Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 09 2018

Heinz Strunk bittet das Herbstlese-Publikum zum schwarzen „Teemännchen“

Kurz und gut

Kein Platz blieb leer beim Strunk-Abend in der Aula des Ratsgymnasiums.
Kein Platz blieb leer beim Strunk-Abend in der Aula des Ratsgymnasiums.

Von Sigurd Schwager

Die Herbstlese hat ihren eigenen Rhythmus. Nur drei Tage nach dem Wiener Wolf Haas (57) erscheint - selber Ort, selbe Uhrzeit - wieder ein Schriftsteller in Erfurt, der für erhöhten Kult-Blutdruck sorgt und jede Lesereihe mit seiner Anwesenheit adelt: der Hamburger Mathias Halfpape (56), besser bekannt als Jürgen Dose und noch viel besser als Heinz Strunk.

Natürlich ist die Aula des Ratsgymnasiums bis auf den allerletzten Platz besetzt, und mancher im Saal erinnert sich sogar noch an Strunks ersten Herbstlese-Auftritt vor 13 Jahren. An jenem Novemberabend 2005 stellt ein Debütant, der die 40 schon überschritten hat, im Erfurter Club Centrum sein erstes Buch vor, den autobiografischen gefärbten Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ - ein Bestseller mit langem Haltbarkeitsdatum, der es als Hörspiel ins Radio sowie auf Hörbuch-CD, Bühne und Kinoleinwand schafft.

Seither bleibt dem Autor der Erfolg treu. Aus dem einem Buch werden bis heute zehn. Das größte Aufsehen erregt und die größte Zustimmung findet 2016 sein Roman „Der goldene Handschuh“ über den bizarren Fall des Hamburger Frauenmörders Fritz Honka. Auch die Theaterfassung des preisgekrönten Buches kommt gut an. Charly Hübner glänzt in der Titelrolle am Hamburger Schauspielhaus, Regie Studio Braun mit Heinz Strunk. In Erfurt erzählt er davon gegen Ende der Lesung und auch von Fatih Akins Dreharbeiten. 2019 wird der Film Premiere haben. Man darf gespannt sein.

Von einem großen Publikum geschätzt, ja geliebt und von den Literaturkritikern gefeiert: Wer Heinz Strunk, ein Bild von einem Erfolgsmenschen, im Herbst 2018 auf der Bühne erlebt, vermag sich nur schwer vorzustellen, dass dieser starke Typ lange Zeit, er selbst spricht von 20 Jahren, nur wenige Menschen mit seiner Kunst erreicht. Neben Können und Ausdauer müssen Glück und Zufall helfen.

Heute erfreut er die Fangemeinde im Netz mit folgender Zustandsbeschreibung: „Da ich manchmal gefragt werde, was für ein Typ ich eigentlich bin, hier einmal Heinz Strunk in Zahlen, eine Art Steckbrief mystique. Größe: 1,71. Haarfarbe: Schlohweiß. Feste Fuß- und Fingernägel, Leberflecke. Albino und Frührentner (Vorruhestand), Starkesser. Hobbys: TV, Geld zählen, geile SMS, Bundeswehr. Sport: Schwimmen (Rücken). Führerschein: LKW, Privatboot/Binnengewässer. Besondere Kennzeichen: Vierfüßler. Lebensziel: Nie wieder bei der Auskunft anrufen.“

Über sein neues Buch hat er ebenfalls einen kleinen digitalen Steckbrief verfasst: „Das Teemännchen ist in aller erdenklicher Unbescheidenheit ein herausragendes Buch geworden, high end literatur at it‘s best. Ich weiß manchmal selber nicht, wie ich das mache.“
Dieser ebenso selbstbewusste wie selbstironische Sound bestimmt auch den Erfurter Abend. „Das Teemännchen“ enthält 50 kurze, kürzere und ganz kurze Kurzgeschichten, die Heinz Strunk virtuos komponiert. Man merkt, dass er darin geübt ist. Er habe, erklärt er in einem Gespräch, schon immer gern Kurzgeschichten geschrieben oder gelesen, zumal er als Musiker, Songtexter und Gag-Telefonierer von der kurzen Form her komme.

Und er ist geübt im Vortrag, liest spielend und spielt lesend ein Dutzend Geschichten, garniert sie mit Sprüchen und den wahren Begebenheiten hinter den erzählten. Was der Hamburger Dichter-Kapitän Strunk seinen Erfurter Passagieren gleich zu Beginn versprochen hat, löst er ein: Es wird wirklich keine Reise auf dem Dampfer der guten Laune, sondern eine auf dem Tanker der Schwermut. Man begegnet dort armseligen, einsamen, gestrandeten Existenzen, eine trostloser als die andere. Das geballte Elend unserer schönen neuen Welt zieht vorüber. Es sind alles Figuren, sagt deren Schöpfer, die im „Tatort“ immer als erste erschossen werden.

Strunk, schreibt zutreffend eine Kritikerin, ergötze sich an einer fiesen Wortwahl, und der Leser lasse sich zu gern darauf ein. So auch das Erfurter Publikum. Man sieht und hört es. Denn die Tragikomik reist immer mit auf dem traurigen Tanker der Hoffnungslosen und verführt zu bitterer Heiterkeit an der Reling. Man muss sich aber dafür als Leser oder Zuhörer nicht schämen. Der Autor hält alles im sicheren Fahrwasser seiner Sprachfantasie und -präzision. Wer seine Texte zu düster finde, sagt Strunk lächelnd, den lade er gern ein, einen ganzen Tag auf einer deutschen Autobahnraststätte zu verbringen. Mehr Tristesse gehe nicht.
Das Lese-Finale bildet die Titelgeschichte vom Teemännchen, einem ewigen Studenten. Dieser führt ein Leben, so ruhig wie ein Bild an der Wand oder ein Teich im Wald und von Tag zu Tag immer ruhiger. Noch einmal entfaltet sich Strunks trockener norddeutscher Humor in seiner schönsten lakonischen Kürze: „Es ist das Teemännchen und hat weiter nichts vor.“

Heinz Strunk hat noch etwas vor nach dem Beifall. Er ergreift das schlanke glänzende Instrument auf dem Tisch und flötet quer, zu Herzen und zur Leber gehend, vom griechischen Wein. Beifall. Aber nach Udo Jürgens ist noch immer nicht Schluss. Es folgt final ein Gedicht von Johann Sebastian Goethe alias Heinz Strunk. Eine Ode an den Mettwurstpapst.

Noch mehr Beifall. Dann strömt das Publikum geistig erfrischt aus der Aula in die Dunkelheit der Erfurter Teemännchen-Nacht.

Heinz Strunk in der Aula des Ratsgymnasiums

Fotos: Holger John

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