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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 24 2023

Robert Seethaler lädt in sein Café Namenlos und eine Leserin hilft ihm dabei

Überraschung in Kesselsaal

Nach vielen Versuchen hat es endlich mit Robert Seethaler in Erfurt geklappt. (Foto: Uwe-Jens Igel)
Nach vielen Versuchen hat es endlich mit Robert Seethaler in Erfurt geklappt. (Foto: Uwe-Jens Igel)

Von Sigurd Schwager

Von diesem berühmten Herbstlese-Gast ließe sich kurz und knapp sagen: von Geburt a echter Weana, von Beruf ein echter Dichter aus Lakonien. Robert Seethaler, der Wiener mit böhmischen Wurzeln, ein Nachfahre der alten Griechen? Das passt schon, ist es doch gerade die packende Lakonie, die Publikum und Kritik an seinen schmalen Romanen so schätzen. Deshalb wird man kaum eine Rezension finden, die nicht auch eine Feier des Lakonischen wäre.

Selbst der Klappentext des jüngsten Buches nimmt den Grundton L wundersam auf. Drei Sätze müssen als Biografie für den Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler genügen: „Robert Seethalers Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Mit seinem Roman Ein ganzes Leben stand er auf der Shortlist des International Booker Prize. Er lebt in Berlin und Wien.“ Wechselt man für mehr Wissen ins Netz, wird dort der Verlag noch lakonischer: „Diese:r Autor:in hat leider keine Kontakt- oder Social-Media-Angaben hinterlegt.“

Immerhin hat die Süddeutsche online hinterlegt, was sie den Autor einmal gefragt hat. Nämlich: Ob auf 100 Seiten genauso viel gesagt werden könne wie auf 600? Seethalers Antwort: „Genauso viel und genauso wenig. In einem guten Satz steckt mehr als in einem schlechten Buch. Erzählen heißt erfinden. Keine Geschichte lässt sich endgültig zusammenfassen, weder auf hundert noch auf zehntausend Seiten. Schreiben heißt auswählen: Schlaglichter, Bilder, Momente. Wenn man Glück hat, kann man über eine solche Auswahl etwas vom Leben begreifen.“

Damit beendet der Berichterstatter den eher unspartanischen Prolog und wendet sich dem aktuellen Herbstlese-Geschehen zu. Hierbei handelt es sich um ein lang herbeigesehntes Ereignis. Oft sollte und wollte Robert Seethaler nach Erfurt kommen. Jetzt endlich gibt er sein Herbstlese-Debüt. Was lange währt... Programmchefin Monika Rettig, man sieht und hört es, freut sich von Herzen. Das entspricht der Verfasstheit des Publikums, welches in die Zentralheize geströmt ist und im großen alten Kesselsaal an Beifall nicht spart.

Freundlich bedankt sich der baumlange Autor. Er nimmt Platz und der Abend seinen Lauf – allerdings nicht den erwarteten. Statt zu lesen überrascht Seethaler den Saal mit einer Bitte. Seine Gesprächspartnerin vom Verlag sei leider erkrankt und er nun hier oben ziemlich einsam. Ob denn nicht jemand Lust aufs Moderieren habe? Er meine das wirklich ernst. Lust schon, doch die Arme bleiben unten, vielleicht ist der Respekt zu groß. Dann, der vereinsamte Dichter lässt nicht locker, meldet sich eine Dame und begibt sich zügig auf die Bühne, was der Herbstleser und das Publikum gleichermaßen begeistert zur Kenntnis nehmen.

Sogleich zeigt sich, dass auch Seethalers Erfurter Helferin zu Lakonie neigt. Als er wissen möchte, ob sie Bücher von ihm gelesen habe, antwortet sie vielsagend: „Viele.“ Es entwickelt sich sodann eine muntere Plauderei, fast fühlt man sich mit am Tisch im Caféhaus. Wie er nach Erfurt angereist sei? Mit der Bahn und sogar pünktlich. Wie er auf die Ideen zu seinen Geschichten komme? Die ganze Welt bestehe aus Ideen und meist beginne das Schreiben mit einem Bild. Obwohl er von Geburt an schlecht sehe, sei er ein visueller Typ, beobachte gern. Wie ihm solche Figuren gelingen, die ihr beim Lesen immer so zu Herzen gehen? Er liebe randständige Menschen und Situationen. Grenzüberschreitungen.

Man hätte beiden noch lange zuhören mögen. Weil aber zum Autorenabend neben dem Signieren vor allem das Vorlesen gehört, naht dann doch das Gesprächsende. Seethaler verabschiedet die beste aller Leserinnen: „Hat sie super gemacht!“ Umarmung und Abgang unter tosendem Applaus. Dem Berichterstatter jedenfalls werden die vergangenen Minuten als die schönste Episode der 27. Herbstlese in Erinnerung bleiben.

Nun folgt der Teil, der allein Robert Seethaler und seinem achten Roman „Das Café ohne Namen“ gehört. Er handelt im Wien der sechziger Jahre von Menschen im Café. Kein Sacher, kein Sperl, kein Central, sondern ein Treffpunkt der verlorenen Seelen im Karmeliterviertel. Der Autor liest die ersten Seiten seines Buches. Wir lernen den Gelegenheitsarbeiter Robert Simon kennen, der später ein Café eröffnen wird. Jetzt bleibt der junge Mann erst einmal an der Straßenecke stehen, um einen Blick in den Gastraum des ehemaligen Marktcafés zu werfen. „Er legte die Stirn an die Scheibe und spähte mit zusammengekniffenen Augen ins Innere (...). Es sah aus, als hätten die Wände Gesichter.“ Man lauscht und erinnert sich, dass Seethaler vor wenigen Minuten mit seiner Erfurter Leserin genau über diese Szene gesprochen hat. Der junge Mann am Fenster: das allererste Bild von einem noch ungeschriebenen Buch.

Lesen und Erzählen wechseln sich im Kesselsaal ab. Er höre sich selbst zu, sagt Seethaler, und versuche den Bildern, die auftauchen, eine Form zu geben. Ein Sammler von Augenblicken für ein Augenblicks-Mosaik. Der Autor spricht von seiner Kindheit und Jugend im 2. und 10. Wiener Bezirk. Heimat sei für ihn der Ort der ersten Male. Der erste Kuss, die erste Prügelei.

Und weil, wie Seethaler in Erfurt an anderer Stelle betont, nichts zufällig geschieht, darf man sich im neuen Buch auch auf autobiografische Spurensuche einlassen: Die Stadt Wien1966 in den Worten ihres Sohnes vom Jahrgangs 1966, das Café Namenlos im Arbeiterviertel, wo der Autor aufgewachsen ist, ein Held schließlich, der Robert heißt und dessen Nachnamen mit S. beginnt.

Wer das Wiener Café Namenlos im Erfurter Kesselsaal besucht, dem serviert Robert Seethaler eine literarische Melange, der es an nichts fehlt, schon gar nicht an Humor. Des Dichters Lakonie ist eine mit viel Witz und der Auftritt zweier älteren Damen im 9. Buch-Kapitel der heitere Höhepunkt des Abends. „Wir sind in Wien, da ist jeder nette Mensch verdächtig.“ – „Die Hoffnung ist die Schwester der Dummheit.“ – „Was soll ich ständig nach vorne schauen, wo da nichts mehr ist?" Szenenapplaus für Schmäh vom Feinsten.

Noch mehr Beifall erhält der Herbstlese-Gast, als er das Publikum direkt anspricht: Dass wir hier in Erfurt so friedlich zusammensitzen, sagt er, sei eine schöne Selbstverständlichkeit, aber in diesen Zeiten eigentlich auch ein Wunder. Wir alle sollten mehr solche Gelegenheiten wahrnehmen.

Die Lesung endet mit einer zweiten Premiere in Gestalt eines Doppelgeschenks. Der Erfurter Künstler Karsten Kunert hat nicht nur den Dichter aus Lakonien porträtiert, sondern auch die lakonische Helferin.

Ein Abend wie im Kino. Vielleicht besucht man auch dort irgendwann das Café Namenlos.

 

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