Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 29 2016

Die Schauspiel-Brigade Leipzig singt und spielt Gerhard Gundermann im ausverkauften alten Gewerkschaftshaus

Immer wieder wächst das Gras

Studenten, ihre Lehrer, Schauspieler und Musiker - die Schauspiel-Brigade stellt sich in den Dienst von Gundermanns Liedern.
Studenten, ihre Lehrer, Schauspieler und Musiker - die Schauspiel-Brigade stellt sich in den Dienst von Gundermanns Liedern.

Von Sigurd Schwager

Am zweiten Junisonntag 1998 eröffnet das Dorf Krams, ein winziger Flecken irgendwo in der Prignitz, seinen alljährlichen Kultursommergarten. 70 Leute, mehr passen nicht in die Scheune, sind an diesem Nachmittag gekommen, um ein Solo für Gundermann zu erleben. Gut zwei Stunden und 40 Ton- und Erzählstücke weiter beendet der Liedermacher Gerhard Gundermann, der blasse Blonde mit Pferdeschwanz, Kassenbrille, Hemd und Hosenträgern, das Konzert mit seinem „fliegenden Fisch“. Dessen letzte Zeile lautet: „Nur bei dir bleiben kann ich nicht.“

Die Stimmung ist gut und niemand ahnt, was bald alle wissen werden. Dieses „Nur bei dir bleiben kann ich nicht“ wird sein letztes öffentliches Sänger-Wort sein. Am dritten Junisonntag 1998, genau eine Woche nach dem Auftritt in der Kramser Scheune, bleibt sein Herz stehen. Gerhard Gundermann, einer der wichtigsten deutschsprachigen Liedermacher seiner Zeit, stirbt am 21. Juni.

Der Geradlinige, der Unbequeme, der Rastlose, der Zweifelnde, der mit unbändiger Phantasie Begabte wird nur 43 Jahre alt. 43 wie Tamara Danz, für die er geschrieben, mit der er auf der Bühne vom Tod gesungen hat:

Einmal bleiben morgens meine Schuhe leer
einmal hilft mir auch dein Fliedertee nicht mehr
einmal fall ich in den schwarzen Trichter rein
einmal lass ich dich allein.

18 Jahre und fünf Monate nach dem plötzlichen Tod des Poeten, der in der Dichterstadt Weimar geboren wurde, lädt die Erfurter Herbstlese zu einem Tribute-Konzert mit der Schauspiel-Brigade Leipzig ein. Die Frage, ob es nach so langer Zeit überhaupt noch ein Interesse an Gundermann gibt, stellt sich nicht. Der Abend im alten Gewerkschaftshaus ist seit langem restlos ausverkauft. Hier handelt es sich keineswegs um ein Erfurter oder Thüringer Phänomen, denn es reüssieren inzwischen deutschlandweit zahlreiche Gundermann-Projekte, die am Klischee kratzen, der Mann tauge nur als Projektionsfläche ostdeutscher Sentimentalität. Der Unvollendete hat offensichtlich viel Vollendetes hinterlassen, das mühelos die Zeiten überdauert.

Für die Herbstlese-Veranstaltung gilt, um mit Gundermann zu sprechen: „Seltsame Menschen, die unsere Kinder sind“, entdecken sein Werk und erkennen sich darin wieder. Die Schauspiel-Brigade Leipzig, im vergangenen Winter eigens zur Feier des 60. Geburtstages von Gundermann gegründet, ist aktuell mit neun Damen und sieben Herren unterwegs, angeführt vom Hochschullehrer Frank Raschke. Schauspieler, Studenten, Musiker, Gundi-Verehrer. Dem Alter nach könnten die meisten Gundermanns Töchter und Söhne sein, manche fast seine Enkelkinder.

Zu erleben ist in Erfurt, das zeigt der Abend, kein homogenes Ensemble, in dem die Talente, zwei oder drei ragen heraus, gerecht verteilt sind. Und auch die Technik macht nicht immer, was sie soll, da streikt schon mal das Instrument im Gewerkschaftshaus. Dafür ist die Begeisterung für das Projekt bei allen Akteuren zu jeder Sekunde förmlich greifbar. Man spürt: Sie schätzen Gundermann, ohne Berufs-Gundermänner sein zu wollen. Singend und spielend dienen sie dem bleibenden Wort und nicht der flüchtigen Show. Frische geht vor Melancholie.

Erstaunlich Schönes passiert dabei: Wenn sich die Brigade besonders weit vom Klangbild des Originals entfernt und ins Heute begibt, reagiert das text- und tonsichere Publikum, das seinen Gundermann ganz genau kennt, nicht etwa reserviert, sondern hellauf begeistert. Eindrucksvoll zu erleben unter anderem beim "Scheißspiel", das in der späten DDR entstand.

Das is 'n Scheißspiel
du und ich wir zwei wir machen nicht mehr mit dabei
das is 'n Scheißspiel
und ab morgen bleiben unsre Startlöcher frei.

Mehr als zwei Stunden lang leuchtet die junge Brigade mit mehr als 30 Titeln den Gundermann`schen Kosmos aus. „Hier bin ich geborn“ singen sie und von den „streunenden Hunden“. Sie machen die „Leine los“ und ziehen die „Schwarze Galeere“ über die Meere. Sie erinnern an den „zweitbesten Sommer“, an das „Vögelchen“ und mit „Brigitta“ an den Baggerfahrer Gundermann in der Lausitz. Naürlich fehlt der „fliegende Fisch“ nicht - und erst recht nicht das „Gras“, das dann noch ein zweites Mal als finale Zugabe erklingt. Schwer vorstellbar, es könne jemand im Saal sein, der den Refrain nicht zu rezitieren vermag:

Immer wieder wächst das Gras
wild und hoch und grün
bis die Sensen ohne Hass
ihre Kreise ziehn
immer wieder wächst das Gras
klammert all die Wunden zu
manchmal stark und manchmal blass
so wie ich und du.

Und wenn er nur dieses Lied geschrieben hätte, schon allein dafür müsste man Gundermann lieben.

Stehende Ovationen nach einem bewegenden Abend, an dem gewiss auch der so früh verstorbene Herbstlese-Mitbegründer und Gundermann-Fan Michael John seine Freude gehabt hätte. Und vielleicht würde sich Micha wie der Berichterstatter gewünscht haben, die Brigade möge aus aktuellem Anlass jenes Lied anstimmen, in dem Gundermann von seinem Kuba-Besuch nach dem Ende der DDR berichtet:

Vorm Museum ist sie ausgestellt
die Granma und der Guy erzählt
das Märchen von Fidel und von der Schweinebucht
Mädchen üben laut ein Lied
und probiern Paradeschritt
in Schüleruniformen aus billigem Tuch.

Draußen vor dem Konzertsaal kann man an einem Tisch das Album der Brigade kaufen - und selbstverständlich die von Gundermann, sofern man sie nicht schon längst besitzt. Auch das Doppelalbum „Krams“, wo auf der CD1 Gundermann eine Woche vor seinem Tod erzählt, dass ihn die vierjährige Tochter am Grab des Opas gefragt habe: „Papa, wann stirbst denn du eigentlich?“

Der Herbstlese-Berichterstatter ist am Ende guter Hoffnung, nicht den letzten Gundermann-Abend der Lesereihe erlebt zu haben. An bekannten Gundermann-Fans ist ohnehin kein Mangel. Frank Castorf, Axel Prahl, Konstantin Wecker, Stoppock, Judith Holofernes, Jürgen Ehle, Tobias Morgenstern, Gisbert zu Knyphausen . . .

Und dann ist da noch und vor allem der Filmregisseur Andreas Dresen, einer der besten seiner Zunft. Seit langem schon hat er vor, das kurze, aber heftige Dasein des Gerhard Rüdiger Gundermann zu verfilmen. Gundermann der FDJler und der Singeklub-Akteur, der Genosse und der Ausgeschlossene, der DDR-Gläubige und der Störrische, der NVA-Offiziersschüler und der Exmatrikulierte, der IM Grigori und der vom Staat argwöhnisch Beobachtete, der Hilfsarbeiter und der Baggerführer, der Autor und der Liedermacher von hohen Graden.

Der Rockpoet, der 1994 das Vorprogramm von Bob Dylan bestreitet und der Arbeiter, der mit dem Tagebau seinen Schutzengel verliert - und ein Jahr nach dem „Engel im Revier“-Album sein Leben.

Einen guten Gundermann-Dokumentarfilm, Richard Engels „Ende der Eisenzeit“, gibt es schon. Dazu demnächst noch ein Dresen-Spielfilm, das wäre, Gundermann soll das letzte Wort haben: „Einsame Spitze“.

Die Schauspiel-Brigade Gundermann im Gewerkschaftshaus

Fotos: Holger John

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