Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Sept. 18 2013

Ein Namenstag

Eine Karte aus dem Premieren-Jahr 1997. Ohne Peter Glotz, Marcel Reich-Ranicki und Michael John würde es die Herbstlese so nicht geben.
Eine Karte aus dem Premieren-Jahr 1997. Ohne Peter Glotz, Marcel Reich-Ranicki und Michael John würde es die Herbstlese so nicht geben.

Der dritte November 1997 ist für mich ein besonderer Tag. An diesem Tag sah mich die Mutter meiner Kinder zum ersten Mal. Ihr Eindruck, bei Familienfeiern immer wieder gern geschildert, war ein durchaus gemischter. Ein interessanter Mann, pflegt sie Tochter und Sohn zu erzählen, aber wie der sich angezogen hatte . . .

Meine Kinder lachen an dieser Stelle, als hätten sie die Geschichte noch nie gehört. Mir bleibt nur die Flucht in ein gequetschtes Lächeln, weil ich so gar nichts zur Erwiderung habe. Die Liebe meines Lebens habe ich damals schlicht übersehen. Ich hatte ganz andere Sachen im Kopf.

Der dritte November 1997 ist der Namenstag der Erfurter Herbstlese. Der Tag ihrer Geburt lässt sich dagegen nicht mehr genau bestimmen. Soll es der gewesen sein, als ich mit meinem Freund Michael John das erste Mal über eine Lesereihe in und für Erfurt sprach? Oder der Tag, als wir uns mit Peter Glotz in einem Erfurter Steakhouse trafen und überlegten, wie eine solche Unternehmung finanziert werden könnte? Sicher war es nicht der Tag ihrer Legitimation, als die Herbstlese, besser der sie tragende Verein, in das amtliche Register aufgenommen wurde.

Bleiben wir lieber bei diesem Montag als Namenstag. Der Tag, an dem die Herbstlese begann, sich einen Namen zu machen.

Peter Glotz war ein sehr kluger Mann. Mag sein, dass ihm in der Praxis das eine oder andere nicht gelingen mochte, dass nicht alle seine Pläne aufgingen; als Theoretiker war er brillant. Schon bei unserem ersten Treffen fiel der Name Reich-Ranicki. Wenn schon etwas Neues beginnen, dann mit Dampf. Er kümmere sich um „Reich“, wie Peter Glotz den Frankfurter Literatur-Papst weltmännisch-lässig nannte; er werde auch das nötige Geld besorgen.

Er hielt Wort. Von ihrem Gründungsrektor spricht an der Universität Erfurt heute kaum noch ein Mensch, die Herbstlese wird ihm immer verbunden bleiben.

So kam es denn zu diesem denkwürdigen Novembertag. Es zog nicht wenig, als ich, der Vorsitzende des Vereins, mein Stellvertreter Jens Panse und Roland Obst, der für die Thüringer Allgemeine fotografierte, den großen Kritiker auf dem Bahnsteig erwarteten. Dem Zug entstieg ein richtig alter Mann, sehr klein und von einer Gebrechlichkeit, die nur von der seiner Frau, die ihn begleitete, übertroffen wurde. Wir trafen die beiden auf Gleis 6 des alten Erfurter Hauptbahnhofs. Schon das erste Problem schien unlösbar zu sein: Wie bekommen wir das Paar die Treppe hinunter und durch die Unterführung.

Es gelang, langsam zwar, aber wir erreichten das Auto. Jens Panse, im Berufsleben Sprecher der Universität, war von seinem Präsidenten zur Betreuung der Gäste abgestellt. Sein erster Auftrag: Stadtrundfahrt. Eine Fahrt, die ihm noch immer präsent ist. Vor allem  der Hinweis des älteren Mannes an den begeisterten Läufer: „Marathon? Junger Mann, dafür gibt es doch Autos.“

In der Zwischenzeit war ich mit letzten Vorbereitungen beschäftigt. In der Reglerkirche wurden letzte Stühle gestellt und die Technik überprüft. Zudem hatte ein Fernsehteam des MDR noch Fragen. Ich musste auch noch nach Hause, mich umziehen. Die Praktikantin der Fernsehleute übersah ich da glatt.

Die Kirche war proppenvoll. Über 700 Menschen füllten sie bis auf das letzte Fleckchen. Es herrschte eine erwartungsvolle Stimmung, ein wenig wie vor der Bescherung. Die Menschen klatschten, als Peter Glotz das Ehepaar Reich-Ranicki zu ihren Plätzen führte.

Die Einführung des Professors geriet ein wenig lang. Von seinen Gedanken weiß ich nichts mehr, dafür war ich viel zu aufgeregt. Würde alles klappen? Nach gut 20 Minuten erbarmte sich Peter Glotz des Auditoriums und übergab an den Literatur-Papst.

Ich erlebte eine Verwandlung, im guten Sinne und nicht wie bei Kafka. Als wäre er plötzlich ein ganz anderer stand Marcel Reich-Ranicki kerzengerade vor den dichten Kirchenbänken. Er sprach über Heinrich Heine. Klug, pointiert, verständlich – und ohne ein einziges aufgeschriebenes Wort. Es sprach ein Kenner und Freund Heines, ein Kenner und Freund der deutschen Sprache, klangvoll, wortmächtig und voller Lust. Es war unvergesslich.

Nach genau 35 Minuten war Schluss. Die Kälte in der Kirche forderte ihren Tribut. Der große alte Mann der Kritik setzte sich, und signierte alles, was ihm sein enthusiastisches Publikum entgegenhielt: Bücher, Eintrittskarten, TV-Zeitschriften. Geduldig setzte er seine große Unterschrift, doch langsam schwanden ihm in der Novemberkälte des Gotteshauses die Kräfte. Nach mehr als einer Stunde schaffte er gerade noch so die Widmung für uns in sein Heine-Buch: „Es lebe die Erfurter Herbstlese“.

Wir kamen irgendwie zurück ins Hotel, wo es für Marcel Reich-Ranicki und seine Frau noch einen kleinen Empfang zu bestehen gab. In meinem Toast auf den wunderbaren Abend und seinen Protagonisten konnte ich noch Glückwünsche an meinen Freund Michael John unterbringen. Der war gerade Vater geworden.

Der dritte November blieb der einzige Auftritt von Marcel Reich-Ranicki in Erfurt. Spätere Versuche, ihn noch einmal nach Thüringen zu locken, blieben erfolglos. Leider.

Marcel Reich-Ranicki, Peter Glotz und Michael John leben nicht mehr. Dennoch steckt von jedem der drei ein ganz gewichtiges Stück in der Herbstlese: Klar, ohne Michael würde es die Herbstlese gar nicht geben, ohne die beiden anderen Herren nicht so.

Bleibt mir der Nachtrag, dass ich die Praktikantin, die ich am dritten November 1997 nicht sehen wollte, Jahre später ein zweites Mal traf. Mit Erfolg, denn sonst könnte sie sich heute nicht mit ihren Kindern, mit unseren Kindern, über so manches lustig machen – am liebsten über mich.

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