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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 14 2021

Stefan Schwarz und sein Roman „Da stimmt was nicht“

Von Stimmen, Schafen und Schmauchmänneln

Stefan Schwarz und das Erfurter Publikum sind sich bereits seit Jahren herzlich zugetan.
Stefan Schwarz und das Erfurter Publikum sind sich bereits seit Jahren herzlich zugetan.

Von Sigurd Schwager

Gäbe es eine Hall of Herbstlese, Stefan Schwarz wäre längst darin aufgenommen. Schwarz, der Erfurter Lese-Stammgast und Publikumsliebling. Schwarz, der Mann mit dem Gespür für Komik und der Lizenz zum immerwährenden Füllen von leeren Seiten und Sälen. Bei diesem Autor und seiner Thüringer Fangemeinde darf man wohl von einer ganz besonderen Beziehung sprechen und Loriot abwandelnd sagen: Eine Herbstlese ohne ihn ist möglich, aber sinnlos. Letztmalig belegt durch seinen großen Auftritt als kleiner Gartenversager im November 2019.

Und dann? Dann beginnen für alle die pandemischen Zeiten und in ihnen für Stefan Schwarz noch die Tage und Nächte mit der Diagnose Krebs und den Mühen der Therapie.

Jetzt, im November 2021, ist er zurück, steht wieder auf der großen Bühne des Erfurter Theaters, genießt sichtlich bewegt den Beifall, verbeugt sich und fotografiert wie früher mit seinem Smartphone das zahlreich erschienene Publikum. Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig, die ihn herzlich willkommen heißt, sagt einen erwartungsfrohen Satz, den der Abend bestätigen wird: „Mit Stefan Schwarz als Gast kann eigentlich gar nichts schiefgehen.“

Der Autor stellt sein neues, natürlich wieder satirisch angelegtes Buch vor, laut Verlagsprosa ein Roman über einen aberwitzigen Kollateralschaden in der modernen Empörungsgesellschaft. Titel: „Da stimmt was nicht“. Held und Erzähler ist ein gewisser Tom Funke, mittelalter Mann, Synchronsprecher und als solcher die deutsche Stimme des Hollywoodstars Bill Pratt.

Die Idee zum Buch, berichtet der Autor, habe er dem Leben entlehnt. Er kenne einen Schauspieler, Till Hagen, der sei die hiesige Stimme von Kevin Spacey. Gewesen. Denn die schöne Schurken-Synchronrolle wird mit in den Abgrund des realen Skandals gerissen.

Stefan Schwarz beginnt in Erfurt seine Lesung an der Stelle, wo so viele Autorenlesungen dieser Welt beginnen: am Anfang, im ersten Kapitel, beim ersten Satz. Das Publikum lernt den Romanhelden und dessen Familie kennen. Den Sohn Linus, der aus Gründen der Differenz den Papa jetzt nur noch Vater nennt. Die Eltern und deren Leben, das der Autor in wenigen Sätzen wunderbar konturiert: „Sie war Musikpädagogin. Eine üppige Frau mit einem schmalen Mann.“ Und weiter: „Erst als sich meine eigene Ehe aufzulösen begann, verstand ich, dass meine Mutter einen gutmütigen, ungefährlichen Mann gesucht hatte, den sie lieben konnte, aber nicht musste. Mein Vater hingegen, glaube ich, wollte es einfach warm haben.“

Tom Funkes Vater, erfährt man, versieht im Range eines Oberstleutnants seinen Dienst in der Zivilverteidigung. „Mein Vater war dafür zuständig, dass alle Bewohner seines Bezirks im Falle eines Atomkriegs Rotwurst-, Leberwurst- und Sülzfleischdosen für vier Wochen haben würden. Ein sinnvoller Beruf. Atomkrieg an sich ist schon schlimm, aber ohne Wurstkonserven praktisch nicht auszuhalten.“ An dieser Stelle der Lesung geht der latente Publikumsfrohsinn zum ersten Mal in unmittelbaren Szenenapplaus über. Worauf Schwarz im Text inne hält und sich bedankt: In Thüringen vorzulesen, sei wirklich noch einmal etwas ganz anderes.

Es folgen bis zur Pause vier weitere Szenen, handelnd von einem höchst lukrativen Werbeauftritt für eine Bank, vom Techtelmechtel mit der attraktiven Birte, von einem Havelblick-Haus-Kauf in Potsdam und von einem Anruf aus LA. Der große Bill Pratt will zur Filmpremiere nach Berlin kommen und unbedingt seinen Synchronsprecher treffen. Mit dieser Information schickt Stefan Schwarz sein bestens unterhaltenes Publikum in die Halbzeitpause.

Weil niemand ein Buch kauft, von dem schon alles Wichtige bekannt ist, bleibt der Autor nach der Pause im Allgemeinen, referiert andeutungsreich einen „Vorfall mit Schafen“ und den unausweichlichen tiefen Fall des Superstars und seiner deutschen Stimme. Währenddessen blättert sich der Autor zügig voran bis zu den letzten 50 Seiten des Buches und liest eine Passage, in der Tom Funke statt Hollywood nun einer mittelständischen Präzisionsdreherei seine Stimme zu Werbezwecken leiht. Insgesamt 700 Spezialdrehteile aus der Welt der Verbindungselemente spricht er ein. Der Charme der butzenfreien Kühlelemente, die gerändelten Kugelköpfe und gebogenen Spindeln, die Vierkantflansche und die Anschlussnippel, die Zapfen mit Sternkontur und die Mittelbolzen… Man könnte dem Vortragenden stundenlang lauschen und kommt sich dabei vor wie der Metallwaren-Geschäftsführer, dem Stefan Schwarz die Frage in den Mund legt: „Werde ich je wieder in eine unserer Fertigungshallen gehen können, ohne dass mich aus jeder Teilekiste Schicksale aus Metall anspringen?“

Dann wechselt der Autor ins 10. Kapitel, und wir begleiten Tom Funke in die Fernsehshow Talk um Zehn mit dem Moderator Mark Hofer und ganz und gar nicht moderaten Debatten von Möpsen und Dörrpflaumen.

Der Schreiber dieser Zeilen gesteht, dass ihn die final vom Autor vorgetragene Szene mehr erheitert hat. Darin bewirbt sich der Held in Berlin Mitte um einen Stand für den Weihnachtsmarkt. Er präsentiert der zuständigen Dame vom Amt seine Schmauchmännel-Gruppe. Drei gedrechselte Männel, die nicht aus dem Mund rauchen, sondern aus einem Loch in der Brust. Ein viertes Männel vor ihnen hat eine Räuberpistole in der Hand, die ebenfalls raucht. Die Auftaktszene aus Sergio Leones Film „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Weil in der DDR die Western offiziell nicht gern gesehen waren, erklärt der Held, hätten erzgebirgische Drechsler auf diese Weise das klassische Western-Welterbe den Menschen hinter dem Eisernen Vorhang nahegebracht. Diktatur mache erfinderisch, staunt die aus Hildesheim stammende Amtsperson. „Es klang fast“, liest Stefan Schwarz, „als wäre sie neidisch auf diese Erfahrung. So geht es ja den Westdeutschen. Sie waren schon auf den Malediven und in Angkor Wat, aber noch nie als Untertanen in einer Diktatur.“

Der Beifall im Erfurter Theater ist lang und herzlich und die Vorfreude auf ein Wiedersehen schon jetzt sehr groß. Denn Stefan Schwarz kündigt an, dass es im nächsten Jahr zwei neue Bücher von ihm geben werde. Das eine ist ein Gemeinschaftswerk mit der Kabarettistin Katrin Weber, das andere die literarische Reflexion seiner Krankheit. Mit beiden Büchern, sagt er, würde er gern wieder nach Erfurt kommen.

So soll es sein.

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