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Okt. 17 2020

Valerie Schönian, Steffen Dobbert und das Ostbewusstsein - Rückblick II

Was trennt, was eint

Steffen Dobbert und Valerie Schönian stießen mit ihren Thesen zum Osten beim Erfurter Publikum nicht nur auf Zustimmung. (Foto: Holger John)
Steffen Dobbert und Valerie Schönian stießen mit ihren Thesen zum Osten beim Erfurter Publikum nicht nur auf Zustimmung. (Foto: Holger John)

Von Lucie Keller (*)

In der Aula des Ratsgymnasiums sitzen Freitagabend mit Moderatorin Romy Gehrke (Jahrgang 1967) und den Gästen Steffen Dobbert (1982) und Valerie Schönian (1990) drei Generationen von in Ostdeutschland Geborenen auf der Bühne.

Allerdings kann Gehrke unter ihren Gegenübern kaum weitere Gemeinsamkeiten feststellen, denn die Autoren haben ein jeweils eigenes Buch und vor allem eine eigene Meinung im Gepäck. Schönian geht in „Ostbewusstsein“ ihrem inneren Ossi auf die Spur, Dobbert reist in „#Heimatsuche. In 80 Tagen durch Mecklenburg-Vorpommern“.

Es geht um darum, ob „Ost“ und „West“ mehr sind als Himmelsrichtungen, um Struktur- und Machtverteilungen, um die Debatte zum „Unrechtsstaat“ sowie um die Lebensleistung der Ostdeutschen.

Schönian wuchs zunächst in dem Glauben auf, dass Ost und West keine Rolle mehr spielen. Erst mit ihrem Umzug nach Berlin fiel der Magdeburgerin auf, dass gar nicht alle wissen, was ein Polylux ist, bei „Kling Klang“ von Keimzeit nicht jeder mitsingen kann und die meisten Astronauten statt Kosmonauten sagen. Die Zuschauer lachen mit und Schönian resümiert diese Erfahrungen als „eher lustig“. Bis in Dresden Pegida aufmarschiert und sie mit dem Klischee des „Jammerossis“ konfrontiert wird. Dem geht sie nach und merkt, dass mit dem Fall der Mauer zwar die DDR, aber nicht der Osten verschwunden sei: „Der Osten ist mehr. Er ist auch Struktur, Sozialisation und Kultur.“

Anders sieht das Dobbert. Er meint, dass wir uns als Gesamtgesellschaft auf die Gegenwart konzentrieren sollten und nicht jeden 3. Oktober die immer gleiche Litanei abhalten. Schließlich ist „auch mal gut mit den Fragen danach, was trennt und was eint“. Was solle ein Ossi überhaupt sein? Er ist in Wismar geboren, lebte in Hamburg, München und Berlin. „Wenn man so will, bin ich ein ‚Wossi‘ – vielleicht auch einfach ein Mensch aus Deutschland“.

Danach folgt ein Austausch der Argumente à la „bestehende Ungleichheit in Renten und Löhnen“ (Schönian) versus „heutzutage besteht Chancengleichheit, eine Wiederholung der Zahlen bringt nichts“ (Dobbert). Als Gehrke fragt, „welche Erzählung der DDR wohl in Schulbüchern der neuen Generation steht?“, wird es emotional. Während Schönian ihre Wahrnehmung mit der Kurzformel „nur Stasi und Widerstand, das Alltägliche fehlt“ zusammenfasst, bedauert Dobbert, auf eben dieses Thema bisher nicht weiter eingegangen zu sein. Er zeigt Bilder vom Stasi-Gefängnis in Rostock und wirft Schönian vor, das in ihrem Buch zu wenig zu beleuchten. Diese verteidigt sich damit, „keinen Vollständigkeitsanspruch zu erheben“, woraufhin Dobbert mehr an die „Stasi-Spitzel überall“, „die Diktatur“ und „den Unrechtsstaat“ erinnern will.

Bei diesen Worten bricht Unruhe im Saal aus, Jacken werden angezogen. „Ob man darüber jetzt wirklich noch streiten will?“, fragt Schönian mit Blick auf die Uhr. „Vielleicht müssen wir das“, fordert Gehrke. Einige verlassen aufgebracht den Saal. Draußen vor der Tür sagen Stimmen, die Worte Dobberts seien „anmaßend“ und „Ja, es war ein Unrechtsstaat, aber wir haben nicht alle Unrecht begangen.“ Drinnen sagt Rudolf Bause ins Gäste-Mikrofon: „Genau das ist es, was jeden 3. Oktober passiert. Jede Diskussion um bestehende Ungleichheiten wird abgebrochen. Es wird vom Unrechtsstaat geredet und Menschen darauf reduziert. Wir müssen Leistungen anerkennen.“

„Eine interessante Veranstaltung, aber sie hätten das mit dem Unrechtsstaat an anderer Stelle besprechen sollen, sich vorher einigen…“, sagt Besucherin Hannelore S. Ein Mann murmelt im Vorbeigehen: „Wenn das so einfach wäre…“.

(*) Dieser Beitrag erschien zunächst in der Lokalausgabe Erfurt der „Thüringer Allgemeine“.

Steffen Dobbert und Valerie Schönian im Ratsgymnsaium

Fotos: Holger John

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