Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 07 2016

Der Sprachartist Heinrich Steinfest kündigt im Augustinerkloster die Rückkehr von Detektiv Cheng an

Der Spatz und der Kommissar

Heinrich Steinfest kurz vor seiner Lesung im Erfurter Augustinerkloster.
Heinrich Steinfest kurz vor seiner Lesung im Erfurter Augustinerkloster.

Von Sigurd Schwager

Bei Heinrich Steinfest drehen Literaturkritiker, voran die Hochbegabten vom Hochfeuilleton, gern schon mal am Rad der eigenen Bewegtheit: „Herrlich! Göttlich! Steinfest!“ oder „Heinrich Steinfest ist ein Meister."  Es geht auch so: „Ein Virtuose des geschmackvollen Pöbelns, ein Meister der schrägen Figuren, ein sanfter Terrorist" und nicht zu vergessen „Heinrich Steinfest verfügt über ein schamlos bloßlegendes Sprachbesteck.“

Natürlich fehlt auch Herbstlese-Guru Denis Scheck nicht: „Steinfest unterhält nicht nur, er öffnet einem buchstäblich die Augen für - ein großes Wort - den Reichtum und die Vielfalt der Schöpfung.“

Der Erfurter Herbstlese-Berichterstatter bekundet an dieser Stelle die unbedingte Wahrhaftigkeit dieser Elogen. Denn auch er gehört zu jenen, die sich an der Sprach- und Gedankenlust von Heinrich Steinfest erfreuen können, die seine eigenwilligen Geschöpfe und ihre abgründigen Geschichten mögen: Den einarmige Wiener Privatdetektiv Markus Cheng und dessen Hund Lauscher - ein Mischlingsrüde, der im Alter aus Gründen der Inkontinenz Höschen trägt.

Den Croissant-Liebhaber Klaus Vavra, der außerdem gern Frauen am Telefon anschweigt. Den Wiener Chefinspektor und bekennende Wittgensteinianer Richard Lukastik. Die feinnasige Polizistin Lilli Steinbeck, eine Expertin für Entführungsfragen. Den Allesforscher Sixten Braun. Um nur einige zu nennen.

Jetzt stellt Heinrich Steinfest zur Erfurter Herbstlese im Augustinerkloster der zahlreich erschienenen Fangemeinde seinen neuen Roman vor: „Das Leben und Sterben der Flugzeuge“. Er bietet darin ein noch größeres Verwirrspiel als man es von ihm eh schon gewohnt ist. Auf knapp 600 Seiten erleben wir ein Agenten-, ein Kriminal-, ein Leseabenteuer, das in zwei Welten stattfindet. Die wichtigsten Helden der Geschichte sind zum einen Kommissar Blind aus München und zum anderen ein junger Spatz namens Quimp aus Paris.

Beide, der Kommissar und der Spatz, träumen sich im Verlauf der Handlung gegenseitig. Es herrscht das Prinzip Traumpartnerschaft, der Doppelrollen in Parallelwelten. „Irgendwo auf dem weiten Genre-Feld zwischen Fantasy, Science-Fiction und Mystery Thriller“ verortet der Rezensent vom Wiener „Falter“ das neue Werk unter der schönen Überschrift „Ich glaub, mein Spatz pfeift!“

Es ist nicht immer leicht, im Kosmos des Herrn Steinfest die Übersicht zu behalten. Das Buch hilft mit einem grafischen Navi: Spatzenwelt von a bis q und Blindwelt von 1 bis 20 werden präsentiert, ebenso Quimps Reise von Paris bis Wien, Mariahilf, und Blinds Reise von München bis Wien, Inzersdorf.

In Erfurt bemüht sich Heinrich Steinfest vor Lesebeginn um einige Handreichungen für sein Publikum:  Dass der primus motor seiner Geschichten die Fantasie und ihre Unruhe die Angst sei. Dass durch die Ängste die Figuren in Katastrophen geraten. Dass seine Figuren die Katastrophen brauchen, weil sie sich nach Verwandlung sehnen.

Dann beginnt der Autor zu lesen: „Mein Name ist Quimp, und ich bin ein Spatz . . . Ein Spatz in Paris . . . Denkende und sprechende Tiere, die noch dazu erklären, in welcher Stadt sie leben, werden von den meisten Menschen als etwas Phantastisches und Märchenhaftes abgetan, zumindest von den erwachsenen Menschen . . . Wirkliches Leben der Menschen einerseits und Wahrheit der Natur andererseits ist jedoch zweierlei . . .“

Etwa 75 Minuten lang, kurz unterbrochen durch Erklärstücke, trägt Heinrich Steinfest vor, zumeist aus Spatzensicht, am Ende kommt aber auch noch Kommissar Blind zu Wort. Erstaunliches geschieht, je länger der Autor sehr gekonnt liest: Phantastisches wird mehr und mehr Realität. Man beginnt daran zu glauben, dass wirklich alles so funktionieren und passieren kann, wenn nicht gar muss.

Dazu hört und sieht man im Saal des Augustinerklosters: pures Zuhörervergnügen. Teil dessen sind später auch Steinfests Antworten auf Fragen aus dem Saal. Ob er ein starker Träumer sei? Empfindungen nehme er im Traum stärker war als im realen Leben. Träume seien eine wunderbare Möglichkeit, eine Türe zu öffnen.

Ob er wie Kommissar Blind Flugangst habe?  Und ob! Was man im Auto oder auf der Leiter in der Wohnung nicht tue, geschehe beim Fliegen: Man denke über die eigene Endlichkeit nach.

Und dann, ganz zum Schluss, gibt es noch für alle Steinfest-Fans eine gute Nachricht, die berühmteste, vielleicht am meisten geliebte Figur des Autors betreffend. Denn auf die Publikumsfrage, ob Cheng, der chinesische Detektiv aus Wien, noch lebe, antwortet Heinrich Steinfest ohne Zögern. Ja, er werde Cheng, der bei ihm wieder angeklopft habe, auferstehen lassen.

Starker Beifall dafür. Und für den ganzen Abend.

Hrinrich Steinfest im Erfurter Augustinerkloster

Fotos: Holger John

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