weil wir den ersten eher in einer in seiner Rollen sehen, deren Leichtigkeit und Verspieltheit die dunkleren Seiten des Künstlers überdeckt. Andererseits gilt Churchill ja zunächst als harter Staatsmann, dessen Liebenswürdigkeit und fast schrullige Loyalität nicht allgemein bekannt sind.

Der Mann auf dem Podium hat sich warmgeredet. Er macht, was er vielleicht noch besser kann als schreiben. Er erzählt, getragen von dem, was er alles schon selbst erlebt, selbst gesehen und selbst gelesen hat. Es ist die Zusammenfassung von so viel in nur wenigen Sätzen. Es gibt seinen Zuhörern ein gutes Gefühl und ein Wissen dazu, auf dass sie es später mit auf den Heimweg nehmen können.

So ist der Schluss des Abends dem Erzählen vorbehalten, wie er dazu kam, und an welche Vorlagen er sich hält. Ein wenig eifersüchtig, auch das ist vom Autor zu hören, ist der Romancier Köhlmeier dann auf den Erzähler schon. Schließlich werde der für seine Auftritte auch noch deutlich besser bezahlt, sagt er schmunzelnd.

Eine Vorlage, auf die Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig bei ihren Dankesworten gern eingeht. Als „Erzähler“-Zulage hat sie eine besondere Gabe bereit: Schokolade von der Krämerbrücke. Michael Köhlmeier nimmt diesen Zuschlag gerne an. Dann ist, lange nach Ende des Vorlesens, fast Schluss. Denn erst geht es noch an das Signieren.

Michael Köhlmeier bei Hugendubel

Fotos: Holger John

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