Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Sept. 28 2013

Grenzgänger zwischen Ost und West

Rolf Schneiders Lesung in der Musikschule Erfurt. Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig begrüßt Autor und Publikum. Foto: Holger John
Rolf Schneiders Lesung in der Musikschule Erfurt. Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig begrüßt Autor und Publikum. Foto: Holger John

Rolf Schneider ist es warm. Gerade hat er seine Lesung in der Musikschule beendet. Der kleine Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Er hat signiert, und noch ein wenig mit seinen Lesern geplaudert. Nun geht er mit uns die paar Schritte hinüber hinter die Krämerbrücke. Im Radio ist wenig später von Bodenfrösten zu hören. Er trägt seine Jacke über den Arm. Der 81-Jährige braucht sie nicht.

Er hält sich gerade, auch wenn sein Gang ein wenig synkopisch ist. Die Lesung hat ihn gefordert; jetzt ist er hellwach. Nach ein wenig Käse und einem Viertel Roten sagt er zufrieden: „Jetzt bin ich wieder runter.“

Der Autor und sein Publikum, das ist ein merkwürdiges Pärchen. Sie können nicht ohne einander, und bleiben sich doch manchmal fremd. Bei Rolf Schneider war ein leichtes Misstrauen zu spüren. Er, der wirklich Gebildete, wird seine Gründe dafür haben. Obwohl der Mann in der letzten Reihe ohne Mikro sprach, fehlte die Nähe. Der Frage, ob Schneider verzeihen könne, dem Kollegen, der seinen Ausschluss aus dem Schriftstellerverband förderte, verweigerte er die Antwort. Verzeihen sei doch eine sehr intime Angelegenheit, gab er sich ausweichend.

Ein wenig ist sein ganzes Buch so. Es ist, wenn nötig, herzlich und für eine so genaue Sprache weich geschrieben. Wenn es zum Beispiel um Victor Klemperer geht, den er mehr als schätzte. Doch mit Abnahme der Zuneigung wächst seine Distanz überproportional. Je politscher der Fall, desto mehr tritt der Beobachter hervor. Selbst als Handelnder – etwa beim ersten Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns – sieht er sich eher am Rand.

Warum diese Distanz? Warum dann dieses Buch?

Rolf Schneider sieht, wie die Zeitzeugen gehen. Es gibt für ihn Dinge, die wichtig sind. Die aufgeschrieben gehören. Die nicht vergessen werden dürfen. Die ihm Anliegen sind. Daher Kapitel wie das über Auschwitz.

Doch wer sein Leben beschreibt, muss das umfänglich tun. Es lassen sich weniger freudige Erinnerungen kurz fassen, aber es geht nicht ohne sie. So lassen sich die Worte Gilbert G. Chestertons verstehen, die den „Schonzeiten“ vorangestellt sind: „Die Geschichte meines Lebens aufzuschreiben ist eine morbide und entwürdigende Aufgabe“.

Ein zweiter Aspekt kommt hinzu. Wie soll einer, und heißt er Rolf Schneider, das große Scheitern erklären. Was soll er zur Alternative erheben? Die fragliche des Westens hat er, durch faktisches Arbeitsverbot im Osten, früh erfahren. Aber taugt sie zur Alternative? Sind sich der Osten und der Westen nicht in so vielem gleich, und sei es die gnadenlose Hingabe zum Opportunismus.

Nein, das ist wirklich eine intime Sache, die Schriftsteller wie andere Denkende zunächst mit sich selbst ausmachen müssen. Sie taugen nicht für den Kulturbetrieb.

So sind Lesung und Buch gleichsam in ihrer Wirkung ambivalent. Großartig der Vortrag, wo er die Zuhörer berührte, unterhaltsam in der Anekdote, die dem Genre nun einmal eigen ist, und wenn nicht sarkastisch doch vorsichtig, wenn es um das große Warum geht.

Warum er denn die DDR nicht verlassen hat, lautete eine andere Frage des Abends. Die Antwort bestätigte den diagnostizierten Dreiklang. Er habe seine alte Mutter nicht allein zurücklassen wollen, es hätte ihr das Herz gebrochen, erklärte Rolf Schneider als erstes. Zweitens führte er eine „merkwürdige, fast masochistische Bindung an den Laden hier“ an, der es nie so weit kommen ließ, obwohl er zu Zeiten „jeden Tag darüber nachgedacht“ habe. Schlussendlich zitierte er – Numero drei – seine Frau, die den Trotz in ihm erkannte: „Was willst du ohne deine Feinde anfangen?“.

Rolf Schneider lebt ein einzigartiges Leben, er ist ein Grenzgänger zwischen Ost und West, auch ohne die Mauer, geblieben, und er hat seine verlegerische Heimat, das fast schon Programm, unter anderem in Wien. Er kennt sie alle, hüben wie drüben, wenn auch eine ganze Reihe von ihnen schon nicht mehr ist. Es ist eine Freude, diesem klugen und gebildeten, diesem warmherzigen Menschen zuzuhören, ihm die kleinen Eitelkeiten nachzusehen. Es gibt nicht mehr viele von seinem Schlag.

So sitzen wir dann beim zweiten Viertel zusammen. Und wünschen uns, es mag ein Wiedersehen geben.

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