Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 06 2015

Andreas Schmidt-Schaller stellt seine Erinnerungen „Klare Ansage“ im Atrium der Stadtwerke vor

Leutnant Grawe trifft Hauptkommissar Trautzschke

Andreas Schmidt-Schaller sprach in Erfurt auch über seine Thüringer Wurzeln
Andreas Schmidt-Schaller sprach in Erfurt auch über seine Thüringer Wurzeln

Von Sigurd Schwager

„Ich sehe nicht viel“, klagt die Dame und fragt ihre Nachbarin: „Siehst Du etwas?“ – „Heute will ich ihn doch hören“, antwortet diese, „sehen kann ich ihn Freitag im Fernsehen.“

Freitag ist morgen, und morgen wird sie – wie Millionen andere Krimiserien-Fans auch – wieder pünktlich ihren Fernseher und das ZDF einschalten. Denn die „SOKO Leipzig“ ermittelt. „Online-Girl“ ist die 6. Folge der 15. Staffel und insgesamt der 287. Fall seit Januar 2001. Die nächsten 16 Episoden sind schon angekündigt. Es bleibt also noch viel zu tun für das Leipziger Polizeiteam und dessen Chef Hauptkommissar Hajo Trautzschke.

Heute aber, am Donnerstag, hat er dienstfrei und doch viel zu tun – als Andreas Schmidt-Schaller. Er wird in Erfurt von der Zeitung und ihren Lesern interviewt, signiert sein Buch und bereitet vor allem den so zahlreich erschienenen Krimifreunden einen ebenso erfreulichen wie aufschlussreichen Herbstlese-Abend im Atrium der Erfurter Stadtwerke.

Der Herbstlese-Kalender hat es so gefügt, dass zwei Männer mit Quote bringender Tätigkeit, mit Krimi und mit Fußball, sich an selbigem Ort die Herbstlese-Klinke gewissermaßen in die Hand geben: erst der Schauspieler und Amateurfußballer Andreas Schmidt-Schaller sowie 24 Stunden später der Oberliga-Fußballer und Trainer Eduard Geyer.

Beide haben bei aller Verschiedenheit ähnliche Lebenslinien. Der eine ist gerade 70 geworden, der andere zählt 71 Lenze. Beide haben zu DDR-Zeiten Karriere gemacht und erlangten beträchtliche Berühmtheit im Lande. Ede Geyer als Meisterspieler und Meistermacher von Dynamo Dresden sowie als Trainer der Fußball-Nationalmannschaft der DDR, Andreas Schmidt-Schaller als der für DDR-Verhältnisse ungewohnt langhaarig-lässige TV-Leutnant Thomas Grawe im „Polizeiruf 110“. Und beide schrieben nach der Wende, wenn auch zunächst auf holprigen Wegen, ihre berufliche Erfolgsgeschichte auf beeindruckende Weise fort: Geyer mit Energie Cottbus, Schmidt-Schaller mit der Leipziger Soko-Chef-Rolle.

Weitere Gemeinsamkeit: Beide haben sich im Leben wie auch in ihren neuen Büchern immer zu ihren DDR-Wurzeln bekannt. Wobei sie auch der IM- Schatten eint, den das Ministerium für Staatssicherheit zeitweilig auf ihr Leben werfen konnte.

Doch zurück zum Herbstlese-Donnerstag mit Andreas Schmidt-Schaller, der als erfahrenen Gesprächspartner Carsten Tesch von MDR Figaro an seiner Seite sitzen hat. Der Schauspieler, der in Arnstadt geboren wurde, in Weimar und Gera aufwuchs, dessen Mutter als Redakteurin beim "Volk" in Erfurt arbeitete, blickt mit 70 Jahren zurück auf sein öffentliches und privates Leben. Das Buch, knappe 200 Seiten lang, liest sich so wie es der Titel verspricht: „Klare Ansage - Bekundungen und Bekenntnisse“. Es ist von sachlicher Interessantheit. Effektvolles, gar die Sensationslust bedienende Details, wird man darin vergeblich suchen.

Nachdem Schmidt-Schaller, sich verbeugend und mit dem Glas Rotwein in der Hand („Den hat mir der Arzt verschrieben.“), das Publikum freundlich begrüßt hat, eröffnet er den Leseteil mit dem „Prolog“ des Buches. Der handelt kriminalfilmreif vom realen Leben des Schauspielers. Einbrecher haben im Juni 2015 sein Haus heimgesucht und ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Später, im „Epilog“, mit dem Buch und Erfurter Lesung enden, greift Schmidt-Schaller den bislang unaufgeklärten Einbruch wieder auf. „Die vertraute Sicherheit, der schützende Kokon, ist dahin, seit ein Fremder hier eingedrungen ist...Diese Verstörung wird bleiben bis zum Ende meiner Tage. Und das in meinem siebzigsten Lebensjahr! Wo ich fast die Hälfte meines Lebens im Fernsehen den Kriminalisten gab und immer nur Täter fasste.“

In Lesung und Gespräch wird eine hochinteressante verzweigte Familiengeschichte aufgeblättert. Darin kommen unter anderem vor: der früh verstorbene Vater, die alleinerziehende Mutter, der nach Schweden ausgewanderte Großvater und Bauhausschüler, Kommunisten, Sozialdemokraten und Nazis, sowie Künstler, Journalisten und eine Femme fatale, die 1925 von Otto Dix gemalte Großcousine Anita Berber.

Viele heute berühmte Schauspieler begegnen uns, mit denen er in der DDR-Provinz Theater spielte. Das Publikum schmunzelt, wenn es davon hört, wie der junge Andreas Schmidt-Schaller und der junge Uwe Kockisch einander versichern, dass sie sich nie für Serienfiguren hergeben würden. Obwohl, in Venedig, sagt Schmidt-Schaller, würde auch schon gern mal drehen. An anderer Stelle stimmt er ein großes Loblied auf die wunderbaren „Tatort“-Kollegen Götz George und Eberhard Feik an.

Manchmal erzählt er auch Dinge, die so nicht in seinem Buch vorkommen. Sie betreffen zum Beispiel den Umgang mit dem Boulevard oder die Beziehung zu Maja Maranow. Natürlich erinnert er sich an den Polizeiruf, der ihn DDR-bekannt und beliebt machte, berichtet von den Kollegen Borgelt und Frohriep, aber auch „Beratern“, die es störte, dass da ein DDR-Polizist längeres Haar trug und die Hand in der Hosentasche hat.

Heute muss er sich mit ganz anderen Dingen herumplagen. Die immer kürzer werdende Drehzeit ärgert ihn besonders. „Es ist eine reine Geldfrage.“

Andreas Schmidt-Schaller spricht an diesem Abend viel von der Theaterarbeit. Man spürt es förmlich: Er will nicht auf den TV-Serienstar reduziert werden. Er hat auf der Bühne gestanden, Spielfilme gedreht, Regie geführt. Aber von Leutnant Grawe und erst recht von Hauptkommissar Trautzschke kommt er nicht los – und will es auch nicht.

Petra Schmidt-Schaller, seine Tochter, hat ihren „Tatort“-Job im Norden aufgegeben, weil sie wegen der Serien-Arbeit andere schöne Angebote ablehnen musste. Er akzeptiere das, sagt der Vater, und habe große Achtung vor ihrer Entscheidung.

Ob er selbst noch einen unerfüllten Traum habe, fragt der Moderator. Einmal im Leben eine Oper zu inszenieren, ja, das sei sein großer Traum. Und welches Werk? „Eine Wagner-Oper!“ Sagt Andreas Schmidt-Schaller, der Sohn von Rudolf Wagner.

Wenn es mit der Oper nicht klappen sollte, könnte er vielleicht den Drehbuchautor dazu bringen, dass er in einer Soko-Jubiläums-Episode dem Hajo Trautzschke einen Ausflug in die Wagnerische Opernwelt andichtet, wenn nicht gar eine verwandtschaftliche Beziehung zu Richard Wagner.

Andreas Schmidt-Schaller im Atrium der Stadtwerke vor

Fotos: Uwe-Jens Igel

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