Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 31 2015

Ahmad Mansour im Collegium Maius in der Michaelisstraße

Schmerzliche Analyse

Ahmad Mansour lebt seit 2004 in Berlin.
Ahmad Mansour lebt seit 2004 in Berlin.

Vor 20 Jahren wurde Jitzchak Rabin ermordet. Mit ihm wurde die Hoffnung zerstört, eine Befriedung des Nahen Osten könnte gelingen. Bald schon sogar. Doch es kam anders. Heute ist die Region unbefriedeter denn je. Von Zwei-Staaten-Lösung redet vor Ort kaum ein Mensch mehr, die Verabredungen von Oslo, 1994 noch des Nobelpreises würdig, zählen nicht mehr. In Syrien tobt ein Stellvertreter-Krieg, der hunderttausenden das Leben nahm, der Millionen zwingt, ihre Heimat zu verlassen.

Ahmad Mansour hat all das erlebt, die Zeit der Hoffnung, als er, der Palästinenser, sein Studium in Tel Aviv begann, gerade noch so den Einflüsterungen seines radikalen Imams entkommen. Er lernt, was Demokratie bedeutet, er lernt seine jüdischen Kommilitonen als Freunde kennen, mit denen er reden kann, die ihm beim Studium helfen, mit denen, auch das, er ab und zu etwas trinken gehen kann. Doch 2005 hält es ihn nicht mehr in Israel. Er, der Psychologe, flieht vor all dem Hass und der Angst, der täglichen Bedrohung durch Anschläge aus seiner Heimat. Er geht nach Berlin.

Dort ist wieder kein Mensch in Sicht, den sein Schicksal kümmert. Mit Ausnahme der Leute in der Moschee. Dort sprechen sie seine Sprache, dort wird ihm geholfen. Viele erfahren diese Hilfe. Nur wenige von ihnen sehen, wohin das führt. Es gibt einfache Antworten auf komplizierte Fragen, hier trägt die Gemeinschaft. Die irgendwann kommt: Was kannst du für uns, für unseren Gott tun? Wirst du dich den Ungläubigen in den Weg stellen? Brennst du für unsere heilige Sache?

Der Psychologe vermag das Schema zu durchschauen. Er beginnt, sich um die Familien zu kümmern, die ihre Söhne und Töchter nicht mehr erreichen. Weil die Kinder den Eltern nicht mehr zuhören, sie aus ihrem Leben ausschließen oder sie bereits im Krieg sind für den ISS, im Irak oder Syrien.

Seine Erfahrungen hat Ahmad Mansour jetzt in seinem Buch „Generation Allah“ zusammengefasst. Deutlicher wird er im Untertitel: „Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“. Bei der Herbstlese stellt er es im Collegium Maius in der Michaelisstraße vor. Nicht in Form einer klassischen Lesung; erst trägt er seine Sicht in einem 30-minütigen Vortrag vor, dann diskutiert er seine Thesen zunächst mit Prof. Dietmar Herz im Podium, ehe das Publikum zu Fragen aufgefordert wird.

Um es vorwegzunehmen: Der dritte Teil macht den Reiz und das Besondere des Abends aus. Durchaus mit unterschiedlicher Sicht bringen sich die Menschen aus dem Publikum ein, auf eine angenehme, weil nachdenklich Art. Keiner, auch die zwei Herren ganz vorn nicht, reklamiert für sich, die eine Wahrheit zu kennen. Im Gegenteil, die meisten sind besorgt, ohne Anführungszeichen, und wollen etwas tun, um dieser Sorge zu begegnen. Es ist ein gänzlich unideologischer Abend.

Sie antworten damit direkt auf Mansours zentrale Forderung: Die deutsche Mehrheitsgesellschaft darf die „Generation Allah“ nicht im Stich lassen, sie sich nicht selbst überlassen. Desinteresse macht die jungen Menschen anfällig für die Einflüsterungen der Radikalen. Das ist natürlich leichter gesagt als umgesetzt. Es bedarf des Einsatzes vieler und kostet – so die vorsichtige Schätzung Mansours ­– „mehr als die Bankenrettung.“

Vor allem in der Schule müsse die Gesellschaft Flagge zeigen, etwa die Pädagogen besser darauf vorbereiten, wie dem zunehmenden Antisemitismus unter den Jugendlichen begegnet werden kann. Viel zu oft werden die Pädagogen allein gelassen, fühlen sich überfordert. Eine These, die eine Erfurter Lehrerin mit der Schilderung ihres Alltags stützt. Doch sie bringt auch Beispiele, wie gemeinsames Lernen und gegenseitiger Respekt auch an einer Regelschule möglich sind.

Ahmad Mansour setzt vor allem auf Prävention. Dass diese am Ende billiger kommt, als die zugelassenen Schäden mühsam zu reparieren, dürfte allen Entscheidungsträgern im Land klar sein. Doch Einsicht allein reicht nicht. Das Denken über Wahlperioden hinaus ist nur wenigen Politikern gegeben. Und so tut sich Deutschland schwer mit präventiven Vorkehrungen, egal, ob es sich dabei um Gesundheit, Bildung oder die Einbeziehung von Randgruppen handelt.

Diese Randgruppen gefährden damit immer mehr die Mitte der Gesellschaft. Wer nicht mehr zu erreichen ist, wendet sich ab. Die Folge sind Parallelgesellschaften und Erscheinungen wie Pegida, das Ende jeglicher vernünftiger Debatte, die ersetzt wird durch wildeste Verschwörungstheorien. Wer jetzt meint, die Verzagten denen überlassen zu können, die schnelle und einfache Lösungen propagieren, lässt ein großes Risiko für das gesellschaftliche Mit- und Nebeneinander zu.

Nein, Ahmad Mansour verspricht keinen einfachen Weg. Aber er glaubt daran, dass ein Miteinander gelingen kann. Zum beiderseitigen Vorteil. Er spricht von den „Ressourcen“ derer, die zu uns kommen nach Deutschland und Europa, und die wir integrieren sollten. Zu beider Seiten Vorteil.

Es ist in der Tat ein nachdenklicher, ein zum Nachdenken anregender Abend. Ein ganz besonderer auch für die Herbstlese, stellt Monika Rettig, die Programmchefin des Festivals, zum Ende fest. Das will schon etwas heißen.

Ahmad Mansour im Collegium Maius in der Michaelisstraße

Fotos: Holger John

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