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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 26 2020

Vanessas Blog: Die Erfurter Herbstlese und ich (Teil 1, September 2020)

Wie ich gleich zur Legende wurde

Vanessa Kaupe absolviert ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Erfurter Herbstlese. Hier schreibt sie über ihre Erlebnisse.
Vanessa Kaupe absolviert ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Erfurter Herbstlese. Hier schreibt sie über ihre Erlebnisse.

Von Vanessa Kaupe

Ich war nicht aufgeregt, auch nicht nervös, als ich am 1. September 2020 zu meinem ersten Arbeitstag erschien. Dadurch, dass ich bereits an zwei Seminaren mit dem Team meiner künftigen FSJ-Stelle teilgenommen hatte, kannte ich die meisten Mitarbeiter bereits. Und ich kannte das Haus, wenn auch noch nicht wirklich gut, doch immerhin bereits in seinen Grundzügen. Irgendwann würde sich das vertiefen, hoffte ich, wie sich doch alles mit der Zeit vertiefen muss.

Nach dem Ende meiner Schulzeit hatte ich große Pläne, zu groß für eine weltweit stattfindende Pandemie. Deswegen ging ich auf die Suche nach Alternativen und fand keine Alternative, sondern das Richtige. Ein Freiwilliges Soziales Jahr hatte ich nie in Betracht gezogen, wusste ich doch durch diverse Praktika, dass ein Job im sozialen Bereich mir zwar liegt, aber im Grunde seines Wesens nicht zu mir passt. Deshalb wieder: Die Suche nach Alternativen. Ein Jahr lang etwas machen, das mich interessiert, das mich begeistert und voranbringt.

Aber was interessiert mich? Etwas, das kein Geld bringt. Musik, Literatur, Medien, Schauspiel – Kultur. Und da saß ich dann und überlegte, mithilfe welcher Praktika ich mich durch das kommende Jahr schlagen könnte. Kurz vor der Resignation tauchte ein vages Bild in Form von einer Webseite in meinem Geiste auf: FSJ Kultur. Ein FSJ voller Dinge, die mich interessieren. Im Grunde perfekt. Es dauerte nicht lang, bis ich die geeignete Stelle für mich gefunden hatte.

Nach dem offiziellen Ende der Schulzeit, einem unvergesslich schönem Sommer und einem Umzug stand ich also vor dem Kultur:Haus Dacheröden und sah nicht nur das Gebäude, sondern auch meine Zukunft an. Meine Mit-FSJlerin Cora, die sich eher auf das Haus Dacheröden fokussiert, während bei mir die Herbstlese im Vordergrund steht, wartete bereits auf mich und gemeinsam betraten wir das Gebäude.

Der erste Arbeitstag bestand daraus, dass wir eine Hausführung und einen Einblick in unsere zukünftigen Tätigkeiten bekamen. Ich erstellte mir aus der Flut an neuen Informationen einen Plan für meine künftige Morgenroutine, schrieb mir jeden Schritt detailliert auf, um Fehler zu vermeiden. Das meiste davon sollte ich jeden Tag tun, und zu meinem Erstaunen gefiel mir das, obwohl ich dachte, die Schule hätte mich jeglicher Freude an der Routine beraubt. Die letzten Jahre bin ich nicht ungern zur Schule gegangen, aber die stetige Wiederholung des unbarmherzigen Wochenrhythmus‘ hatte mich noch nie für sich begeistern können. Jetzt schon. Wieso? Weil die Routine hier zwar Routine ist, aber bei Weitem nicht alles: Flexibilität ist in der Kulturbranche sehr wichtig und als schönen Nebeneffekt bringt sie Abwechslung mit sich.

Wenn ich meinen Tag hier starte, weiß ich im Voraus oft nicht, was alles auf dem Programm steht: Vielleicht muss ein Raum geräumt werden, vielleicht muss ich Flyer verteilen, vielleicht muss ich Veranstaltungen auf unserer Website einpflegen, vielleicht habe ich besonders viel Kundenkontakt, vielleicht ergibt sich eine völlig andere Aufgabe, die so gar nicht in meinem Kopf präsent ist. So kam es diesen Monat unter anderem dazu, dass ich das mittlerweile berühmt berüchtigte „How-To: Kaffee“-Tutorial erstellte, das nun bald neben der Kaffeemaschine liegen wird und Schritt für Schritt erklärt, wie man eine Kaffeemaschine eigentlich bedient.  Die seitenlange, mit liebevollen Fotos und Beschriftungen ausgestatte, Anleitung steht damit in ihrer Form konträr zu ihrem Inhalt: Sie behandelt in äußerster Komplexität ein viel zu einfaches Thema. Dabei ist sie aber dennoch sehr hilfreich und sehr notwendig (was im Grunde betrachtet doch eher an der Menschheit zweifeln lässt). Gerade deshalb hat das „How-To: Kaffee“ in inneren Kreisen einen Legendenstatus erreicht.

Die FSJ-Stelle selbst bringt viele Vorteile mit sich. Zwar helfe ich beim Vorbereiten von Veranstaltungen mit und betreue die Abendkasse, darf aber im Gegenzug auch ohne die Ressource Geld auszugeben in den Sälen dabeisitzen und unter anderem bisher Gästen wie Marion Brasch oder Gregor Gysi lauschen. Für jemanden, der sich ohnehin für Literatur und gewisse literarische Persönlichkeiten begeistert, ist das eine große Bereicherung. Eine große Bereicherung wäre es wohl auch für jemanden, der sich nicht für Literatur interessiert. Es wäre nur fraglich, ob er sie als solche anerkennen würde.

Außerdem trifft man im Laufe seines FSJs viele Personen, die in der Kulturbranche tätig sind. Jüngst unterhielt ich mich zum Beispiel mit einem Buchhändler über seinen Beruf und erhielt dadurch viele Einblicke, die mir sonst wohl verwehrt geblieben wären. Die Möglichkeit zu Gesprächen, die einen selbst persönlich voranbringen, ist gerade deshalb unglaublich wertvoll.

Ein klares Highlight selbst habe ich nicht, weil jeder Tag für mich ein kleines Highlight ist. Jeden Morgen aufzustehen und gerne zur Arbeit zu gehen, das ist mein persönlich größter Gewinn bisher. Dazu kommen natürlich die bereichernden Kontakte zu den Kollegen und Kolleginnen hier, die uns sehr freundlich in ihr Team aufgenommen haben und verständnisvoll reagieren, wenn sich dann doch mal ein Problem ergibt. Wenn ich zum Beispiel unser Buchungssystem, den Ticketshop, in die Knie zwinge, oder er mich, nur, weil ich einen kleinen Fehler mache und er mich dafür mit vollkommener Unbenutzbarkeit straft. Immer wird mir von meinen Kollegen und Kolleginnen geholfen, ich darf stets Fragen stellen und bekomme dadurch den Eindruck, dazuzugehören und ein vollwertiges Mitglied innerhalb des Teams zu sein.

Da nächsten Monat die dritte Etappe der Erfurter Herbstlese starten wird, kommt sicherlich viel Spannendes auf mich zu. Viele Momente, viele Begegnungen, viele Erlebnisse – und ich freue mich auf jede einzelne Sekunde davon.


Alle Folgen von Vanessas Blog lassen sich einfach per Klick aufrufen:

Teil 1, September 2020 „Wie ich gleich zur Legende wurde“

Teil 2, Oktober 2020 „Kein Wort über Campino“

Teil 3, November 2020 „Absage-Frust und Video-Lust“

Teil 4, Dezember 2020 „Hurra, es ist eine Randspalte“

Teil 5, Januar 2021 „Eye in the Skype”

Teil 6, Februar 2021 „Applaus, Applaus“

Die Fotos zu Vanessas Blog

Die Erlebnisse einer FSJ-lerin bei der Herbstlese

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