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Nov. 29 2014

Rafik Schami im Theater Erfurt

Die Erfindung des Opferstocks

Rafik Schami gab sich seinen Namen nach der Ankunft in Deutschland; übersetzt bedeutet er Freund aus Damaskus.
Rafik Schami gab sich seinen Namen nach der Ankunft in Deutschland; übersetzt bedeutet er Freund aus Damaskus.

Wenn einer erzählen kann, dann ist das Rafik Schami. Der Syrer schafft es mit Leichtigkeit, sein Publikum zu verzücken. Das kann ja auch nicht so schwer sein, möchte man meinen. Schließlich wuchs er in Damaskus auf, einem Schmelztiegel der Kulturen, eine Stadt, die so alt ist, dass selbst die vollen Jahrtausende ihres Bestehens nicht mehr gefeiert werden. Dort stand er mit zwölf das erste Mal auf der Bühne, ein großes Publikum kann ihn nicht ängstigen.

Die aktuelle Situation in seiner Heimat schon. 1971 verließ er das Land, das seine freien Geister immer mehr bedrängte. Es wurde schließlich so schlimm, dass sich das Volk erhob. Erst friedlich, dann mit der Waffe in der Hand. Später kamen fremde Söldner ins Land, die einen Gottesstaat errichten möchten. Die Lage in Syrien ist inzwischen so unübersichtlich, dass sich kaum ein Mensch mehr dafür interessiert. Die Politik schon gar nicht. Syrien droht das Vergessen.

Das darf aber einer Welt, die sich zivilisiert nennt, nicht passieren. Rafik Schami hat mit Freunden einen Verein gegründet. „Schams“, die Sonne, möchte Geld sammeln für die Kinder, die am meisten unter dem Krieg leiden. Auf der Webseite des Vereins ist das Foto eines Mädchens aus Homs zu sehen. Auf ihrem Plakat steht in Arabisch: „Kinder der Welt rettet uns! Wir haben keine Hoffnung mehr auf die Erwachsenen.“

Darum bitte Rafik Schami im ausverkauften Theater sein Publikum zunächst um Hilfe. Dann beginnt er mit einer seiner wunderbaren Geschichten. Später kommt auch die vom Opferstock an die Reihe.

Früher, so erzählt er, lag das Geld in offenen Körben vor den Bildern der Heiligen in der Kirche. Ein armer, aber bestimmt nicht dummer Mann, erfand, um die Not seiner Familie zu lindern, ein, sagen wir Umverteilungssystem. Das blieb dem Pfarrer nicht verborgen, der schließlich, um der Umverteilung ein Ende zu bereiten, einen abschließbaren Kasten für die Spenden erfand. In Rom fand man die Idee toll, der Siegeszug des Opferstockes durch die Kirchen der Welt konnte beginnen.

Während Rafik Schami sein Publikum auf das trefflichste unterhält, machen sich im Saal zwei mobile Opferstöcke auf Reisen. Auf der Bühne geht es inzwischen um eine Frau, die ihren maulfaulen Mann auf dem Flohmarkt verkaufen möchte, oder um die Großmutter, der die Brille ihres früher verstorbenen Mannes in den Sarg gelegt wird, damit der Gatte im Paradies endlich wieder in der Bibel lesen kann. Es ist die Geschichte aus dem Gewürzlager zu hören, wo ein Mitarbeiter leider versiebt wird, es geht um halbwüchsige Missionare, pfiffige Gemüsehändler und vieles mehr.

Derweil klimpern die Opferstöcke sich langsam voll. Das Rascheln der Scheine ist zwar nicht zu hören, doch es knistert gewaltig. Als nach zwei Stunden und einer Zugabe Rafik Schami umjubelt von der Bühne geht, ist Zeit zum Zählen. Das Ergebnis ist überwältigend: In den zwei Kästen sind 1956 Euro und 89 Cent für „Schams“ zusammengekommen. Es ist der bewegende Abschluss eines unvergesslichen Abends.

Rafik Schami im Theater Erfurt

Fotos: Holger John

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