Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 30 2016

Judith Hermann liest und plaudert in der Buchhandlung Hugendubel

Mit den Figuren auf der Chaiselongue

Judith Hermann zählt zu den Stammautoren der Erfurter Herbstlese, bei der sie 1998 zum ersten Mal zu Gast war.
Judith Hermann zählt zu den Stammautoren der Erfurter Herbstlese, bei der sie 1998 zum ersten Mal zu Gast war.

Von Hanno Müller (*)

Es ist ja nicht so, dass man Ähnliches nicht schon erlebt hätte: Man offeriert der Liebsten einen Wochenendtrip, zum Beispiel ins sommerliche Prag, und verspricht, dass das Ganze auch nicht zu teuer wird. Bei der Betrachtung der im Internet preisgünstig erworbenen Unterkunft - ein 5-Euro-Zimmer im Keller eines temporär freigeräumten Studentenwohnheimes - bricht die Holde allerdings in Tränen aus - nein, das geht gar nicht.

Eine Autorin wie Judith Hermann macht aus so etwas eine besonders launige Kurzgeschichte. In ihrer Erzählung "Osten", erschienen im neuesten Erzählband "Lettipark" (Fischer-Verlag, 19 Euro) soll Jessica nach dem Willen ihres Begleiters Ari in Odessa in einem Etablissement, Typ schmuddelige Bruchholzbude mit staubiger Matratze und Hure in der Nachbarschaft einchecken. Da hilft es dann auch nicht, dass Ari den schwarzschimmeligen Kühlschrank durch die Tür auf den Hof prügelt - nein, das geht gar nicht.

"Osten" ist eine dieser typischen Hermann-Geschichten, in der in wenigen, lakonisch-kurzen Sätzen voller Andeutungen ganze Leben aufgefächert werden. Nach der Zugfahrt im Schlafwagenabteil jammert Ari, dass er wieder kein Auge zugemacht habe. Jessica weiß es besser, sie hat ihn schlafen sehen, aber keine Lust auf die übliche, nervende Larmoyanz.

Damit aber ist an diesem wunderbaren Leseabend auch schon alles gesagt über die beiden. Reden wollte nämlich die Autorin ausgerechnet über diese Geschichte nicht. Man könne das doch mal so stehen lassen, fand sie und lächelte hintersinnig. Das sei ja das Schöne an Kurzgeschichten - dass man sie eben nicht bis ins letzte Detail zu Ende erzählen und deuten muss.

Doch da war das Publikum längst auf seine Kosten gekommen. Zu den zwei vorher gelesenen Geschichten - "Manche Erinnerungen" (über eine generationsübergreifende Wohngemeinschaft) und "Gehirn" (über die Adoption eines russischen Waisenkindes) - durfte es nämlich bereits mit der Autorin über das Eigenleben der Geschichten staunen. Beim Schreiben gebe es immer einen Punkt, von dem an nicht mehr sie über die Figuren, sondern die Figuren über sie bestimmen - das sei, als würden sich ihr unbekannte Räume öffnen, sagte Hermann. Und man glaubte ihr die eigene Verwunderung unbedingt.

Großen Anteil daran hatte nicht zuletzt Moderator Dietmar Herz. Man konnte glatt den Eindruck gewinnen, er sei quasi in die Geschichten hineingestiegen, habe sich zwischen Autorin und Protagonisten auf die Chaiselongue gesetzt und sie in ihren Hoffnungen und enttäuschten Sehnsüchten beobachtet. Man spürte förmlich, dass sich Judith Herrmann von so viel Acht- und Einfühlsamkeit gern anstecken und inspirieren ließ.

Kritiker wollen erkannt haben, dass die Figuren in "Lettipark" dieselben sind, mit denen Hermann einst in ihrem grandiosen Debüt "Sommerhaus später" ins Literarische aufbrach. Inzwischen seien sie aber 20 Jahre älter und wüssten, dass sich Sehnsüchte weder erfüllt haben noch erfüllen werden.

Was Dietmar Herz zu der Frage veranlasste, was wohl in den nächsten 20 Jahren aus Ari, Jessica und all den anderen werden wird? Eine Antwort erwartete der Moderator darauf nicht. So ist das halt bei Kurzgeschichten - sie lassen vieles offen.

 

(*) Hanno Müller ist Redakteur bei der „Thüringer Allgemeinen“. Sein Artikel ist in der Ausgabe vom 1. Dezember 2016 erschienen.

Ein großes Angebot zur Herbstlese hält auch der Online-Auftritt der TA bereit: http://www.thueringer-allgemeine.de/herbstlese

 

Judith Hermann bei Hugendubel

Fotos: Uwe-Jens Igel

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