Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 30 2015

Hape Kerkeling liest „Der Junge muss an die frische Luft“ und unterhält sich mit seinem begeisterten Publikum

Nicht ohne meine Omas

Bevor Hape Kerkeling die Bühne des Großen Hauses betrat, schaute er kurz in der "Economy Class", der Studiobühne, vorbei.
Bevor Hape Kerkeling die Bühne des Großen Hauses betrat, schaute er kurz in der "Economy Class", der Studiobühne, vorbei.

Von Sigurd Schwager

„Alles hat seine Grenzen?“ fragt in diesem Jahr die Erfurter Herbstlese. Eine sehr spezielle Antwort darauf: Dieser lebensfreundliche, nicht mehr ganz junge und in jeder Beziehung nicht leichtgewichtige Mann sprengt an diesem Abend alle Grenzen.

Zum einen die Grenzen des Raumes, denn der große Saal des Erfurter Theaters hätte mehrfach bis auf den letzten Notsitz gefüllt werden können. So muss das Studio des Hauses mit seinen Plätzen und einer Leinwand herhalten, um weiteren Fans des Mannes die digitale Teilhabe an der Veranstaltung zu ermöglichen.

Zum anderen sprengt der Auftritt die Grenzen der sich üblicherweise einstellenden Begeisterung des Herbstlese-Publikums. Über 900 Menschen zelebrieren so etwas wie eine kultivierte Beifalls-Ekstase. Inklusive der Damen und Herren in der Economy Class, im  Studio also, die der berühmte Gast zu Beginn höchstpersönlich besucht und herzlich begrüßt.

Hape Kerkeling also ist da. Der Komiker, der Verwandlungskünstler, der Film- und Fernsehstar, der Schauspieler, der Regisseur, der Sänger und Synchronsprecher, der Bestsellerautor.

Bei ihm sind sich auch die strengsten Kritiker, ähnlich wie bei Loriot, ausnahmsweise einmal einig: Unter den Lebenden, so lesen wir und stimmen zu, sei derzeit in Deutschland kaum ein besserer Unterhaltungskünstler aufzutreiben. Man habe es hier mit dem souveränsten und lustigsten deutschen Entertainer zu tun. Im Kino, auf der Bühne oder vor der Fernsehkamera ist er ein Titan, sagt der scharfzüngige Denis Scheck, der auch dieses Jahr wieder der Herbstlese-Finalist sein wird.

Dass Denis Scheck an Kerkelings zweitem Buch „Der Junge muss an die frische Luft“ im Gegensatz zu anderen Großkritikern herummäkelt, ihm diese Autobiografie „einfach zu unterkomplex“ erscheint, sei dem geschätzten Literatur-Sachverständigen nachgesehen. Auch sein Urteil ist nicht unfehlbar, man erinnere sich zum Beispiel an seinen Verriss der höchst achtbaren Keith-Richards-Biografie.

Vor neun Jahren erschien Hape Kerkelings erstes Buch „Ich bin dann mal weg", handelnd von seiner Pilgerreise auf dem Jakobsweg – und wurde, womit niemand gerechnet hatte:  Eines der, wenn nicht gar das erfolgreichste deutsche Sachbuch der Nachkriegsgeschichte. Fünf Millionen verkaufte Exemplare, Übersetzungen in 16 Sprachen. Sogar China liest jetzt Kerkeling.

Bis zum zweiten Buch hat es acht Jahre gebraucht. Das autobiografische Werk, das Hape Kerkeling jetzt zur Herbstlese vorstellt, ist ein eindringlicher Roman seiner Kindheit, ein Buch der Schlüsselfiguren und Schlüsselszenen. „Meine Kindheit und ich“ untertitelt er den Oma-Satz „Der Junge muss an die frische Luft“.

Wie Verkaufszahlen und Rezensionen zeigen, sind sich die Kerkeling-Fans und (fast) alle Kritiker einig: ein beeindruckendes Buch, heiter und beklemmend, beglückend und grausam. „Vorwärts leben wir, und erst rückwärts verstehen wir.“ So hält es Kerkeling mit Kierkegaard. Er liest in Erfurt zunächst aus dem Kapitel 9, in dem es um den Karneval 1971 geht. Vor dem Rosenmontag, dem höchsten Feiertag in Oma Ännes Kalender, antwortet der kleine Hans-Peter auf die Kostümierungsfrage: „Ich gehe als Prinzessin, Mama!“ Im Gegensatz zur Mutter ist die Oma keineswegs darüber erschrocken.

Gesagt, getan, und rückwärts verstehend liest Hape Kerkeling weiter vor: „Es geht mir nicht darum, mithilfe der Maske eine Identität aufzugeben. Sondern darum, spielerische eine andere Identität darzustellen - und zwar so überzeugend wie möglich. (. . .) Diese Rollen sind quasi kurze Wochenendausflüge von mir selbst.“

Später liest er ein Kapitel aus der Zeit nach dem Tod seiner Mutter. Das Jugendamt meldet seinen Besuch an, um festzustellen, ob Oma Bertha und ihr Mann überhaupt in der Lage seien, sich um den achtjährigen Hans-Peter zu kümmern. Und abschließend folgt ein Kapitel, in dem Oma Berthas Schwester Hedwig mit Sahnetorte mit Sahne, mit Eierlikör und viel gutem Willen versucht, Hans-Peters Vater mit der sagenhaften Frau Kolossa zu verkuppeln. Vergeblich. Da sei Oma vor!

Er sei, schreibt Hape Kerkeling, eine vielleicht gelungene genetische Mischung aus meinen beiden Großmüttern, die eine leidensfähig und still optimistisch, die andere extrovertiert und mit der Welt zu ihren Füßen.

Männer, der Vater, die Großväter, der wichtigste Jugendfreund, sie alle werden in dem Buch freundlich bedacht und gebührend gewürdigt. Aber die wahren Helden sind Heldinnen, die Tanten, die Lehrerin und vor allem und immer wieder die beiden Großmütter. Sie haben ihn behütet, vor dem Untergang bewahrt. Ohne sie, daran lässt er keinen Zweifel, wäre er nicht der, der er heute ist.

Interessant ist, was Hape Kerkeling in Erfurt nicht liest. Der Mann, dem wir so viele wunderbare Momente des Lachens verdanken, liest nicht aus dem erschütternden Kapitel, in dem er vom Freitod seiner depressiven Mutter schreibt. Davon, wie er bis zum Sendeschluss vor dem Fernseher sitzen darf. Davon, wie er sich, der Vater ist beruflich unterwegs, ins Bett zur Mutter legt, die um ihr Leben ringt. Wie kann ein achtjähriges Kind das aushalten? Wo doch schon der Fremde, der erwachsene Leser des Buches, es kaum erträgt.

Es gibt in Erfurt ein stummes Einverständnis zwischen dem Autor und seinem Publikum, das weiß, was am Anfang des Kindheitsromans steht: „Dieses Buch widme ich meiner Mutter Margret.“ Nicht nach Details und Befindlichkeiten zu fragen, ist wohl auch eine Frage des Respekts. So wird bei aller gebotenen Ernsthaftigkeit, und Hape Kerkeling ist wahrlich ein ernsthafter Mann,  sehr viel gemeinsam gelacht an diesem Abend, an dem ein Mann mit einem Buch, einem Stuhl, einem Tisch, einer Lampe und einem Mikrofon  geradezu exemplarisch Entertainment auf Fünf-Sterne-Niveau über gut anderthalb pausenlose Stunden präsentiert.

Vor, zwischen und nach dem Lesen fordert Hape Kerkeling die Zuhörer auf, ohne Scheu Fragen zu stellen. Davon wird überreichlich und dem hohen Niveau des Abends angemessen Gebrauch gemacht.

Warum er mit seiner TV-Karriere aufgehört habe? 30 Jahre, antwortet er, seien genug. Die Produktionsumstände würden immer schwieriger. „Meins ist das nicht mehr!“ Dass er ganz loslässt, müssen wir allerdings nicht befürchten. Ein dritter Kerkeling-Bestseller über die Branche sei, hören wir, in Zukunft erwartbar.

Wo er die längste Zeit in der Maske verbracht habe? Beim Verfertigen einer Glatze.

Welches sein Lieblingsbuch sei? Michael Endes „Unendliche Geschichte“ und das Tagebuch der Anne Frank. Lieblingsmusik? Händel. Der schönste erlebte Ort? Die Pyramiden der Azteken in Mexiko bei Sonnenaufgang.

Ob er noch „Das ganze Leben ist ein Quiz“ singen könne? Er tut es textsicher, und das Publikum singt mit.

Wie es Horst Schlämmer gehe? Da schnarcht es auf Bühne, dass es eine reine Freude ist. Für eine Sekunde wird er die Figur mit ihren prächtigen schiefen Zähnen und ihrer wundervollen Frisur.

Und bei Beatrix genügt es, den Namen zu nennen, um Szenenapplaus auszulösen. Nochmal falsche Königin? Nee, danke!

Nochmal pilgern? Eigentlich eher nicht. Und die Essgewohnheiten? Er sei der Typ, vor dem die WHO gerade warne.

Die Frage nach der Möbelhaus-Werbung, wo er so nett lache, bleibt nicht aus. Das, sagt Hape Kerkeling, mache er ja schließlich nicht umsonst.

Ob er seinen Pilgerfilm schon gesehen habe, der am 24. Dezember ins Kino kommt? Hat er. Sehr zufrieden, richtig glücklich sei er. Er spiele sich zum Glück nicht selber. Das übernehme der wunderbare Devid Striesow.

Und schließlich auf die Frage aller Lebensfragen, gestellt von einem 14jährigen: Nein, selbst wenn er es könnte, würde er keine Entscheidung in seinem Leben ändern wollen.

Beifall über Beifall.

„Sie waren ein tolles Publikum, vielen Dank“ gibt Hape Kerkeling die Komplimente in den großen und den kleinen Saal zurück.

Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig überreicht dem gefeierten Gast die obligate Erfurter Edel-Schokolade ­– und eine Einladung: „Stellen Sie bitte auch Ihr nächstes Buch in Erfurt vor!“

Hape Kerkeling im Theater Erfurt

Fotos: Holger John, Uwe-Jens Igel

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