Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 29 2015

Jilliane Hoffman bringt Albträume in die Aula des Ratsgymnasiums

Im Gruselkabinett

Jilliane Hoffman hat als Staatsanwältin und Beraterin der Polizei gearbeitet, bevor sie anfing, Thriller zu schreiben.
Jilliane Hoffman hat als Staatsanwältin und Beraterin der Polizei gearbeitet, bevor sie anfing, Thriller zu schreiben.

Männer sind, machen wir uns nichts vor, bei der Herbstlese in der Minderheit. Dennoch kommen auch, mal mehr, mal weniger, Vertreter des vermeintlich starken Geschlechts zu den Lesungen. Den Weg zu Jilliane Hoffman in die Aula des Ratsgymnasiums haben fast nur Frauen gefunden. Schnell wird klar, warum das so ist. Da vorn sitzt eine, die tickt wie sie. Egal ob es um Schuhe oder um Mord geht.

Das stimmt natürlich nicht ganz. Die amerikanische Bestseller-Autorin sitzt nämlich gar nicht allein auf der Bühne. Sie ist mit Verstärkung gekommen. Margarete von Schwarzkopf und Katrin Heinke sind bei ihr. Frau Schwarzkopf als Moderatorin des Abends und als Übersetzerin, Frau Heinke als deutsche Vorleserin. Beide sind nicht zum ersten Mal bei einer Herbstlese, es wird, darauf lässt sich wetten, nicht ihr letzter Besuch beim Erfurter Literaturfestival sein.

Wer am Anfang glauben mochte, es würde ein Ratgeber vorgestellt oder ein Sachbauch, eine leichte Lektüre über eine Sommerliebe oder einen unnahbaren aber unheimlich attraktiven Tierarzt, der, besser die, wird schnell eines Besseren belehrt. Zwar geht es auf der Bühne zunächst um Schuhe. Um sieben Paar Stiefel, die Jilliane Hoffman in Erfurt erstanden hat, und denen noch weitere folgen sollen. Über das Leben an sich. Themen, die der Autorin immer wieder Gelegenheit zu glockenhellem Lachen geben. Doch schnell ist Schluss mit lustig.

Spätestens, wenn die Autorin von ihren Töchtern berichtet. Immer, wenn sie eine Bedrohung für die Mädchen dämmern sah, schrieb sie einen Thriller. Eine Art Abschreckung wenn man so will, was ihnen passieren könnte, wenn sie nicht vorsichtig sind, bei Facebook zum Beispiel oder in Bars. Buch für Buch ist auf diese Weise in den letzten Jahren erschienen.

Allein, „Samariter“, ihr aktuelles Buch, mag nicht ganz in dieses Schema passen. So erklärt sie dann auch, wo dieses Mal ihre besondere Intention liegt. Es geht ihr um das Schicksal einer Zeugin.

Nun hat Frau Hoffman schon einiges erlebt, bevor sie begann, ihre Brötchen mit gruseligen Geschichten zu verdienen, mit „Mädchenfänger“ und ähnlichen Thrillern, die das Grauen nicht gleich im Titel tragen. Sie war Staatsanwältin und Beraterin für die Polizei, sie stritt vor Gericht um Gerechtigkeit und versuchte, den Gesetzeshütern zu vermitteln, welcher Art Beweise sie dafür braucht. Beide Erfahrungswelten flossen in ihr neues Buch ein, das sich um das Schicksal der Zeugin Faith Saunders dreht.

Um es noch dramatischer zu machen, hängt sie der hübschen und erfolgreichen jungen Frau, der Mutter einer kleinen Tochter, ein Alkoholproblem an. Eines, das sich ihre Protagonistin nicht eingestehen will, eine Abhängigkeit, die die Untreue ihres Mannes noch verstärkt. Der Alkohol vergiftet nicht nur die Gegenwart, mehr und mehr dämmert es Faith, dass der Schnaps auch etwas mit dem Verhalten ihrer Kleinen zu tun haben könnte; sie hatte auch in der Schwangerschaft getrunken.

So nehmen die Dinge ihren Lauf. „All the little Pieces“ heißt das Buch im Original. Stück für Stück ergibt sich die Handlung. Leider im wahren Wortsinn, es geht um Leichenteile, um zerstückelte Frauen, um zwei Serientäter. Doch der eigentliche Albtraum ist ein anderer. Es ist der Zerfall jeglicher Normalität, der Verlust ihrer Sicherheit, den Faith erleidet, seit sie zur Zeugin wider Willen wurde. Ihr langsamer Absturz, den sie aufhalten könnte – wenn sie denn könnte.

Vieles an dieser Geschichte können Frauen bestimmt besser verstehen als Männer. Warum es Faith einfach nicht gelingt, vernünftig zu handeln. Wieso sie ihrem Mann einfach nicht verzeihen kann. Weshalb sie sich so gehen lässt. Zu Hause, im Lehnstuhl, ist das schon gruselig genug, sagt Margarete von Schwarzkopf. Doch vorgelesen sei es viel schlimmer. Ob sich deswegen so wenige Männer in die Lesung trauten?

Jilliane Hoffman in der Aula des Ratsgymnasiums

Fotos: Holger John

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