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Erfurter Herbstlese
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Okt. 12 2020

Campino hat im Erfurter Kaisersaal aus seiner Autobiografie gelesen

Freud und Leid eines Fußballfans

Campino im Kaisersaal (Foto: Holger John)
Campino im Kaisersaal (Foto: Holger John)

Von Gerald Müller*

Campino hatte sich mal den Fuß gebrochen. Der Sänger der Toten Hosen musste im Zweikampf mit einem Mülleimer die Stärke des Gegners anerkennen, nachdem zuvor sein FC Liverpool ein Spiel verloren hatte. Der Tritt sorgte für Gips und einige ungewöhnliche Konzerte mit seiner Band. Ja, Schmerzen muss ein Fußballfan ertragen können. Campino ist einer – und wie! Das war am Sonntag auch bei der Lesung aus seiner Autobiografie „Hope Street – Wie ich einmal englischer Meister wurde“ im Rahmen der wunderbaren Herbstlese zu spüren. Mehrere Gesangseinlagen verstärkten dabei die gelöste Stimmung im Erfurter Kaisersaal zusätzlich. Nun hat Campino das Glück, dass ihm sein Klub wenig Leid, sondern mehr Freude beschert. Und das nicht erst, seitdem Jürgen Klopp Trainer ist.
 

Ein Thüringer hatte dabei Anteil, dass die Liebe zwischen Campino und Liverpool nicht nur eine Fernbeziehung war. Der ehemalige Erfurter Fußballprofi Thomas Linke stellte für den Frontmann der Hosen einst den Kontakt zu den damaligen Spielern Markus Babbel und Didi Hamann her. Und so konnte er 2005 in Istanbul mitjubeln, als sein Verein gegen den AC Mailand im Champions League-Finale innerhalb von sechs Minuten ein 0:3 auf 3:3 ausgeglichen und schließlich gewonnen hat. „Einer meiner glücklichsten Momente“, sagte er später.

Kürzlich bekannte er allerdings, dass er sich oft frage, ob er ein Idiot ist und mit Fußball zu viel Zeit verschwendet. Der verheiratete 58-Jährige, der Brite und Deutscher ist, konsultierte deshalb sogar einen ihn beruhigenden Psychologen. Auf der Bühne könne er „durch die Auswahl der Songs das Szenario lenken“, beim Fußball mache er „einfach mit bei dem Roulette”, so Campino in der FAZ über den für ihn bemerkenswerten Kontrollverlust. Das Gefühl in der Hundertstelsekunde, wenn der Ball über die Linie gehe, sei so wahnsinnig intensiv.
 

Campino, bürgerlich Andreas Frege, hätte das gern auch selbst häufiger als Aktiver erlebt. Doch die Karriere beim TSV Metzkausen war nicht glanzvoll, sondern endete auf der Ersatzbank. Aber es geht auf der Reise ins Innere, in über 350 Seiten, nicht nur um Fußball. Auch Tee und Alkohol kommen vor. Und Campino beschäftigt sich anekdotenreich, witzig und empathisch mit seiner Familiengeschichte, berichtet von der Kindheit als eines von sechs Geschwistern. Seine englische Mutter war Lehrerin, der Vater Richter, Campinos Verhältnis gerade zu ihm ambivalent.

Das betrifft jedoch nicht die Beziehung zum FC Liverpool, zu dem letztlich alle Erzählungen führen. Ist nicht schlimm, man kann an Mülleimern auch vorbeigehen.

 

*Dieser Artikel erschien zuerst in der Thüringer Allgemeinen vom 12. Oktober 2020.

Campino im Kaisersaal (Fotos: Holger John)

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