Erfurter Herbstlese

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März 24 2015

Peer Steinbrück und Nils Minkmar im Frühlingslese-Gespräch über die „Vertagte Zukunft“

Wider die politische Enthaltsamkeit

Peer Steinbrück hat nichts von seinem unterkühlten Charme eingebüßt, der ihn als Bundesminister der Finanzen auszeichnete.
Peer Steinbrück hat nichts von seinem unterkühlten Charme eingebüßt, der ihn als Bundesminister der Finanzen auszeichnete.

               Von Sigurd Schwager

Gelesen hat er natürlich nicht. Zur Erfurter Frühlingslese 2015 belegt Peer Steinbrück im bestens gefüllten Collegium maius wieder einmal, dass er die Kunst der freien Rede glänzend beherrscht. Der prominente SPD-Politiker kann nicht nur druckreif schreiben, und das ganz ohne Ghostwriter, er kann auch mühelos druckreif sprechen. Beides interessant, zum Nachdenken anregend.

Nebenher registriert der Leser wie der Zuhörer dankbar, dass der Geist nicht permanent mit populistischen Kunststückchen gequält wird. Peer Steinbrück also, der vor nicht allzu langer Zeit für seine Partei in den unglückseligen, letztlich aussichtslosen Wahlkampf um das Kanzleramt zog, hat ein neues Buch geschrieben. In Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung stellt er es zur Frühlingslese vor.

Im Buch lesen wir im Kapitel III unter der Überschrift „Warum die Wahl 2013 verlorenging“ diese Sätze: „Meine Kandidatur für das Amt des Bundeskanzlers war ein Fehler – mein Fehler. Er entsprach einer Selbsttäuschung, genauer: einer Fehleinschätzung meiner Möglichkeiten. Ich hätte die Grenzen erkennen müssen: nicht nur meine eigenen, sondern auch die, die mir durch meine Partei gesetzt wurden. Falsch beurteilt habe ich insbesondere das Profil der SPD in der breiten Wählerschaft und die Bedingungen für eine erfolgreiche Wahlkampagne."

Aber Steinbrück wäre nicht Steinbrück, wenn er bei den eigenen Fehlern verharren würde. Nein, sagt er jetzt in Erfurt, das Buch sei kein larmoyanter Rückblick auf die kaum vermeidbare Wahlniederlage 2015. „Eine meiner wichtigsten Erfahrungen im Wahlkampf“, schreibt er, „war die Erkenntnis, dass unser Land in einer gewissen Selbstzufriedenheit versinkt und wegen einer damit korrespondierenden politischen Enthaltsamkeit die Zukunft zu verspielen droht.“

Zusammengefasst heißt das im Buchtitel: „Vertagte Zukunft. Die selbstzufriedene Republik.“ Das Werk wurde bislang überwiegend freundlich rezensiert, und geadelt durch einen schönen Verriss in der "heute-show".

Wenn man Peer Steinbrück in Erfurt erlebt, hat man den Eindruck, dass er, der auf Fragen gewohnt souverän reagiert, sein Opus auswendig und fehlerfrei Zeile für Zeile vortragen könnte. Ein Mann, ein Wort. Ein Mann, eine Haltung. Zunehmende internationale Verflechtungen, Finanzkrise, Ukraine und Griechenland, Putin und Merkel, NSA und gläserner Mensch, Pluralisierung der Gesellschaft, demographische Veränderungen, digitale Revolution – Steinbrück lässt (fast) nichts aus.

Er schont seine Partei nicht, er schont die Parteien nicht und auch nicht die Wähler. Also auch nicht all jene, die an diesem Abend mit offenkundiger Symphatie für ihn ins Collegium maius gekommen sind. Ihr Bürger wollt im Grunde in Ruhe gelassen werden, kritisiert Steinbrück den Bürger im Lande wie hier im Saale. Im Buch fasst er seinen Wunsch und seine Hoffnung im Eröffnungsplädoyer in vier Wörter: „Kümmert Euch um Politik!“

Was er dazu im Detail mitzuteilen weiß, ist jenseits aller Mahner- und Verkünder-Stilisierung aufschlussreich und des Nachdenkens wert. „Investieren Sie in diese Gesellschaft, investieren Sie in Demokratie“, ruft er seine Erfurter Zuhörer auf.

Dass der Abend dem Publikum viel geistigen Gewinn bringt, ist nicht allein Peer Steinbrücks Verdienst. Nils Minkmar, sein Gesprächspartner auf dem Podium, trägt wesentlich dazu bei. Der sprachmächtige einstige Feuilleton-Chef der FAZ und künftige „Spiegel“-Mann ist eine kongeniale Besetzung. Er hat Steinbrück im Wahlkampf 2013 ein Jahr begleitet und aus Erlebtem und Reflektiertem ein lesenswertes Buch gemacht: „Der Zirkus. Ein Jahr im Innersten der Politik“ – das Porträt eines eigenwilligen Politikers und zugleich seiner Partei.

Wenn ein prominenter Politiker, der gern Journalist geworden wäre, und ein prominenter Journalist sich unterhalten, dann ist der Gesprächsweg von der Politikverdrossenheit zur Medienverdrossenheit nicht weit. Wechselseitiger Respekt wird angemahnt und das Vermögen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Den beiden Männern zuzuhören bereitet intellektuelles Vergnügen, auch wenn sie selbst streitfrei miteinander umgehen.

Gelacht werden darf auch: Wenn Steinbrück seine Kanzlerkandidatur für 2025 ankündigt und, um mediale Eilmeldungen zu vermeiden, sofort ein „Achtung: Satire!“ folgen lässt. Oder wenn er spricht: „Ich bin bekannt für meine diplomatischen Fähigkeiten.“

Ernst ist es ihm hingegen mit dem Wunsch, wir alle mögen nicht immer zuerst nur die Risiken sehen, sondern doch bitte lieber die Chancen.

Sein Buch „Vertagte Zukunft“ hat Peer Steinbrück als optimistischer Großvater seinen Enkeln Marie-Luise und Theodor gewidmet: „in der Hoffnung auf eine gute Zukunft“.

Peer Steinbrück im Collegium maius

Fotos: Holger John

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