Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 25 2013

Warane in Bangkok, Graureiher im Flutgraben

Bernhard Kegel ist Entomologe und Stadtökologe. Seit Jahren schreibt er Bücher über biologische Themen. Foto: Holger John
Bernhard Kegel ist Entomologe und Stadtökologe. Seit Jahren schreibt er Bücher über biologische Themen. Foto: Holger John

Mit ein wenig Glück kann man den langbeinigen Gesellen sehen. Er steht oft im Flutgraben, hinter der Brücke Ecke Heß-Breslau-Straße. Zu nah lässt er neugierige Spaziergänger nicht an sich heran; mit kräftigen Flügelschlägen steigt er auf, dreht eine weite Kurve und segelt davon. Keine Frage, der Graureiher ist ein schöner Vogel. Er lebt in Erfurt, mittendrin. Berichte wie über ihn hört man inzwischen aus vielen Städten.

Bernhard Kegel erzählt von einem in Berlin. Der zwischen U-Bahn und Park in einem kleinen künstlichen Teich Goldfische fängt. Ganz zum Ergötzen der Passanten. „Darf der dette?“,  wird ungläubig gefragt, wenn es wieder kurz orange in seinem spitzen Schnabel aufblitzt.

Tiere in der Stadt. Das ist das Thema des Berliners Bernhard Kegel. „Tiere in der Stadt“ ist auch der Titel seines Buches, das er bei der Herbstlese vorstellt; im Naturkundemuseum, ein Novum der Programmreihe. Doch der Ort ist gut gewählt. Dicht gedrängt sitzt das Publikum in der ersten Etage, der Autor hat Minerale im Rücken und Fossilien. Etwas wie Leben immerhin.

Es ist ein angenehmes Lesen, weil Bernhard Kegel auch viel erzählt, weil er Interessantes zu berichten weiß. Von den Nachtigallen, die gegen den Stadtlärm ansingen müssen. Die es ruhiger angehen lassen, wenn es am Wochenende nicht ganz so laut ist. Mit Akribie wurde der Zusammenhang zwischen Sängern und Geräuschkulisse erforscht und gefunden. Die lauten Nachtigallen sind nicht größer und daher stimmgewaltiger als ihre zurückhaltenderen Artgenossen, sie müssen aber lauter sein, um bei der Partnersuche nicht überhört zu werden.

Es sind Geschichten wie diese, die den Abend so bezaubernd machen. Dabei sind die Vögel unter den städtischen Zuzügen eine ganz kleine Minderheit, von den meisten tierischen Nachbarn merken wir fast nichts. Das muss nicht schlecht sein, denn wüsste so manche Städterin, mit wie vielen Spinnen zum Beispiel sie zusammenlebt, ihr Alltag wäre um einiges unruhiger. 155 Arten der Gliederfüßer hat man in Köln gezählt, in Warschau 254. In der Hauptstadt dürften es sogar doppelt so viele sein, schätzt Bernhard Kegel.

Doch was sind schon Spinnen im Vergleich zu Waranen in Bangkok oder tausenden Flughunden in Sydney? Da haben wir es mit ein paar Weberknechten oder Zitterspinnen nicht so schlecht getroffen. Zumal wir ja selbst die eine oder andere Invasion selbst verschuldet haben. Draußen, vor den Toren der Stadt, wird die Wildnis immer kleiner, also kommen die Tiere zu uns: Füchse, Wildschweine und Waschbären.

Apropos Bären. Die machen in Nordamerika inzwischen große Sorgen. Ein wirklich friedliches Miteinander mit ihnen ist nicht drin. Viel Aufklärung tut Not, um hier zu Lösungen zu finden. Oder Indien, wo immer wieder einmal ein Leopard zwischen Wohnhäusern auftaucht, leider ist das oft für ihn ein Ausflug, der tödlich endet.

Doch Leoparden hin und Bären her, auch in Deutschland kann vieles aus dem Ruder laufen. Aus Unkenntnis zumeist, wenn die Wildtiere gefüttert werden. Das sollten wir, bittet Bernhard Kegel, doch lieber sein lassen.

Der Abend endet in einer Fragerunde und mit dem Graureiher. Nimmt die Fluchtdistanz der Vögel mit der Zeit ab, möchte ein Mann aus dem Publikum wissen. So schnell geht es aus Sicht des Experten nicht. Aber auch Tiere haben so etwas wie Persönlichkeit, meint Bernhard Kegel; einige sind mutiger, andere fliehen schon, wenn sie einen Menschen aus großer Entfernung wahrnehmen. Aber auch das, verspricht er, wird gerade richtig erforscht.

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