Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 17 2017

Jan Weiler gestaltet mit „Und ewig schläft das Pubertier“ einen munteren Familienabend im Erfurter Theater

Weiler on tour

Jan Weiler füllt inzwischen auch locker das Theater in Erfurt.
Jan Weiler füllt inzwischen auch locker das Theater in Erfurt.

Von Sigurd Schwager

Darauf ist Verlass: Jan Weiler schreibt immer. Reportagen und Kolumnen, Kurzgeschichten und Romane, Kochbücher und Drehbücher, Gedichte und Hörspiele. Besonders angetan hat es ihm jenes unergründliche Universum, das man Familie nennt. Seine verdichteten Beobachtungen landen in schöner Regelmäßigkeit weit vorn auf den Bestsellerlisten.

Der Mann, der immer schreibt und gerade 50 geworden ist, hat aber auch noch ein zweites Leben, das einer Rampensau. Er ist ein leidenschaftlicher Bühnenkünstler seiner selbst. Lange vorbei die Zeiten, da er durch kleine Buchhandlungen tingelte. Wenn er heute seinem neuen Buch hinterher reist , dann heißt es nicht „Weiler liest“, sondern angekündigt wird „Weiler on tour“.

Die Säle für diese One-Man-Show können gar nicht groß genug sein. Bei seinen beiden letzten Auftritten in Erfurt füllte Herbstlese-Stammgast Jan Weiler den Kaisersaal bis hoch in die Ränge. Der Wechsel in das Erfurter Theater ist logisch und das Haus wie erwartet ebenfalls ausverkauft.

Mitgebracht hat Weiler sein jüngstes Buch „Und ewig schläft das Pubertier“, den dritten Band einer sehr erfolgreichen Reihe, die der Autor, sich sanft bespöttelnd, als „Pubertier-Saga“ bezeichnet. Zumindest benötigt Weiler einen heldenhaft langen Atem, denn er bestreitet einen Ultramarathon der Pubertiere durch die deutschen Lande. Auf Erfurt folgen bis Jahresende noch 12 weitere Gastspiele, und danach ist noch lange nicht Schluss. Im hiesigen Ticket Shop kann man im November 2017 Karten erwerben für einen Pubertier-Abend, der am 15. November 2018 um 20 Uhr im Volkshaus Jena beginnen wird.

Doch zurück nach Erfurt ins Hier und Heute. Das erwartungsfrohe Herbstlese-Publikum, wie immer sind die Damen in der Überzahl, ist bestens auf den Abend eingestimmt. Viele haben jüngst die ZDF-Pubertier-Serie gesehen und einige auch den Film von Leander Haußmann. Das hat der Beliebtheit der Weilerschen Bücher und ihrer Helden vermutlich nicht geschadet, im Gegenteil. Buch, Bildschirm, Kinoleinwand und jetzt gewissermaßen als Krönung die große Opernbühne - das passt.

Original bleibt Original. Am schönsten ist es, wenn der gestresste Vater der Pubertiere Carla und Nick und duldsame Gatte von Sara höchstpersönlich aus dem Familien-Nähkästchen plaudert.
Wobei sich die Pubertier-Fans in Erfurt sehr wohl dessen bewusst sind, dass sie der Mann auf der Bühne weder in ein intimes Tagebuch noch durch ein Schlüsselloch blicken lässt. Die treuesten der treuen Leser wissen vielleicht sogar, dass Jan Weiler mit Sandra, einer Italienerin, verheiratet ist und ihre Kinder Mella und Tim heißen.

Wie das Buch so das Programm: Beide bieten intelligente und pointenreiche Unterhaltung, bei der sich Witz und Sprache gut vertragen.

Auch an diesem Abend geben bereits die ersten beiden Sätze die heiter gelöste Grundstimmung vor. „Alles gut?“ fragt Jan Weiler. Nickende Köpfe und bejahendes Gemurmel. „Zuhause auch?“ Die optische und akustische Antwort des Publikums ist weit weniger eindeutig.

Den Kindern, Carla, inzwischen 19, und Nick, jetzt 15, gehe es gut, sagt Weiler. „Aber ich bin in einer Sinn-, Lebens- und Arbeitskrise.“ Bei der amüsanten Krisenbewältigung darf man ihm dann zweieinhalb Stunden zusehen und zuhören. Über Nick, der vormittags an Schultagen gern von seltsamen Krankheiten heimgesucht wird, erfahren wir zum Beispiel, dass er zum ersten Mal in seinem Leben Wäsche auf die Leine gehängt habe - trockene und schmutzige zwar, aber immerhin. Und Carla erst, die ein sehr starkes Pubertier geworden ist. Bei Bedarf könne sie sich blitzschnell verwandeln. In ein Lamentier, in ein Boykottier und besonders gerne in ein Diskutier. Als solches suche sie regelmäßig die Auseinandersetzung mit ihrem Vater und bringe ihn nicht selten an den Rand seiner intellektuellen Möglichkeiten. Aktuelles Lieblingsthema: die geschlechtergerechte Sprache. Elefantinnen und Elefanten zum Beispiel. Dass Carla auch ihren Fahrschullehrer in den schieren Wahnsinn treibt, versteht sich von selbst.

So geht das immer weiter zur hellen Freude des Publikums, das sich in all den analogen oder digitalen Dramödien des Familienlebens ziemlich gut wiedererkennt. Neben der lieben Verwandtschaft darf selbstverständlich auch Ulrich Dattelmann, der übermächtige Vorsitzende des Schulvereins, im Programm nicht fehlen.

Gelegentlich klappt Jan Weiler sein aktuelles Buch zu und packt dafür, der Advent ist nicht mehr weit, die etwas älteren, aber immer noch schmackhaften „Berichte aus dem Christstollen“ aus.
Bis zum Abspann ist auf den Mann Verlass. „Erfurt! Erfurt! Erfurt!“ Weder fehlt die Ode an das Publikum und die Stadt noch die angekündigte Zugabe: „Mache ich immer so!“

Nach dem rauschenden Beifall eilt er zum Signiertisch. Er unterschreibe auch Bücher, verspricht er, die er nicht geschrieben habe etwa von Kehlmann oder Fitzek. Aber alle in Erfurt wollen in diesem Moment nur das eine: eine Unterschrift von Jan Weiler.

Jan Weiler im Theater Erfurt

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