Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 03 2013

Oma und Opa

Jana Simon in der vollbesetzten Aula des Ratsgymnasiums.
Jana Simon in der vollbesetzten Aula des Ratsgymnasiums.

Das Weihnachtsfest 1988 brachte Jana Simon eine schöne Bescherung. Unter den Baum hatten ihr die Großeltern ein dickes Buchpaket gelegt. Mit 16, so die Meinung von Christa und Gerhard Wolf, wäre die Enkeltochter wohl alt genug für die von ihnen geschrieben Bücher. Elf Bände, zusammen waren sie ganz schön schwer, erinnert sie sich. Ihre damalige Begeisterung hielt sich in engen Grenzen. „Eine Platte von Madonna wäre mir lieber gewesen“, sagt sie und erntet bei ihrem Publikum in der Aula des Ratsgymnasiums ein erstes schüchternes Lachen.

Gut 300 Menschen sind gekommen, angelockt von Simons Buch „Sei dennoch unverzagt – Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf“, das erst am Vortag erschienen war. Der Text ist dem Auditorium unbekannt, die meisten, das zeigen die Fragen am Ende des Abends und am Signiertisch, sind aber bestens vertraut mit dem Werk der Oma.

Denn die ist sie für Jana in erster Linie. Als kleines Kind wusste sie nicht um die Berühmtheit in der Familie. Auch ihr Buch startete zunächst als rein privates Projekt. Sie wollte ihren Kindern einmal sagen können, woher sie kommen. Daher begann Jana Simon 1998 damit, Gespräche mit den Großeltern aufzuzeichnen. Doch erst die Geburt von Tochter Nora zehn Jahre später gab den entscheidenden Impuls. Nach dem Tod Christa Wolfs Ende 2011 nahm sie noch eine Unterhaltung mit ihrem Großvater auf.

Jana Simon liest zur Einstimmung aus dem Vorwort, dann aus dem Gespräch vom 31. Juli 1999, beginnend mit ihrer Frage an Christa Wolf: „Aber wie kam es nun zu deinem Eintritt in die SED, das ist mir noch ein Rätsel?“ Obwohl sie bei der Wiedergabe des Textes für drei Menschen spricht, kann das Publikum ihr gut folgen. Das liegt auch an der ausgesuchten Textstelle, die vor allem davon handelt, wie sich Christa und Gerhard als Studenten in Jena kennen und lieben lernten. Diese Textstelle hilft, ein wenig von der Intimität aufzubauen, die bei der Aufnahme geherrscht haben muss. So lässt sich etwas von dem Vertrauen spüren, ohne die ein gutes Gespräch zwischen sich nahen Menschen nicht gelingen kann.

Nach dem Vorlesen setzt sich Hanno Müller zu ihr. Der erfahrene Journalist befragt sie zu ihrem Buch. Jana Simon antwortet gerade heraus, ohne Scheu, und erlaubt so Einblicke, die in ihrer ganzen Klarheit dem Buch nicht zu entnehmen sind. So über den Einfluss des Opas, der immer im Schatten seiner Frau stand, über ihre Liebe, die Sicherheit, die sie einander schenkten. „Ständig unterbrachen sie sich und vollendeten den Satz für den anderen“, erzählt Jana Simon.

Sie wirbt aber auch um Verständnis für die Großmutter, als Hanno Müller nach deren IM-Akte fragt, hält dagegen: „Wiegen die 45 Opfer-Ordner der Familie nicht viel schwerer?“ Oder erwidert auf das Wort von der Staatsschriftstellerin: „In meinem Deutschunterricht gab es Christa Wolf nicht."

Dann ist Gelegenheit für Fragen aus dem Publikum, das sich nicht zurückhält. Was ihr Lieblingsbuch der Oma sei, und ob sie inzwischen alle Bücher gelesen habe. Jana Simon nennt „Nachdenken über Christa T.“ und „Kassandra“, „Medea“ hat sie indes  noch nicht geschafft. Was der Opa jetzt macht? Zwei Wochen vor seinem 85. Geburtstag hat Gerhard Wolf einen vollen Termin-Kalender wie ein 30-Jähriger. Aktuell bereitet er eine alternative Fassung von „Kindheitsmuster“ vor, die im Frühjahr erscheinen soll.

1988 hatten die Großeltern kurze Texte in die Bücher geschrieben. An Christa Wolfs Widmung im Essayband „Die Dimension des Autors“ erinnert Jana Simon in ihrem Vorwort: „So gebe ich mich widerwillig mit dem Gedanken zufrieden, wie vieles zu seiner Zeit Wichtige in jedem Leben auf Nimmerwiedersehen verlorengeht . . .“ Und setzt selbst hinzu: „Etwas davon bleibt nun erhalten."

Das gilt auch für diesen schönen Abend bei der Erfurter Herbstlese.

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