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Okt. 15 2020

Dirk Kurbjuweit stellt seinen Kriminalroman „Haarmann“ zur Herbstlese vor

„Warte, warte nur ein Weilchen..."

Dirk Kurbjuweit im Evangelischen Ratsgymnasium (Fotos: Holger John)
Dirk Kurbjuweit im Evangelischen Ratsgymnasium (Fotos: Holger John)

Von Sigurd Schwager

Nachdem der Gast dieses Herbstlese-Abends, ein renommierter Journalist und Schriftsteller, sich im Haus am Breitstrom sanft dafür entschuldigt hat, noch nie zuvor in Erfurt gewesen zu sein, ein Fehler natürlich, beginnt er von seiner Großmutter zu erzählen. Oma Bösel, man könne es bei dem Namen wohl erahnen, sei eine gestrenge Frau gewesen. Wenn er als Kind etwas getan habe, das er ihrer Meinung nach keinesfalls hätte tun sollen, dann sei ein böses kleines Lied zum pädagogisch wertvollen Einsatz gekommen: Warte, warte nur ein Weilchen! Bald kommt Haarmann auch zu Dir. Mit dem kleinen Hackebeilchen...

 „So kam Haarmann in mein Leben, damit bin ich aufgewachsen“, sagt Dirk Kurbjuweit, für den sich nun im Großvater-Alter der Kreis der Enkel-Erinnerung geschlossen hat: mit seinem Kriminalroman „Haarmann“. Nach beträchtlicher Recherche. Deren Basis benennt Kurbjuweit in Erfurt und beschreibt sie auch im Buch selbst an dessen Ende: Grundlage des Romans sind die Bücher „Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs“ vom damaligen Prozess-Beobachter Theodor Lessing sowie „Die Haarmann-Protokolle“.
Dirk Kurbjuweit muss dem Herbstlese-Publikum nicht groß erklären, wer Haarmann ist. Und auch nicht, was es mit dem Lied auf sich hat, warum nicht das Glück mit dem ersten blauen Veilchen kommt, sondern ein Mann mit dem Hackebeilchen. Denn Fritz Haarmann aus Hannover, der von 1918 bis 1924 mindestens 24 Buben und junge Männer auf bestialische Weise umbrachte, tot biss, ist der vielleicht bekannteste Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte.

Warte, warte nur ein Weilchen.. .Die makaber gewendete Operettenseligkeit, die es 1961 sogar in die Hitparade schafft, veranschaulicht auf sehr spezielle Weise das öffentliche Interesse. Immer wieder zieht der Fall Künstler in seinen Bann. Haarmann im Buch und auf der Bühne, Haarmann in der bildenden Kunst und im Film, Haarmann im Hörspiel und in der Graphic Novel. Zu den Werken, die ihn am stärksten beeindruckt haben, gehört für Dirk Kurbjuweit der Film „Der Totmacher“ von 1995 mit Götz George als Haarmann und Jürgen Hentsch als Psychiatrieprofessor Ernst Schultze. Die Dialoge gründen auf den originalen Gesprächs-Protokollen aus dem Jahr 1924. Herbstlese-Gast und Publikum sind eins im Urteil: ein großartiger George in seiner besten Rolle.
 Er sei sich der Schwierigkeiten bewusst gewesen, sagt Kurbjuweit, auf die er sich beim Schreiben seines Kriminnalromans eingelassen habe.Wer das Buch lese, wisse schon vor der ersten Zeile, wer der Mörder ist. Und auch der weitgehend dokumentierte Handlungsverlauf berge wenig Geheimnisse. Das Rätsel, das ihn interessiere: Wie konnte es sein, dass Haarmann so lange so viele Jungs umbringen konnte, ohne entdeckt zu werden? Dem nähere er sich aus drei Perspektiven: der eines Jungen, der für die Opfer stehe; der des Mörders und schließlich der des Ermittlers. Dieser erfundene Robert Lahnstein stehe im Zentrum des Geschehens vor dem Hintergrund von Hitler-Putsch, Verrohung und Radikalisierung der Gesellschaft.

 Die politische Dimension rückt mit dem Ermittler ins Blickfeld: Ob der Staat seine Bürger zu schützen vermag und wie wehrhaft die Demokratie gegenüber ihren Feinden sei. Die längeren Passagen, die Dirk Kurbjuweit aus seinem Buch vorliest, geben einen guten Eindruck davon, wie der Autor die grausige Handlung in die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit einbettet.

Beim Zuhören wird deutlich, warum Kurbjuweit für sein neues Buch von der Kritik bislang mit viel Lob bedacht worden ist. „Wer glaubt“, schreibt  ein Rezensent, „es ließe sich diesem gut durchgearbeiteten Stoff nichts Neues mehr abgewinnen, wird von Kurbjuweits Kriminalroman angenehm überrascht sein. Der Stil ist nüchtern, die Sprache schnörkellos, die Darstellung vielschichtig und der Befund alles andere als eindeutig. Ein bemerkenswertes Buch über eine Zeit, die wir uns, nicht ohne Grund, angewöhnt haben für den Beginn unserer Gegenwart zu halten“.

Ähnlich sieht es wohl auch das Erfurter Publikum und applaudiert dem Gast kräftig. Dass Kurbjuweits Roman nicht der letzte Beitrag zum Thema ist, darf als sicher gelten. Wie Serienmörder Haarmann, der auch ein Polizeispitzel war, endet, das wissen wir: Am 19. Dezember 1924 zum Tode verurteilt, stirbt er am 15. April 1925 in Hannover durch das Fallbeil. Sein Kopf, aufbewahrt im Göttinger Institut für Rechtsmedizin, wird erst im März 2014 eingeäschert und anonym bestattet. Aber vieles wissen wir nicht, manches Rätsel bleibt vielleicht für immer unaufgelöst.. So ist denn auch fast 100 Jahre später ein Endes des Interesses am Fall Haarmann kaum absehbar -  und eine Groß-Serie bei Netflix & Co. nur eine Frage der Zeit.

Dirk Kurbjuweit liest "Haarmann" im Evangelischen Ratsgymnasium (Fotos: Holger John)

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