Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 21 2018

Der Schauspieler Burghart Klaußner stellt zur Herbslese sein erstes Buch „Vor dem Anfang“ vor

Ein Star als Novize

Mit Burghart Klaußner wagt sich einer der besten deutschen Schauspieler an das Schreiben.
Mit Burghart Klaußner wagt sich einer der besten deutschen Schauspieler an das Schreiben.

Von Sigurd Schwager

Dass Damen und Herren vom Hauptfach Schauspiel einen Drang zum Bücherschreiben verspüren, ist keine Seltenheit. Jedes Jahr aufs Neue bezeugt das auch die Gästeliste der Herbstlese. Für 2018 eingetragen haben sich die Traumschiff-Frau Heide Keller, die Film- und TV-Schwergewichte Christian Berkel und Burghart Klaußner sowie der erfolgreiche Theatermann Steffen Mensching.

Als an einem unwirtlichen Novemberabend Burkhart Klaußner den ausverkauften Festsaal im Erfurter Haus Dacheröden betritt, brandet sogleich Beifall auf. Es lässt sich mit Händen greifen, wie sehr ihn sein Publikum bewundert. Natürlich fällt einem da sofort Michael Hanekes makelloses Meisterwerk „Das weiße Band“ ein, in dem Klaußner einen gnadenlosen Pastor furchterregend intensiv spielt und dafür den Deutschen Filmpreis erhält. Oder man denkt an den ebenfalls preisgekrönten Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“. Auch hier liefert Klaußner in der Titelrolle des Generalstaatsanwalts Bauer eine überwältigend gute Leistung ab.

Doch nach Erfurt kommt er nicht als Star, sondern als Novize. Der Schauspieler, Regisseur und Musiker Burghart Klaußner debütiert mit 69 Jahren als Schriftsteller. „Vor dem Anfang“ heißt sein Erstling. Ein Roman. Wobei man das schmale, geschmackvoll edierte Buch auch Erzählung oder Novelle nennen könnte. Ein Kritiker etikettiert: Roadmovie en miniature.

Klaußner schaut sich vergnügt im Dacherödschen Saal um. Er freue sich, sagt er, dass es so viele Leute gebe, die sich für das, was er da erzähle, tatsächlich interessieren. Für einen alten Stoff, den er 30 Jahre mit sich herumgetragen habe.

Das Publikum erfährt: Am Anfang sind ein paar karge Worten des Vaters, der sonst nie über sich spricht. Er erzählt dem Sohn, dass er in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs noch eingezogen wird, dann im Strandbad Wannsee in eine missliche Lage gerät und auf der Toilette erschossen werden soll. Wie und warum er dem Tod entkam, erzählt er nicht. Es bleibt für immer ein Rätsel. Aus dem Geheimnisvollen, den spukenden Sätzen und Gedanken gewinnt ganz langsam eine Geschichte an Kontur. Heute sagt Klaußner über seinen Umgang mit der vagen väterlichen Geschichte: „Ich war nicht dabei. Eine Erzählung ist eine Wahrheit für sich.“

Als Autor verteilt er seine Wahrheit auf einen einzigen Tag, einen späten Apriltag des Jahres 1945 im zertrümmerten Berlin, der Geburtsstadt von Klaußner. Fritz und Schultz, zwei nicht mehr ganz junge Männer, sollen die Geldkassette ihrer Einheit vom Flugplatz Johannisthal im Südosten ins Reichsluftfahrtministerium nach Berlin-Mitte bringen.

Was dabei alles an Schrecklichem wie Banalem geschieht in einer Stadt und einer Welt in Auflösung, stellt Burghart Klaußner dem Publikum in längeren Passagen vor, wobei er sich zu Beginn eine feinsinnige Ankündigung gönnt: „Ich lese vor aus ‚Vor dem Anfang‘ von Burghart Klaußner.“ Man lauscht seinem knappen, lakonischen Erzählton, sieht schlaglichtartig Bilder vorüberziehen. Der Tod ist allgegenwärtig. „Am Sophie-Charlotte-Platz", liest Klaußner, „standen merkwürdigerweise ein Tisch und ein Sofa. Ein Mann und eine Frau saßen darauf. Ihre Köpfe waren nach vorne gefallen. Sie waren tot. Beim Vorbeifahren sah Fritz, dass sie einander an den Händen hielten.“ Aber es finden sich auch Szenen, die einen verstehen lassen, warum der Autor sein Buch als Schelmenstreich bezeichnet. Ein Hauch von Schwejkscher Anmutung.

Nach der Lesung ist ausreichend Zeit für das Gespräch. Eine Frage führt eher unbeabsichtigt zurück vom literarischen Debütanten zum glänzenden Spieler, denn ein Herbstlese-Gast möchte von Burghart Klaußner, Jahrgang 1949, wissen, ob und welche eigenen Kriegserinnerungen er habe. Dieser reagiert sanft ironisch, lächelt, nimmt es als spezielles Kompliment, gute und böse ältere Männer doch wohl recht glaubwürdig dargestellt zu haben.
Die Episode zeigt aber auch: Der  späte Autor Burghart Klaußner, dessen erstes Buch die Kritik mit Respekt und Wohlwollen zur Kenntnis nimmt, wird es schwer haben, mit dem erstklassigen Schauspieler Burghart Klaußner auf Augenhöhe zu sein.

Das Erfurter Herbstlese-Publikum spendet beiden Klaußners starken Beifall.

Burghart Klaußner im Kultur: Haus Dacheröden

Fotos: Uwe-Jens Igel

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